Berlin - Auf den ersten Blick scheint die Sache klar zu sein: Wenn ein Corona-Impfstoff eine Wirksamkeit von 95 Prozent hat, dann schützt er 95 von 100 Geimpften vor Corona. Oder? Die kurze Antwort lautet: Nein! Richtig ist: Eine Wirksamkeit von 95 Prozent bedeutet, dass die Impfung die Anzahl der Erkrankten um 95 Prozent reduziert – also von 100 ohne Impfung auf 5 mit Impfung.

„Es erkranken ja nicht 5 von 100 Geimpften, sondern sehr viel weniger“, erläutert Wolfgang Becker-Brüser von der Fachzeitschrift Arzneitelegramm. Man dürfe die Wirksamkeit eines Impfstoffs nicht wie die eines Medikaments betrachten, das eine therapeutische Wirkung hat. Ein Impfstoff wirkt jedoch prophylaktisch. „Von Tausenden Freiwilligen, die an Impfstudien teilnehmen, erkranken ohnehin nur wenige Menschen. Und nur diese wenigen Erkrankten werden in die Wirksamkeitsbeurteilung einbezogen. Für die Beurteilung der Wirksamkeit ist entscheidend, wie gut ein Impfstoff in dieser Gruppe das Erkrankungsrisiko reduziert“, erläutert der Arzt und Apotheker.

Der grundlegende Unterschied: Die falsche erste „Auslegung“ beschreibt eine absolute Risikoreduktion, die sich auf die Zahl der Geimpften bezieht. In den klinischen Studien zur Wirksamkeit der Corona-Impfstoffe werden aber Werte zur relativen Risikoreduktion erhoben – es geht also um das Ausmaß, in dem ein Vakzin im Vergleich zu einer Placebo-Impfung vor Erkrankung schützt. Der Wert bezieht sich auf die Anzahl der Erkrankten und nicht auf die der Geimpften.

Konstrukte wie relative Risiken sind für viele Menschen nicht leicht zu verstehen. „In Fortbildungen erlebe ich regelmäßig, dass selbst Mediziner häufig Schwierigkeiten mit der korrekten Interpretation haben“, sagt der Psychologe und Risikoforscher Gerd Gigerenzer vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin.

Höchste Zeit also, das Thema gründlich zu beleuchten. Denn in der Diskussion über die bisher zugelassenen Corona-Impfstoffe und die Frage, ob manche Produkte womöglich zweitklassig sind, wird viel mit Wirksamkeiten hantiert. Und wer das tut, sollte wissen, wovon er redet – und sich Risikokompetenz erwerben, wie Gerd Gigerenzer es nennt. Dazu die lange Antwort.

Die Grundlagen: Wie die Wirksamkeit bestimmt wird

Zunächst einmal sollte man sich bewusst machen, dass die Wirksamkeitswerte nicht in Stein gemeißelt sind, sondern die bestmöglichen in der Phase der Zulassung sind. Je mehr Menschen im Rahmen der fortlaufenden Studien geimpft werden, desto klarer wird das Bild im Laufe der Zeit. Allerdings sind die Zulassungsdaten durchaus aussagekräftig und erlauben Vergleiche, weil es Bedingungen gibt, an die sich alle Entwickler halten müssen. Dazu zählt zum Beispiel, dass in der klinischen Phase 3 der Impfstoff an mehr als 10.000 Freiwilligen, die in Ansteckungsgefahr sind, getestet wird. Und es gibt stets eine Vergleichsgruppe, die einen Scheinimpfstoff (Kochsalzlösung) oder ein bereits zugelassenes Vakzin gegen einen anderen Erreger (zum Beispiel Meningokokken) erhält.

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In bestimmten Intervallen werden die Probanden ärztlich und labormedizinisch untersucht. Die Beobachtung muss nach der zweiten Impfung noch mindestens sechs Wochen dauern. Und für Aussagen zur Wirksamkeit und Sicherheit muss eine bestimmte Anzahl von Erkrankungen aufgetreten sein. In den Studien geht es primär um die Frage, wie gut ein Impfstoff vor Covid-19 schützt. Das wird durch den Vergleich von Geimpften und Nicht-Geimpften ermittelt. Wenn in der Gruppe der Geimpften ebenso viele Probanden an Covid-19 erkranken wie in der Vergleichsgruppe, hat der Impfstoff keine Wirkung. Wenn zum Beispiel von je 100 Personen ohne Impfung zwei erkranken, dann bedeutet eine 50-prozentige Wirksamkeit, dass mit Impfung nur einer erkrankt – das relative Risiko ist halbiert, die Wirksamkeit, auch Effizienz genannt, beträgt 50 Prozent.

Der Impfstoff von Astrazeneca: Verhinderung schwerer Covid-19-Verläufe

Etwas komplizierter ist die Sache beim Vektor-Impfstoff von Astrazeneca und der Oxford University. Er hat in den für die Zulassung relevanten Studien eine Wirksamkeit von durchschnittlich 60 Prozent gezeigt. Von den insgesamt vier vorgenommenen Studien mit insgesamt etwa 24.000 Teilnehmern hat die europäische Arzneimittelbehörde EMA nur zwei berücksichtigt, weil in den anderen beiden Studien jeweils weniger als sechs Covid-19-Fälle aufgetreten waren. In den beiden für die Beurteilung relevanten Studien – sie wurden in Großbritannien und Brasilien durchgeführt – ergab sich eine Wirksamkeit von rund 60 Prozent. In absoluten Zahlen: Mit dem Impfstoff traten unter 5258 Probanden 64 Covid-Infektionen auf, in der 5210 Personen umfassenden Gruppe derjenigen, die eine Schein- bzw. andere Impfung erhalten hatten, waren es 154 Covid-Fälle.

Weil die meisten Studienteilnehmer im Alter zwischen 18 und 55 Jahren waren, sah die EMA, wie sie Ende Januar mitteilte, sich außerstande für Personengruppe jenseits von 55 Jahren die Wirksamkeit zu beziffern. Trotzdem schränkte sie das Zulassungsalter nicht ein, weil die Ergebnisse grundsätzlich eine ähnliche Wirksamkeit nahelegen. Effizienzwerte für ältere Personen stehen also schlichtweg noch aus. Das war auch der Grund für die deutsche Ständige Impfkommission (Stiko), den Astrazeneca-Impfstoff einstweilen nur bis 65 Jahre zu empfehlen. Offenbar erwägt die Stiko bereits, die zu ändern.

Die RNA-Impfstoffe: Das waren die Zulassungsdaten

Klarer sind die Fakten bei den beiden in der EU zugelassenen RNA-Impfstoffen von Biontech/Pfizer und Moderna. Das Biontech-Vakzin Comirnaty verringert das Erkrankungsrisiko um 95 Prozent, das von Moderna um 94 Prozent. Die US-Firma Moderna hat für die Zulassung Daten aus Studien mit insgesamt 30.000 Teilnehmern vorgelegt, bei Biontech waren es mehr als 43.000. In beiden Studien waren höhere Altersgruppe in angemessener Zahl vertreten.

Umgerechnet auf 10.000 Personen ist das Resultat bei Biontech: Mit Scheinimpfung traten unter 10.000 Personen 93 Covid-Erkrankungen auf, mit Impfstoff hingegen nur 5. Bei Moderna waren es pro 10.000 Personen mit Impfstoff 8 Erkrankungen im Vergleich zu 133. Auch die Astrazeneca-Effizienz lässt sich auf 10.000 Personen umrechnen: Dann sind es in der Placebogruppe 296 Erkrankungen – und in der geimpften Gruppe 122. Selbst bei einer Effizienz von 60 Prozent bleibt also ein sehr großer Teil der Personen von Covid-19 verschont.

Der Schutz vor schweren Verläufen: ein Aspekt, der mehr Beachtung verdient

Doch das ist noch nicht alles, was bei der Impfentscheidung in Betracht gezogen werden sollte. Während nämlich breit über die noch nicht geklärte Frage diskutiert wird, ob die Impfstoffe auch eine sogenannte sterile Immunität hervorrufen, also nicht nur vor symptomatischen Infektionen schützt, sondern auch vor symptomlosen, bekommt ein anderer Aspekt bisher zu wenig Aufmerksamkeit: der Schutz vor schweren und tödlichen Verläufen. Nach allem, was über die drei Impfstoffe bisher bekannt ist, unterbinden sie diese besonders gefürchteten Ereignisse äußerst effizient.

Als Covid-19-Fälle wurden in den Studien alle symptomatischen Infektionen gezählt – von leicht bis schwer. Außer einem positiven PCR-Test mussten Symptome wie Fieber, Husten oder Atemnot vorliegen. Als schwerer Verlauf galt, wenn eine Behandlung mit Sauerstoff notwendig war, es zu Lungenversagen kam oder ein Patient auf die Intensivstation verlegt wurde.

In den für die Zulassung vorgelegten Daten zeichnete sich schon ab, dass es in den Impfstoffgruppen aller drei Hersteller so gut wie keine schweren Verläufe gab. Mittlerweile liegen dazu jedoch weitere Erkenntnisse vor. Wissenschaftler um Eleftheria Vasileiou von der University of Edinburgh haben zum Beispiel die Daten von 5,4 Millionen Schotten untersucht. Sie wollten wissen, wie gut bereits die erste der beiden Corona-Impfungen vor Krankenhauseinweisungen wegen Covid-19 schützt. In einer kürzlich vom Fachmagazin Lancet veröffentlichten Studie berichten sie nun, dass der Biontech-Impfstoff nach der ersten Impfung die Zahl der Krankenhausaufenthalte um 85 Prozent reduzieren kann, der von Astrazeneca sogar um 94 Prozent. Für Personen ab 80 Jahren ergab sich für beide Impfstoffe zusammen eine Risikoreduktion um 81 Prozent.

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Gerade zum hierzulande offenbar etwas verpönten Impfstoff von Astrazeneca sind also noch allerlei interessante Erkenntnisse zu erwarten. Denn es deutet sich zum Beispiel auch an, dass sich seine Wirkung in den zwölf Wochen nach der ersten Impfung deutlich steigert. Dieser Effekt kam in den Zulassungsstudien also noch gar nicht zum Tragen. Die Immunologin Christine Falk von der Medizinischen Hochschule Hannover rechnet damit, dass sich auch die Wirksamkeit für die höheren Altersgruppen bald gut belegen lässt, wie sich bereits an der aktuellen Auswertung der Geimpften in Schottland ablesen lässt. Und sie verweist auf die bereits jetzt gut belegte Sicherheit und Verträglichkeit des Astrazeneca-Vakzins. „Zurzeit werden häufig Impfreaktionen wie Fieber, Schüttelfrost und Abgeschlagenheit thematisiert. Diese können vor allem bei Jüngeren relativ stark sein, sind aber kein Grund zur Besorgnis. Denn sie zeigen einfach nur an, dass das Immunsystem reagiert und den gewünschten Schutz aufbaut“, sagt die Professorin.

Fazit: In der jetzigen Situation gilt auf alle Fälle: Auch ein Impfstoff mit 60-prozentiger Wirksamkeit ist ein großer Gewinn im Kampf gegen die Pandemie – für jeden Einzelnen, aber auch gesellschaftlich betrachtet.