Berlin - Schulen und Kitas bleiben vorerst geschlossen. Wann und wie sie wieder geöffnet werden können, ist noch nicht klar. Denn es ist nicht sicher, welchen Einfluss die Öffnung auf das Pandemie-Geschehen hätte. Dahinter steckt eine zentrale Frage, die die Wissenschaft seit Ausbruch des neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 beschäftigt: Wie ansteckend sind Kinder?

Forscherteams auf der ganzen Welt beschäftigen sich mit dem Thema, welche Rolle die Jüngsten im Infektionsgeschehen spielen. In ihren Studien kommen sie teils zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen von „Kinder sind wahre ‚Virenschleudern‘“ bis hin zu der Annahme, dass vor allem jüngere Kinder das Virus kaum verbreiten.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bleibt in diesem Punkt sehr allgemein: Kinder jeden Alters können infiziert sein und das Virus auf andere übertragen. Studien legten jedoch nahe, dass unter Zehnjährige weniger ansteckend sein könnten als Ältere. So ermittelte eine populationsbasierte Untersuchung in Island beispielsweise, dass Kinder bis zehn Jahren deutlich seltener Covid-19-positiv waren als Jugendliche und Erwachsene. Eine Studie in Australien, die sich mit möglichen Ausbruchsszenarien des Virus befasste, kam zu dem Ergebnis, dass sich Sars-CoV-2 bei Kita-Kindern nahezu kaum verbreite.

Zu ähnlichen Erkenntnissen gelangten auch Wissenschaftler in Deutschland. So wurden im Rahmen der „Safe Kids“-Studie in Hessen über einen längeren Zeitraum hinweg Kita-Kinder mehrmals auf Sars-CoV-2 getestet. Jeweils wöchentlich wurden zwei Abstriche aus Wange und Po genommen. Von den 800 Mädchen und Jungen der 50 repräsentativ ausgewählten Kindertagesstätten infizierte sich niemand. „Die Wahrscheinlichkeit scheint also extrem gering zu sein, dass sich Kinder anstecken“, sagte Virologin und Studienleiterin Sandra Ciesek der Wochenzeitung Die Zeit.

Je jünger, desto weniger ansteckend?

Spielt also das Alter eine entscheidende Rolle dafür, wie ansteckend Kinder sein können? Noch zu Beginn der Pandemie haben Forscher um den Berliner Virologen Christian Drosten in einer Studie keine Unterschiede bei der Viruslast verschiedener Altersgruppen feststellen können. Es gebe wenig Hinweise darauf, dass Kinder möglicherweise nicht so infektiös seien wie Erwachsene, heißt es in der Zusammenfassung der Untersuchung.

Dies deckt sich mit Ergebnissen anderer Studien. In Chicago haben Wissenschaftler sogar eine höhere Konzentration an Viren in Corona-Abstrichen bei Kindern festgestellt. „Wir fanden heraus, dass Kinder unter fünf Jahren mit Covid-19 eine höhere Viruslast haben als ältere Kinder und Erwachsene, was auf eine größere Übertragung hindeuten könnte“, sagt Taylor Heald-Sargent, Hauptautor der Studie.

Foto: Getty Images/koto_feja
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Das Robert-Koch-Institut (RKI) gibt im vorsichtigen Duktus eine andere Einschätzung: „Insgesamt scheinen Kinder weniger infektiös, also weniger ansteckend zu sein als Erwachsene“, ist im aktuellen Quartalsbericht des Langzeit-Forschungsprojekts „Corona-KiTa“ zu lesen. Allerdings, so das RKI weiter, könne keine verlässliche Aussage darüber gemacht werden, welche Altersgruppe innerhalb der Kinder am infektiösesten sei.

Die „Corona-KiTa“-Studie ist ein gemeinsames Projekt des RKI und des Deutschen Jugendinstituts. An Kindertagesstätten in ganz Deutschland wird seit Mai vergangenen Jahres untersucht, welche Rolle Kinder bei der Ausbreitung von Sars-CoV-2 spielen und unter welchen Bedingungen eine Betreuung während der Pandemie möglich ist. Die Studie soll noch bis zum Frühjahr laufen. Teilergebnisse werden in regelmäßigen Berichten veröffentlicht.

Kinder zeigen kaum Symptome

Das RKI weist jedoch darauf hin, dass die Studienlage zum Thema Kinder und Corona im Großen und Ganzen noch recht dünn ist: „Eine Literaturrecherche zeigt: Zur Infektiosität von Kindern und Jugendlichen liegt nur eine geringe Zahl aussagekräftiger Studien vor, die Ergebnisse sind insgesamt heterogen.“

Die Schwierigkeit, die Forscher in zahlreichen Untersuchungen beschreiben, liegt darin, dass Kinder seltener Symptome entwickeln und daher auch seltener getestet werden. Eine Erkrankung bleibt daher oft unentdeckt. Eine Studie des Helmholtz Zentrums München ergab, dass in Bayern sechsmal mehr Kinder mit dem Coronavirus infiziert waren als gemeldet. Die Wissenschaftler hatten knapp 12.000 Blutproben von Kindern und jungen Erwachsenen zwischen 1 und 18 Jahren mit einem speziellen Antikörpertest untersucht, um zu ermitteln, ob die Probanden bereits eine Infektion durchgemacht haben. Knapp 50 Prozent der Kinder mit Antikörpern hatten keine Symptome entwickelt.

Noch bleibt vieles offen: Stecken sich Kinder wirklich weniger häufig an – und woran könnte das liegen? Welche Symptome entwickeln sie? Wie schwer können sie erkranken? Bei anderen Virusinfektionen, wie HIV oder Hepatitis, konnte beobachtet werden, dass vor allem junge Kinder eine hohe Viruslast aufweisen, aber selbst nicht erkranken. Das könnte an dem noch unerfahrenen, dafür aber sehr schnell reagierenden Immunsystem von Kindern liegen, welches mit einem eher allgemeinen Antikörper auf Erreger reagiert.

Wissenschaftler vermuten, dass diese noch unspezifischen Antikörper auch Sars-CoV-2 attackieren und so Kinder vor schweren Verläufen schützen. Mit zunehmendem Alter produziert der Körper weniger allgemeinere, sondern auf bestimmte Viren spezialisierte Antikörper. Dies könnte erklären, warum Kinder weniger infektiös sind und weniger stark erkranken als Erwachsene. Doch um genaue Aussagen treffen zu können, braucht es weitere Daten von großangelegten, langfristigen Untersuchungen. 

Mehrere Langzeitstudien gestartet

Einige solcher Langzeitstudien sind in Deutschland bereits gestartet. So begann im Juli eine Untersuchung zur Ansteckungsgefahr bei Kindern in Bayern. An „Covid Kids Bavaria“ nehmen 150 Kindertagesstätten teil. Stichprobenartig werden noch bis Ende Januar Kinder zwischen einem und zehn Jahren und deren Erzieher auf das Virus getestet. Die Ergebnisse werden für den März erwartet.

Eine ähnliche Studie begann im September in Würzburg. Die dortige Uniklinik testet mit mehreren Abstrichen regelmäßig 800 Vorschulkinder auf das Coronavirus. Auch hier soll eine Auswertung im Frühjahr veröffentlicht werden.

In Baden-Württemberg wird aktuell versucht, das Ansteckungsgeschehen mittels einer Querschnittsuntersuchung nachzuvollziehen. Aus etwa 2000 Haushalten soll je ein Kind zwischen einem und zehn Jahren und jeweils ein Elternteil einem Screening auf Covid-19 unterzogen werden. Getestet wird auf eine mögliche aktuelle Infektion mittels eines PCR-Abstrichs und auf Antikörper im Blut. Die Studie ist ein Baustein der „KiCoS“, der Kinder-Corona-Studien, die vom Robert-Koch-Institut kuratiert werden. Auf einer eigens eingerichteten Plattform können sich Forschende über Ergebnisse zu Studien über Covid-19 Erkrankungen bei Kindern austauschen.

Zusammenfassend lässt sich sagen: Die Frage, wie infektiös Kinder sind, kann bisher nicht mit Gewissheit beantwortet werden. Möglich scheint, dass Kinder bis zehn Jahre das Virus weniger stark verbreiten als Jugendliche und Erwachsene. Zwischen letzteren beiden Altersgruppen scheint es keinen Unterschied zu geben. Nach einer Einschätzung des Fachmagazins Nature sind es die älteren Kinder, die Treiber der Pandemie sein könnten. Diese Gruppe könnte in nächster Zeit in Hinblick auf die Frage, inwiefern Schulen als Infektionsherde gelten, stärker in den Fokus rücken. (mit dpa)

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