Ein Mann in Schutzkleidung desinfiziert die Garage eines Mehrfamilienhauses.
Foto: dpa/Pablo Gianinazzi

BerlinDie Bilder haben sich eingeprägt: Lastwagen voller Desinfektionsmittel fahren durch die Straßen, besprühen Fahrbahnen und Gehwege. Menschen in Schutzmontur und mit Kanistern auf dem Rücken nebeln mit kanonenartigen Geräten Eingänge von U-Bahnen und das Innere der Wagons ein. In Südkorea und China sind derartige Szenen in der Covid-19-Pandemie häufiger zu beobachten.

In den USA testet der Amazon-Konzern den Einsatz des desinfizierenden Nebels in seinen Logistikzentren, um die Mitarbeiter zu schützen. Und auch in Frankreich und Italien setzte man bereits auf solche massiven Desinfektionsmethoden. Doch hilft es tatsächlich, den öffentlichen Raum – oder gar Innenräume – großflächig mit einem Schleier aus verdünntem Wasserstoffperoxid oder alkoholischen Lösungen zu bedecken, um so die Verbreitung des Virus zu stoppen?

„Nein“, sagt Ernst Tabori, Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin, Infektiologe und Ärztlicher Direktor des Deutschen Beratungszentrums für Hygiene in Freiburg. Für ihn sind solche Maßnahmen eher ein Ausdruck von Hilflosigkeit. Denn: „Die Viren kriechen nicht aus dem Fußboden oder aus der Wand. Die Übertragung findet vorwiegend über kleine Tröpfchen statt, die ein mit Sars-CoV-2 infizierter Mensch freisetzt.“ Und diese entstehen beim Husten, Niesen, Spucken oder Sprechen.

Auch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und das Robert Koch-Institut (RKI) halten den übermäßigen Einsatz keimtötender Mittel für nicht sinnvoll. Das RKI gibt auf seinen Seiten Hinweise zur Desinfektion gegen Sars-CoV-2, in denen es heißt: „Eine Sprühdesinfektion (…) ist wenig effektiv und auch aus Arbeitsschutzgründen bedenklich, da Desinfektionsmittel eingeatmet werden können. Auch Raumbegasungen zur Desinfektion sind hier grundsätzlich nicht erforderlich.“ Beim BfR liest man: „Das BfR sieht auch in der aktuellen Situation keine Notwendigkeit für gesunde Menschen, im Privathaushalt Desinfektionsmittel anzuwenden.“

Ignaz Semmelweis - der Vater der Desinfektion

Der Chirurg und Geburtshelfer Ignaz Semmelweis war wohl der erste Mediziner, der zu einem Desinfektionsmittel griff. Als Assistenzarzt in einer Wiener Geburtsklinik entdeckte er im Jahr 1847, dass die Müttersterblichkeit immer dann besonders hoch war, wenn seine Kollegen, die zuvor an Leichen gearbeitet hatten, mit ungewaschenen Händen Geburtshilfe leisteten. Viele Mütter starben dann am Kindbettfieber. Dass Bakterien dafür die Ursache waren, wusste man damals noch nicht. Semmelweis setzte kurzerhand durch, dass sich jeder, der die Abteilung betreten wollte, zuvor mit einer Chlorkalk-Lösung die Hände wusch. Innerhalb weniger Monate sank die Müttersterblichkeit damit von 18 auf 2 Prozent. In den folgenden Jahrzehnten entwickelten Mediziner weitere Verfahren und Mittel zur Desinfektion. Heute gibt es einer Vielzahl unterschiedlichster Substanzen, die gegen Viren, Bakterien und Pilzsporen wirksam sind.

Der Hauptübertragungsweg von Covid-19 – so die einhellige Einschätzung von Medizinern und Experten, geht über besagte Tröpfchen. Noch ist nicht abschließend geklärt, wie groß die Nies- und Sprechtröpfchen sein müssen, um ausreichend Viren für eine Ansteckung zu transportieren. Bekannt ist aber: Je größer der Tropfen ist, desto eher sinkt er zu Boden. Die kleinsten schaffen es etwa 1,5 Meter in der Luft zurückzulegen, bevor auch sie absinken.

Wer sich dichter an einer infizierten Person befindet, läuft Gefahr, mit Viren beladene Tröpfchen abzubekommen. Über die Schleimhäute der Atemwege oder die Augen finden die Erreger dann Zugang zum Körper. Bislang haben die Forscher keine Hinweise darauf, dass bei normalen Sozialkontakten eine Übertragung über Aerosole – also kleinste, länger in der Luft schwebende Partikel – erfolgt.

Eine Frage der Dosis

Doch was passiert, wenn die Tröpfchen mitsamt ihrer infektiösen Fracht auf den Boden fallen oder – noch schlimmer – in der Hand landen und von dort auf Klinken, Haltegriffe oder Straßenbahnsitze gelangen? Jüngste Untersuchungen im Labor zeigen, dass das Virus je nach Lufttemperatur, Sonnenstrahlung und Luftfeuchtigkeit immerhin zwei bis drei Tage auf Plastik und Edelstahl und bis zu 24 Stunden auf Karton überleben kann.

„Keime können sich eine Weile auf Oberflächen halten“, bestätigt Tabori. „Aber erstens müssen wir uns das nicht so vorstellen, dass Straßen oder Oberflächen davon übersät sind. Zweitens benötigt es eine gewisse Menge an Erregern, bevor wir uns überhaupt anstecken können. Und drittens müssen diese erst einmal in unsere Atemwege gelangen.“ Denn nur dort finden die Viren die Eintrittspforten in den menschlichen Körper.

„Es ist nicht so, dass ein einzelnes Virus eine Infektion auslösen kann“, betont Ernst Tabori. Wie groß die Anzahl der Viren sein muss, um eine Covid-19-Infektion auszulösen, ist noch unbekannt. Zum Vergleich: Vom Norovirus, das Durchfallerkrankungen auslöst, muss ein Mensch etwa 100 Viren aufnehmen, um tatsächlich krank zu werden. Bei den meisten Erkältungs- und Grippeviren ist diese Virusmenge um ein Vielfaches höher.

Wenn relativ viele Viren auf eine Oberfläche gelangt – etwa, weil ein Erkrankter in seine Hand niest und dann eine Klinke berührt – ist eine Ansteckung über einen Kontakt aber durchaus denkbar. In den vergangenen Wochen haben viele Menschen festgestellt, dass es gar nicht so einfach ist, sich nicht ständig selbst ins Gesicht zu fassen. Gelangen die Viren über die Hände auf die Schleimhäute von Auge, Mund oder Nase, kann die Infektion ihren Lauf nehmen. Daher, so betont der Infektiologe, ist eine konsequente Händehygiene von ganz entscheidender Bedeutung.

Also doch alles desinfizieren, nach dem Motto „viel hilft viel“? Wie sieht es beispielsweise in öffentlichen Innenräumen aus – in Supermärkten, Straßenbahnen oder Schulen, wo viele Menschen aufeinandertreffen? Oder im häuslichen Umfeld? Routinemäßige Desinfektionen sind nur an wenigen Orten sinnvoll, meint Tabori. „In bestimmten Bereichen von Krankenhäusern, wo viele kranke und geschwächte Menschen einander begegnen, wird natürlich desinfiziert, und das ist auch richtig“, betont der Mediziner. Auch in Pflegeeinrichtungen, wo viele Menschen leben, die zu den Risikogruppen zählen, gilt, dass keimabtötende Mittel eingesetzt werden müssen.

Allerdings wäre auch hier die Sprühdesinfektion mit Verneblern unangebracht. „Wir empfehlen generell keine Sprühdesinfektion“, sagt Tabori. Und das hat zwei Gründe: Desinfektionsmittel zum Sprühen benetzen die Oberflächen nur unvollständig. Der Nebel aus feinsten Tröpfchen hinterlässt – für das menschliche Auge unsichtbar – auch jede Menge freie Stellen, auf denen Viren und Bakterien vom Desinfektionsmittel nicht erreicht werden.

Erst wenn gewischt wird, werden alle Stellen gleichermaßen befeuchtet und damit desinfiziert. Zudem bleibt ein Teil der feinen Aerosole eine Zeitlang in der Luft – eine unerwünschte Begleiterscheinung des Sprühens, da sie zu einer Belastung für die Atemluft führen. Allergien oder Reizungen der Atemwege können drohen, wenn die Mittel eingeatmet werden.

Für öffentliche Gebäude, im Bus oder in der Bahn mit viel wechselndem Publikumsverkehr ist der Nutzen des Desinfizierens von Griffen, Sitzen oder ganzen Wagons allerdings unklar. „Der ungezielte flächenhafte Einsatz von Desinfektionsmitteln ist jetzt ebenso wie bereits vor Corona keine Maßnahme, die wir empfehlen. Selbstverständlich müssen die Fahrgasträume und Kontaktflächen regelmäßig gründlich gereinigt und im Bedarfsfall auch gezielt desinfiziert werden“, sagt Ernst Tabori.

Einfache Seife genügt

Aber auch in Corona-Zeiten gilt es, kühlen Kopf zu bewahren. „Man muss es praktisch betrachten“, rät Tabori. „Was nutzt denn die dreimal tägliche Desinfektion einer Straßenbahn, wenn mit dem nächsten Fahrgast schon alles wieder hinfällig ist? Hier ist jeder Einzelne gefragt, der auf sich selbst und auf die anderen achtgeben muss.“ Sprich: Abstand halten, Nies- und Hustenetikette wahren und die Hände regelmäßig gründlich waschen.

Um die Viren von den Händen zu entfernen, genügt übrigens einfache Seife. Die Lauge inaktiviert das behüllte Virus wirkungsvoll und macht es unschädlich. Mit diesen Maßnahmen lassen sich die Übertragungswege und Infektionsketten am besten unterbrechen. Und auch nach Corona sind diese Verhaltensregeln nützlich – schließlich übertragen sich Grippe- und Erkältungsviren auf dem gleichen Weg wie Sars-CoV-2.