In Cremona errichtet das US-amerikanische evangelikale Hilfswerk „Samaritan’s Purse“ (Barmherziger Samariter) ein Feldkrankenhaus.
Foto: dpa/Claudio Furlan

BergamoDie Bilder der Militärlastwagen, die nachts durch die menschenleeren Straßen von Bergamo fuhren – auch im deutschen Fernsehen ausgestrahlt –, waren gespenstisch. Weil Stadt und umliegende Provinz die höchste Zahl von Corona-Toten im inzwischen weltweiten Virus-Epizentrum Italien haben, musste am Mittwochabend die Armee einspringen.

Etliche Dutzend Särge wurden in Orte wie Modena, Parma und Rimini gebracht, wo die Leichen eingeäschert werden, wie die Lokalzeitung L’Eco di Bergamo berichtet. Die nächtliche Lkw-Kolonne gilt in Italien schon als das Symbolbild überhaupt für die Corona-Katastrophe.

Nächtliche Lkw-Kolonne mit Symbolcharakter

Italien hat inzwischen mit über 3400 Opfern mehr Covid-19-Tote als China. Betroffen ist vorwiegend der Norden. Allein in der Region Lombardei starben knapp 2200 Menschen. Und in der Provinz Bergamo, nordöstlich von Mailand, waren es seit Ende Februar, als der erste einheimische Corona-Fall entdeckt wurde, mehr als 600. Mit Brescia und Cremona ist die Provinz Bergamo das am stärksten getroffene Gebiet.

Nicht nur die Leichenhalle der 120.000-Einwohner-Stadt ist voll. Fast 150 Särge reihten sich in der Friedhofskirche „Allerheiligen“, bis Bürgermeister Giorgio Gori das Militär zu Hilfe rief. Die Mehrzahl der Familien habe sich für eine Einäscherung ihrer verstorbenen Angehörigen entschieden, erklärte Gori. Aber das örtliche Krematorium könne das gar nicht bewältigen, obwohl es rund um die Uhr arbeite. Pro Tag können dort höchstens 25 Leichen eingeäschert werden.

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Auch die Bestatter in Bergamo sind angesichts der vielen Toten völlig überfordert. „Ich schlafe seit drei Tagen nicht mehr“, sagte der Beerdigungsunternehmer Nicolas Facheris der Nachrichtenagentur Ansa. An einem einzigen Tag hat er 40 Tote bestatten müssen. Anschließend hatte er einen Nervenzusammenbruch. „Das Schlimmste ist, dass wir den Angehörigen sagen müssen, dass sie ihre Lieben nicht einmal mehr sehen dürfen“, klagte er.

Um eine Verbreitung des Virus zu verhindern, müssen Verstorbene sofort in einen geschlossenen Sarg gelegt werden. Seit die Regierung in Rom jegliche Art von Menschenansammlung untersagt und eine Ausgangssperre verhängt hat, sind auch Trauergottesdienste und -feiern unmöglich. Nur engste Angehörige dürfen bei Beerdigungen dabei sein – doch die finden nicht mehr statt. Das Virus macht auch vor den Pfarrern nicht halt. 13 Priester sind in der Diözese Bergamo laut katholischem Hilfswerk Caritas schon gestorben. Papst Franziskus hatte Geistliche dazu aufgerufen, Kranke trotz Infektionsgefahr zu besuchen.

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Der Tod der Covid-19-Erkrankten ist in jeder Hinsicht ein einsamer. In den Kliniken sind sie isoliert, Angehörige dürfen sie nicht mehr sehen, das medizinische Personal ist hinter Atemmasken und Schutzmonturen versteckt. Das Krankenhaus „Papst Johannes XIII.“ in Bergamo habe an die Pflegekräfte Tablets ausgegeben, damit sie die Sterbenden noch einmal aufnehmen und den Angehörigen zeigen könnten, schreibt die Zeitung La Repubblica. Aber die Ärzte und Pflegekräfte in der hoffnungslos überfüllten Klinik, die bis zur völligen Erschöpfung rund um die Uhr arbeiten, werden dafür wohl kaum die Zeit finden.

Hilferuf: Verzweifelten Bedarf an Ärzten und Pflegern

Sie stellen schon seit Wochen Hilferufe ins Internet. „Wir haben verzweifelten Bedarf an Ärzten, Pflegerinnen, Beatmungsgeräten und Schutzausrüstung“, appellierte der medizinische Leiter Stefano Fagiuoli auf Englisch in einem Video an den Rest der Welt. Er verknüpfte das mit dem dringlichen Aufruf an alle Zuschauer: „Bitte, bleibt zuhause!“ Nur das könne verhindern, dass es auch anderswo zu so unglaublichen Zuständen wie in Bergamo kommt. Italiens Premier Giuseppe Conte hat inzwischen angekündigt, 300 zusätzliche Ärzte und Pfleger in die Krisengebiete Norditaliens zu schicken.

Wieso gerade Italien und insbesondere der Norden des Landes so stark betroffen sind, erklärte der Epidemiologe Pier Luigi Lopalco am Freitag in der Repubblica: „Diesem Virus kommt man entweder zuvor oder man holt ihn nicht wieder ein.“ Man habe die Epidemie in Italien erst bemerkt, als sie bereits in einem fortgeschrittenen Stadium war. Inzwischen gehen Wissenschaft und Gesundheitsbehörden davon aus, dass das Virus in Norditalien schon ab Anfang Januar in Umlauf war – Wochen bevor dann am 20. Februar im kleinen Ort Codogno nahe Cremona bei einem 38 Jahre alten Manager erstmals eine im Inland erfolgte Infektion diagnostiziert wurde. Aber das war wohl nur die Spitze eines enormen Eisbergs.

Ein Hoffnungsschimmer immerhin ist die Nachricht, dass es dem vermeintlichen ersten italienischen Corona-Infizierten namens Mattia nach wochenlanger künstlicher Beatmung nun besser geht. Er soll bald entlassen werden.