Berlin - Für Cleo ist das Coronavirus ein „rundes Ding mit 1000 Stacheln“. Wenn man es einmal hat, bekommt man Schnupfen, ziemlich fiesen Husten oder Halsweh und Fieber, erklärt sie. Was eine Quarantäne ist, weiß sie auch. Als in der Kita-Gruppe ihrer kleinen Schwester ein Corona-Fall auftauchte, musste sie mit ihrer Familie zu Hause bleiben und durfte niemanden treffen. Einen Schnelltest hat sie schon von ihrer Mama durchgeführt bekommen, bevor ihre Großeltern an Ostern zu Besuch kamen. „Es tat kurz weh und hat ziemlich in der Nase gekitzelt“, erinnert sich das kleine Mädchen mit den grün-blauen Augen zurück.

Cleo ist fünf Jahre alt – fast schon sechs, sagt sie stolz. Sie zählt zu einem der wenigen glücklichen Kinder, die im Rahmen einer Notbetreuung die Kita weiterhin besuchen dürfen. Sechs Mädchen und sechs Jungen sind in ihrer Gruppe. „Heute waren wir nur zu acht. Und einmal war ich sogar allein und musste in die andere Gruppe gehen“, erzählt Cleo auf einem Spielplatz in Friedrichshain.

Es sind winzige, kaum merkliche Veränderungen in ihrem Leben. Ihre Großeltern väterlicherseits hat sie seit Beginn der Pandemie nur einmal gesehen, im Sommer, als die Zahlen niedrig waren. Ihre beiden Freundinnen Malina und Paula, die in ihrer Nachbarschaft wohnen, sieht sie nur noch selten. Die meiste Zeit verbringt sie mit ihrer besten Freundin Greta, die nebenan wohnt. Mal spielen die beiden Detektivinnen, mal draußen auf der Terrasse oder dem Innenhof, mal verkleiden sie sich, ziehen sich Bikinis an, werfen sich eine Schwimmweste über und erträumen sich den Sommer her, weit weg von den großen Problemen der großen Welt – und den großen Sorgen, die auch ihre Eltern haben.

Kluft zwischen bildungsfernen und bildungsnahen Familien wird größer

Deutschland ist fest im Griff der dritten Welle – und wie so oft müssen die Kitas in Berlin formal schließen und auch der Präsenzunterricht in Schulen bleibt für Schülerinnen und Schüler ausgesetzt. Die Rolle der Kinder in der Corona-Krise ist auch heute nicht leicht zu beantworten. Zwischen Ende Februar und Ende März stieg die Zahl der PCR-Getesteten nach Angaben des Robert-Koch-Instituts bei den unter Vierjährigen um etwa ein Drittel, bei den Fünf- bis 14-Jährigen um 14 Prozent. In allen anderen Altersgruppen ging die Zahl zurück oder blieb etwa gleich. Covid-19-bedingte Ausbrüche betreffen laut RKI mehr und mehr Kitas und Schulen, von jungen Menschen gingen zunehmend Übertragungen aus.

„Das Problem ist, dass wir überhaupt nicht ermessen können, was für einen Schaden wir mit den Schließungen anrichten“, erklärt Beatrix Schmidt, Chefärztin der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin des St. Joseph Krankenhauses in Tempelhof. „Auf der einen Seite wissen wir, dass Ansteckungen vermieden werden, indem man alles zumacht. Anderseits wissen wir aber nicht, wie lange das andauern wird.“

Man könne nicht jedes Mal Institutionen schließen, in denen junge Menschen soziale Kompetenzen erlernen und gebildet werden. „Die Kluft zwischen bildungsfernen und bildungsnahen Familien, die ohnehin in Deutschland schon vor der Pandemie spürbar war, wird immer größer. Ganz zu schweigen von häuslicher Gewalt: Wir wissen nicht, was Kinder zu Hause erleben müssen“, sagt die Kinderärztin. Vor allem die Jüngsten hätten keine eigene Stimme, keine Lobby, die sie vertritt und ihre Rechte schützt. „Die Kollateralschäden, die unbedingt in Studien evaluiert werden müssten, werden meines Erachtens nach immens sein.“

Laut der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin und dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte und anderen Expertinnen und Experten tragen Kinder nicht überproportional zum Infektionsgeschehen bei. Als Grund für die gestiegenen Fallzahlen unter Jüngeren geben sie die mittlerweile gestiegene Testwahl in dieser Gruppe an. „Seit Februar testet man im Schnitt doppelt so viele Kinder in der Woche wie zuvor“, erklärt Schmidt. Logisch, dass dadurch mehr Infektionen verzeichnet werden, sagt sie weiter.

Grafik: BLZ/Hecher, Quelle: RKI, NHS, JHU, Patel (2020), Tian et al. (2020)

Bislang 265 PIMS-Fälle in Deutschland

Denkbar ist auch, dass die Schnelltests, die obligatorisch in Kitas und Schulen eingesetzt werden, dazu führen, dass mehr Infizierte auffallen, zum PCR-Test geschickt werden und dann als positiv Getestete in die Statistik eingehen. „Durch den sehr hohen Einsatz von Tests steigt aber die Falsch-Positiv-Rate sprunghaft an. Das ist ein Problem“, so die Kinderärztin. Trotzdem findet sie den Einsatz von Antigentests sinnvoll. Noch sinnvoller fände sie es, dass Erzieherinnen und Erzieher, Lehrerinnen und Lehrer so schnell wie möglich geimpft werden.

Eine gute Nachricht bleibt: In den meisten Fällen laufen akute Corona-Infektionen bei Kindern symptomlos oder sehr mild ab. Schwere Krankheitsverläufe sind noch bei Jugendlichen eher selten. Sars-CoV-2 kann aber auch für junge Menschen gefährlich werden: Etwa zwei bis sechs Wochen nach der Infektion entwickelt eines von 1000 bis 1500 Kindern Kawasaki-ähnliche Symptome mit hohem Fieber, einem Ganzkörperausschlag, roten Lack-Lippen, Entzündungen an mindestens zwei Organen, die unter anderem auch zu Durchfall, Übelkeit oder Erbrechen führen – eine Überreaktion des Immunsystems. Laut der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie wurde in Deutschland bis zum 11. April bei 265 Kindern und Jugendlichen das sogenannte Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome (PIMS) festgestellt.

„Im St. Joseph Krankenhaus hatten wir zwei Fälle, bei denen wir auch Antikörper im Blut nachweisen konnten“, so Schmidt. Die gefürchtetste Komplikation dieser Erkrankung sei eine Aussackung der Herzkranzgefäße. „Deshalb werden regelmäßig Ultraschalluntersuchungen vom Herzen gemacht. Das Syndrom ist aber in den meisten Fällen mit Kortison und Immunglobulinen gut behandelbar – ohne bleibende Schäden am Herzen“, ergänzt sie. Eine zunehmende Anzahl an gravierenden Langzeitfolgen unter Minderjährigen, dem sogenannten Long-Covid, kann die Kinderärztin nicht bestätigen. Pädiatrische Fachgesellschaften hätten diese weder beschrieben noch davor gewarnt.

Seit Pandemiebeginn: Weniger junge Menschen in Notaufnahme

Die britische Virus-Linie B.1.1.7 hat maßgeblichen Einfluss auf die dritte Welle in Deutschland. Studien legen nahe, dass sie deutlich ansteckender und damit gefährlicher ist als die ursprüngliche Version des Coronavirus. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach schrieb auf Twitter, dass wohl flüchtige Begegnungen für eine Übertragung ausreichen. Die in Deutschland mittlerweile dominierende Variante soll sich unter Kindern und Jugendlichen bevorzugt verbreiten. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie um die Mathematikerin Sarah D. Rasmussen von der Universität Cambridge, die im Preprint erschienen und damit noch nicht von unabhängigen Experten begutachtet worden ist.

Ähnliche Erkenntnisse gibt es laut einem Bericht des Magazins Der Spiegel in Belgien. Der Medizinprofessor und Public-Health-Experte Dirk Devroey von der Freien Universität Brüssel beschreibt ein „lebhaftes Infektionsgeschehen“ speziell bei den Sechs- bis Zwölfjährigen. Das Problem sei, dass junge Menschen in den Bildungseinrichtungen unweigerlich aufeinandertreffen und das Virus in die Familien hineinschleppen. Und die Eltern wiederum es an den Arbeitsplatz weitertragen. Die Schulen in Belgien bezeichnet Devroey deshalb als „Motor des Infektionsgeschehens“.

Zumindest Beatrix Schmidt erkennt durch die britische Variante keinen Boom in der Kinderklinik des St. Joseph Krankenhauses: „Wir haben immer mal wieder ein positiv getestetes Kind, aber nicht plötzlich mehr Fälle als zuvor.“ Generell würden seit Beginn der Pandemie deutlich weniger junge Menschen in der Zentralen Notaufnahme der Kinderklinik behandelt. Zum einen, weil viele Familien Angst vor einer Ansteckung im Krankenhaus haben. Zum anderen, weil die Corona-Präventionsmaßnahmen so gut wie alle anderen Infektionen weggedrückt haben. „Wir haben fast keine erkälteten Kinder mehr. Was wir haben, sind deutlich mehr junge Menschen, die depressiv oder verhaltensauffällig werden und Drogen oder Tabletten einnehmen. Ich finde, dass die psychischen Auswirkungen der Corona-Krise auf Kinder und Jugendliche inzwischen stark spürbar sind“, sagt sie.

„Kinder müssen auch lernen, mit Sars-CoV-2 zu leben“

Für die Kinderärztin ist die Schließung von Kitas oder Schulen unter anderem deshalb die allerletzte Option. Sie verweist auf die Leitlinie „Maßnahmen zur Prävention und Kontrolle der Sars-CoV-2-Übertragung in Schulen“, die von Dutzenden Fachgesellschaften und Organisationen – von der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie über den Bundeselternrat bis hin zum Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte – ausgearbeitet und zuletzt Anfang Februar überarbeitet wurde. Um einen möglichst kontinuierlichen Betrieb von Kitas und Schulen gewährleisten zu können, sollten umfangreiche Maßnahmen zur Infektionsprävention getroffen werden, heißt es in der Leitlinie. Dazu gehört das Tragen des Mund-Nasen-Schutzes im Unterricht oder eine Querlüftung bei weit geöffneten Fenstern alle 20 Minuten für drei bis fünf Minuten, im Sommer alle zehn bis 20 Minuten, außerdem nach jeder Unterrichtsstunde über die gesamte Pausenzeit.

„Natürlich muss man solche Vorsichtsmaßnahmen so gut es geht implementieren“, sagt Schmidt. „Aber man muss nach neuen Möglichkeiten suchen, die mit ebendiesen Maßnahmen vereinbar sind.“ So ist es dringend erforderlich, dass sich Kinder und Jugendliche wieder mehr bewegen. Schülerinnen und Schüler könnten relativ gefahrlos draußen Sport machen, auch die Außenbereiche von Schwimmbädern könnten wieder öffnen, schlägt die Kinderärztin vor. Nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche müssten lernen, mit dem Virus zu leben. Denn die Pandemie werde so schnell nicht vorbei sein – bis dahin könne man nur auf das schnelle Impfen der gesamten Bevölkerung, so auch von jungen Menschen, zählen.

Cleo träumt weiterhin vom Ende der Pandemie. In der Kita werde nicht über das Virus gesprochen, darüber ist sie ganz froh. Was sie zuerst machen wird, wenn wieder alles öffnet? Bummeln und Kuchenessen in der Stadt, sprudelt es aus ihr. Und sie freut sich, wenn der Schwimmkurs in der Kita wieder weitergeht. „Wir durften nur einmal schwimmen gehen. Dann musste der Kurs wegen Corona ausfallen.“