Ein Berliner Stroke-Einsatz-Mobil, kurz Stemo. Dieser spezielle Rettungswagen dient zur schnellen Erstversorgung von Schlaganfallpatienten. 
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BerlinCovid-19 gilt vor allem als Lungenerkrankung. Denn die Viren befallen die Atemwege. Je mehr Patienten es nun weltweit gibt, desto komplexer wird jedoch das klinische Bild der Krankheit. Die neueste Beobachtung: Das tückische Virus führt auch vermehrt zu Schlaganfällen – plötzliche Durchblutungsstörungen im Gehirn also, die oft durch Blutgerinnsel ausgelöst werden.

Dabei geht es nicht nur um besonders schwer an Covid-19 erkrankte Patienten, die ohnehin schon im Krankenhaus behandelt werden. Vielmehr treten diese Corona-typischen Schlaganfälle offensichtlich auch bei relativ jungen Patienten im Alter zwischen 30 und 50 Jahren auf, die die Erkrankung zu Hause zunächst ausgefochten haben und eigentlich keine Risikofaktoren für einen Schlaganfall aufweisen.

Das sind zumindest die Beobachtungen von Ärzten in New York, Barcelona, der Lombardei und anderen Regionen, die besonders stark von der Pandemie betroffen sind. Einem Bericht der US-Zeitung Washington Post zufolge gab es in mehreren Kliniken in New York in den vergangenen Wochen gehäuft auffällig junge Patienten mit schweren Schlaganfällen und einer Sars-CoV-2-Infektion. Ärzte des Mount Sinai Hospitals haben offenbar fünf solcher Fälle genau dokumentiert. Ihr Bericht darüber ist jetzt im Fachjournal New England Journal of Medicine erschienen.

Demnach handelt es sich um Patientinnen und Patienten im Alter zwischen 33 und 49 Jahren, bei denen zu Hause plötzlich neurologische Ausfälle wie halbseitige Gesichtslähmungen, Gefühlsstörungen im Arm und verwaschene Sprache auftraten. In der Klinik stellte man bei ihnen schwere Schlaganfälle fest – und Covid-19. Einer der fünf Patienten ist gestorben, zwei befinden sich noch im Krankenhaus, zwei andere wurde in die Rehabilitation beziehungsweise häusliche Pflege entlassen. Nur eine der Betroffenen, eine 33-jährige Frau, sei inzwischen wieder in der Lage zu sprechen.

In Deutschland weiß man inzwischen auch von dieser Komplikation, beobachtet wurde sie bislang jedoch allenfalls vereinzelt. „Seit gut drei Wochen wird in Telefonkonferenzen mit internationalen Kollegen von diesem Phänomen berichtet“, sagt Matthias Endres, Direktor der neurologischen Klinik der Charité  sowie am Centrum für Schlaganfallforschung. Häufig handle es sich dabei um eine besonders schwere Form von Schlaganfällen, die durch Verschlüsse der großen Gehirngefäße verursacht werden.

An der Charité habe es bisher vier Covid-19-Patienten gegeben, die einen Schlaganfall erlitten haben. Drei der Fälle seien hierbei besonders schweren Krankheitsverläufen bei jüngeren Patienten auf der Intensivstation zuzuordnen. Nur bei einem der Fälle habe es sich um eine allerdings ältere Patientin gehandelt, die mit einem schweren Schlaganfall in die Charité eingeliefert wurde und bei der dann eine Sars-CoV-2-Infektion festgestellt wurde, berichtet Endres.

Häufig ist das Phänomen hierzulande also keinesfalls. „Das liegt vermutlich schlichtweg daran, dass wir bisher relativ niedrige Sars-CoV-2-Infektionszahlen haben“, sagt der Charité-Professor. Er erklärt das vermehrte Auftreten von Schlaganfällen im Zusammenhang mit Corona mit einer erhöhten Neigung des Blutes zu gerinnen sowie einer Schädigung der Gefäßzellen. „Das ist eine typische Folge von Covid-19. Dadurch kommt es nicht nur vermehrt zu Schlaganfällen, sondern auch zu venösen Thrombosen und Lungenembolien“, sagt der Neurologe.

Offenbar entscheide es sich sieben bis zehn Tage nach Symptombeginn, ob ein Covid-19-Patient über den Berg sei oder ob sich sein Zustand verschlechtere. „Wenn die Krankheit fortschreitet, kann es zu einer stark erhöhten Produktion von Entzündungsbotenstoffen kommen, auch Zytokinsturm genannt. Häufig verstärkt sich dann auch die Gerinnungsaktivität“, erläutert der Mediziner. Welche Mechanismen im Detail dahinterstecken, sei noch unklar.

Um mehr über die Varianten und Komplikationen von Covid-19 herauszufinden, sei nun Forschung wichtig, betont Endres. An der Charité gebe es zum Beispiel eine Kohorte mit inzwischen mehr als 100 Patienten, bei denen alle Organsysteme untersucht würden und deren Zustand mehrere Monate nach der Genesung weiterverfolgt werde. „An dieser Studie namens PA-Covid-19 beteiligt sich auch die neurologische Klinik“, sagt Endres. Ebenso sei man gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie involviert in die deutschlandweite Erhebung neurologischer Komplikationen in LEOSS deep, dem europäischen Register für  Covid-19.

Bislang könne man nicht sagen, ob zum Beispiel genetische Faktoren Covid-Komplikationen im Bereich der Blutgerinnung begünstigen. Endres rät darum auch jüngeren Altersgruppen, die Corona-Gefahr nicht zu unterschätzen. „Infizierte sollten nicht zögern, sich ins Krankenhaus zu begeben, wenn sich ihr Zustand verschlechtert“, sagt Endres. Vor allem wenn neurologische Ausfälle wie Lähmungen, Gefühlsstörungen oder Bewusstseinsveränderungen auftreten, gebe es nur eine Wahl: die 112.