Braunschweig/Berlin - Verstehen und lernen wollen, offen sein für Überraschungen und neue Erkenntnisse, die Bekanntes über den Haufen werfen können – das ist das Herz der Wissenschaft. Von all dem gab es in den vergangenen zwölf Monaten reichlich. Innerhalb kurzer Zeit erschienen Tausende von Studien über das Virus Sars-CoV-2 und Covid-19, die von ihm verursachte Krankheit. Natürlich baut die derzeitige biomedizinische Forschung auf Jahrzehnten von Vorarbeiten auf. Es gab aber sowohl in der Grundlagenforschung als auch in der Anwendung einen massiven Schub für das Verständnis von Infektions- und Entzündungskrankheiten.

Neu sind nicht nur die Intensität und Geschwindigkeit der Forschung, sondern auch die unmittelbare Relevanz für die Gesellschaft und Nähe zu ihr als Ganzes. Erkenntnisse aus Laboren und Kliniken, Interpretationen von Forschungsresultaten bestimmen auf einmal unmittelbar über das Leben von Milliarden Menschen und bilden eine wichtige Entscheidungsgrundlage für die Politik. Wie hat die Wissenschaft in diesem Umfeld in den vergangenen zwölf Monaten abgeschnitten? Nach unserem Gastbeitrag in dieser Zeitung vor einem Jahr über Wissenschaft in Zeiten von Corona ziehen wir Bilanz.

Ein holpriger Weg: die Suche nach Medikamenten

Schon in den ersten Wochen war klar, dass eine Infektion mit Sars-CoV-2 schwerste Erkrankungssymptome auslösen und bei vielen Patient:innen tödlich verlaufen kann. Entsprechend begann sofort die Suche nach Gegenmitteln. Erst einmal mit der naheliegenden Überlegung, mit antiviral wirkenden Substanzen zu beginnen, die bereits erprobt waren und möglicherweise das Potenzial haben würden, auch gegen Covid-19 zu wirken. Dazu gehörte beispielsweise Remdesivir, das bereits gegen das Ebolavirus erfolgreich eingesetzt worden war. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) begann mit groß angelegten systematischen Untersuchungen, um fundierte Aussagen darüber treffen zu können, ob bekannte Medikamente auch bei Covid-19 wirken.

dpa/Julian Stratenschulte
Die Gastautoren

Melanie Brinkmann, 47, ist Virologin und Professorin an der Technischen Universität Braunschweig sowie Arbeitsgruppenleiterin am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Im Corona-Jahr war die Biologin mehrfach in TV-Talkrunden zu Gast, zählte zu den von der Bundesregierung angehörten Wissenschaftlern und hat Positionspapiere mit verfasst, unter anderem die No-Covid-Strategie.

MDC/Felix Petermann

Emanuel Wyler, 40, ist Molekularbiologe und forscht am Berliner Institut für Medizinische Systembiologie des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin zur Genregulation in Virusinfektionen. Er klärt in seinem Blog Corona-Info über wissenschaftliche Fragen auf und stand in der Pandemie regelmäßig diversen Medien Rede und Antwort, unter anderem bei ntv. 

Eine der Substanzen, Hydroxychloroquin, wurde jedoch aufgrund von Experimenten ausgewählt, die aus wissenschaftlicher Sicht nicht ausreichten. Entsprechend hätte aus der Forschungsgemeinde sofort energisch dagegen protestiert werden müssen. Stattdessen avancierte es für kurze Zeit zum vermeintlichen „Wundermittel“. Obwohl früh klar war, dass es kaum wirksam ist, wurde international viel Zeit und Geld in die Erforschung seiner Wirksamkeit investiert. Die weitere Suche nach antiviralen Medikamenten verlief weltweit viel zu kleinteilig. Tausende Studien wurden durchgeführt, oft zu klein angelegt oder ohne die gebotene Sorgfalt – und damit letztlich ohne Aussagekraft.

Das Problem mit Medikamenten wie Remdesivir, die ihre Wirkung direkt auf das Virus ausüben: Sie kommen meist zu spät. Der schwere Krankheitsverlauf ist dann nicht mehr durch das Medikament beeinflussbar. Idealerweise müssten sie verabreicht werden, bevor Symptome einsetzen – allerdings ist zu diesem Zeitpunkt noch nicht klar, welcher Patient einen schweren Verlauf haben wird. Einen ersten Kontrapunkt setzten systematisch durchgeführte große Studien in Großbritannien, die im Sommer 2020 eine Wirksamkeit des schon seit 60 Jahren bekannten Dexamethason zeigten – eines Medikaments, das die Entzündungsreaktion des Körpers bremst. Der Fokus verschob sich damit auf Medikamente, die das Immunsystem beeinflussen. Mittlerweile gibt es dazu mehr und mehr verlässliche und ermutigende Studienresultate.

Die internationale Forschungslandschaft ist äußerst erfinderisch. In normalen Zeiten fügt sich aus einem kreativen Chaos am Ende, nach Jahren, ein Gesamtbild wissenschaftlicher Erkenntnisse zusammen. In der Pandemie zeigte sich aber, wie schwierig es ist, mit diesem System schnell und koordiniert ein gemeinsames Ziel zu erreichen. In Deutschland ist ein Schritt in diese Richtung die Gründung des neuen Forschungsnetzwerkes der Universitätskliniken, das genau solche koordinierten Aktivitäten anstrebt.

Sternstunde Corona-Impfungen: Beherrschung der Pandemie in Reichweite

Mit dem Beginn der „ersten Welle“ außerhalb Chinas im Februar 2020 war klar, dass nur eine Impfung die Pandemie nachhaltig und ohne gigantische Opferzahlen würde stoppen können. Nur so wurden auch die bisherigen „großen“ akuten Viruserkrankungen wie Pocken, Masern oder Röteln bekämpft – im Gegensatz zu chronischen Viruserkrankungen, die durch Viren wie HIV oder HCV verursacht werden und heutzutage gut mit Medikamenten in Schach gehalten werden können.

Bei der Suche nach Impfstoffen schlug die große Stunde von zwei neuen Technologien, die sich im Falle der Adenovirus-basierten Impfstoffe erst wenig, im Falle der RNA-basierten Impfstoffe noch gar nicht in der Praxis bewährt hatten. Binnen weniger Monate gab es erste, sehr verlässliche und ermutigende Wirkungsdaten. Mit großen Summen öffentlicher Gelder gefördert, stellten Firmen oder auch staatliche Institute wie in Russland in Windeseile Impfstoffe her. Auch wenn damit – Stichwort Virusvarianten – nicht alles sofort in Ordnung kommen wird, ist eine Beherrschung der Pandemie in Reichweite.

Zentral hierbei ist: Dieser Erfolg beruht auf jahrzehntelanger, meist mit öffentlichen oder Spendengeldern gestützter Grundlagenforschung weit abseits des Rampenlichts. Für die RNA-basierten Impfstoffe legte die ungarische Biochemikerin Katalin Karikó in den USA in den 1990er-Jahren den Grundstein. Was zeigt, dass die Grundlagenforschung von heute dazu beitragen wird, unsere Probleme in 20 oder 30 Jahren zu lösen.

Teilen, teilen, teilen: Daten retten die Welt

Die ersten Berichte einer „neuen Lungenkrankheit“ in Wuhan erreichten Europa am 31. Dezember 2019. Neun Tage später war das Erbgut des neuen Virus öffentlich zugänglich. Nochmals zwei Wochen später war der erste diagnostische Test auf das neue Virus in der Berliner Charité entwickelt worden. Seitdem ist der weltweite Informationsstrom nicht mehr abgerissen, sein Umfang kaum zu erfassen. Ohne Pause fließen E-Mails, Grafiken, Tweets und Verabredungen zu Videokonferenzen durch die Wissenschaftslandschaft.

Die Balance zu halten zwischen der notwendigen und gebotenen Information und der deutlichen (Selbst-)Kritik ist eine permanente Gratwanderung.

Vieles davon wird – zu Recht – sofort vergessen. Aber das sofort online gestellte Protokoll zur Bestimmung der Virusmenge im Abwasser, der veröffentlichte Datensatz für allerlei Analysen, die unkomplizierte Unterstützung, unabhängig von welchen Grenzen auch immer, verhelfen auch zu Durchbrüchen. Dazu gehört insbesondere das Wissen um die Virusvarianten. Jede Beobachtung wird sofort veröffentlicht, herausragende Resultate noch am selben Tag auf Twitter geteilt. Denn allen ist klar, dass dieser Pandemie nur mit Schwarmintelligenz angemessen begegnet werden kann.

Natürlich hat das alles eine Kehrseite: Wo die nützliche Information sofort durchkommt, grassiert auch die „Infodemie“. Fehlinformationen oder ungeprüfte Studien, die nie das Licht der Öffentlichkeit hätten erblicken dürfen, machen ebenfalls die Runde. Während man in der Wissenschaft eine solche Datenflut gewohnt ist, ist das für das aktuell besonders aufmerksame Publikum eine Herausforderung. Die Balance zu halten zwischen der notwendigen und gebotenen Information und der deutlichen (Selbst-)Kritik ist eine permanente Gratwanderung.

Testen und Ansteckungen: Schnittstelle von Wissenschaft und Public Health

Eine besondere Herausforderung für die Wissenschaft ist es, unmittelbar in der Bevölkerung zu forschen und schnell brauchbare Anwendungen zu entwickeln. Das betrifft einerseits die Übertragungswege des Virus. So war rasch bekannt, dass Aerosole in Innenräumen eine besondere Gefahrenquelle bedeuten. Viele Fallstudien erschienen zu Kreuzfahrtschiffen, Großraumbüros, Fleischfabriken oder Restaurants. Trotzdem wissen wir nach wie vor wenig darüber, woher die Mehrzahl der Ansteckungen rührt, welche Wege das Virus durch die Gesellschaft nimmt. Dünn besetzte Gesundheitsämter oder datenschutzrechtliche Überlegungen sowie die Abwesenheit von (notwendigerweise interdisziplinären) Strukturen und Anreizen für Wissenschaftler:innen erschweren solche Forschung „auf der Straße“. Ähnlich war es mit neuen Testmethoden, von Gurgelproben bis Abwasserscreenings, die im Labor rasch entwickelt wurden, aber nur sehr langsam in der Praxis ankommen – denn dafür braucht es ein beharrliches Lobbying, das die Wissenschaft nicht zu leisten gewohnt ist.

Vorhersagen und politisieren: Wissenschaft im Rampenlicht

Wissenschaftler:innen entziehen sich grundsätzlich zu Recht der politischen Debatte. Nicht aus Angst, Unlust oder Überheblichkeit, sondern weil sich Politik und Wissenschaft sehr stark unterscheiden. Gerade in der Pandemie müssen in der Politik unter Druck von vielen Seiten und manchmal schnell, ohne endgültig gesicherte Informationen Entscheidungen getroffen oder Kompromisse austariert werden, um die Gesellschaft mit all ihren Konflikten zu organisieren.

Forschende sind zu politischen Akteur:innen geworden, die, indem sie Position beziehen, direkt in die öffentliche Debatte eingreifen und manchmal massive Anfeindungen in Kauf nehmen.

Diese Verantwortung trägt die Wissenschaft nicht prinzipiell. In den ersten Monaten funktionierte die Arbeitsteilung noch gut: Die Wissenschaft forschte, prüfte, diskutierte, beriet – und die Politik traf die Entscheidungen. Im Corona-Winter 2020/21 ist vieles aber nicht mehr so einfach. Wie Daten interpretiert werden, welche Modelle warum am stichhaltigsten sind: Das sind wissenschaftliche Fragen, die imminent politisch sind. Entsprechend sind Forschende zu politischen Akteur:innen geworden, die, indem sie Position beziehen, direkt in die öffentliche Debatte eingreifen und manchmal massive Anfeindungen in Kauf nehmen. Wir tun dies aus der Erkenntnis heraus, dass vornehme Distanz nicht mehr möglich ist, wenn der Zustand der gesamten Gesellschaft auf dem Spiel steht – zu der die Wissenschaft unweigerlich gehört.

Öffentliche Wissenschaft?

Der Wunsch nach mehr Transparenz und Erklärung, wie die Wissenschaft arbeitet, ist in den vergangenen 20 Jahren stetig gewachsen und inzwischen selbstverständlich. Das ist eine großartige Entwicklung. Das stille Kämmerlein, weltabgewandte Labore und Schreibstuben gehören spätestens seit dieser Pandemie zur Vergangenheit. Die Sars-CoV-2-Pandemie hat uns eines klar aufgezeigt, wie es auch die WHO in einer Mitteilung dieser Tage getitelt hat: Wir gewinnen zusammen, oder wir verlieren zusammen. Das war in Bezug auf weltweite Impfkampagnen gemeint, gilt aber genauso für eine Gesellschaft, in der die Wissenschaft einen selbstverständlichen Platz einnimmt.