Wo es um globale Herausforderungen geht, ist das Wettbewerbssystem unzeitgemäß.
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BerlinHierzulande hat man sich daran gewöhnt, dass große Forschungseinrichtungen um zusätzliches Geld – die sogenannten Drittmittel – konkurrieren. Knapp 50 Prozent des Grundbudgets deutscher Universitäten speist sich mittlerweile aus dieser Quelle. 1995 lag der Drittmittelanteil noch bei 23 Prozent, während die verbleibenden 77 Prozent aus staatlicher Finanzierung kamen. Heute sind die EU-Fördertöpfe, die Programme der Deutschen Forschungsgemeinschaft, die Zuwendungen von Stiftungen und Industriepartnern lebenswichtig für die Forschung an unseren Hochschulen.

Entsprechend hart ist der Wettbewerb, in dem Wissenschaftler ihr Bestes geben müssen, um die eigene Institution und die Grundlagen ihrer Arbeit zu sichern. Man mag das so hinnehmen, weil Wettbewerb ein akzeptiertes Anreizsystem unserer Gesellschaft ist. Aber was im Sport oder in der Wirtschaft funktioniert, muss für die Wissenschaft nicht automatisch gut sein.

Kollegialität und Kooperation

Forschung motiviert sich nicht durch Wettbewerbe, sondern durch Neugierde, Erkenntnisdrang und Entdeckungstrieb. Das klingt altmodisch, wird aber durch das Wissenschaftssystem selbst durchweg bestätigt. Liest man Interviews mit Nobelpreisträgern, aber auch die Aussagen junger Forscherinnen und Forscher, dann erklärt niemand, dass er aus Konkurrenzstreben und der Neigung zum Wettbewerb in die Wissenschaft gegangen sei.

Wie wichtig Kollegialität und Kooperation gerade heute sind, zeigt die jüngste Entwicklung in China. Die Ausbreitung des Coronavirus ist eben kein regionales Problem, sondern fordert die Weltgemeinschaft heraus. Daher war es gut, dass die EU-Kommission zehn Millionen Euro aus dem Horizon-Programm für die diesbezügliche Forschung eingesetzt hat. Und es war richtig, dass die Weltgesundheitsorganisation den globalen Notstand ausrief. Denn es geht um ein Maximum an Unterstützung gerade für diejenigen Länder, deren Versorgungssystem unzureichend ist.

Epidemien kaum lokal begrenzbar

Nur gemeinsame Forschung und Prävention hilft, die Wirkungen der Pandemie abzuschwächen. China verhielt sich wochenlang so, als handle es sich allein um einen nationalen Ernstfall. Aber nicht die Handlungsfähigkeit eines einzelnen Landes steht auf dem Spiel. Globaler Reiseverkehr und stete Mobilität sorgen heute dafür, dass Epidemien kaum noch lokal begrenzbar sind. Wer sie bekämpfen möchte, braucht Verbündete auf der ganzen Welt.

Es wäre fatal, wollte man hier die gängigen Mechanismen des Wettbewerbs aktivieren und gegeneinander arbeiten. Große Forschungsleistungen sind im 21. Jahrhundert mehr denn je das Produkt gemeinsamer Anstrengungen.

Konkurrenzdruck unter Wissenschaftlern

Heute bilden internationale Arbeitsgruppen und Laborteams die Grundlage für Innovationen. Je vielfältiger die individuellen Bildungswege und Erfahrungen sind, desto größer die Chance, dass Entdeckungen und bahnbrechende Erkenntnisse gelingen. Junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kritisieren den Konkurrenzdruck, der ihre Karrieren bestimmt.

Das Wettbewerbssystem ist unzeitgemäß geworden, wo es um globale Herausforderungen geht. Das gilt für Individuen wie für Institutionen. Die Epoche der großen Wettrennen um Entdeckungen und Erfindungen liegt lange hinter uns. Besinnen wir uns auch in der Wissenschaft auf den Teamgeist, der gemeinsam Probleme lösen hilft!