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BerlinRund 80.000 Berlinerinnen und Berliner haben ein Problem mit ihrem Immunsystem. Aus Versehen greift es ihren eigenen Körper an. Gelenke und Sehnen, Haut und Nerven, Bindegewebe und Blutgefäße können betroffen sein. Das sind die Patienten, die Gerd Burmester täglich sieht. Sie leiden unter entzündlich rheumatischen Erkrankungen. Burmester ist Direktor der Medizinischen Klinik mit Schwerpunkt Rheumatologie der Charité. Er sagt: „Die bekannteste und häufigste Form dieser Erkrankungen ist das entzündliche Gelenkrheuma. Die fehlgesteuerte Körperabwehr attackiert die Innenhaut der Gelenke. Sie verdickt sich und es kommt zu Entzündungen, die mit der Zeit Knorpel und Knochen zerstören können.“

Meist beginnt das Rheuma an Fingern und Händen. Besonders morgens sind die Gelenke geschwollen und steif. Bewegungen fallen schwer. Oft können die Betroffenen vor Schmerzen nicht einmal mehr einen Wasserhahn aufdrehen. Bis heute ist Rheuma nicht heilbar. „Aber wenn man es früh erkennt und rechtzeitig behandelt“, sagt Burmester, „können moderne Medikamente den Verlauf bremsen, die Schmerzen beseitigen und die Erkrankung oft sogar zum Stillstand bringen.“

Seit ein paar Wochen haben Rheuma-Patienten ein zusätzliches Problem – durch den neuartigen Corona-Virus. Denn viele ihrer Medikamente unterdrücken absichtlich das Immunsystem, um die Fehlfunktionen und Angriffe auf körpereigene Strukturen zu stoppen. Deshalb fürchten die Betroffenen, dass sie sich dadurch auch leichter mit Covid-19 anstecken. Sie haben Angst, dass die Körperabwehr die Viren nicht mehr so gut bekämpfen kann. Und jetzt hat auch noch Gerd Burmester ein Problem. Nicht mit Rheuma, sondern ebenfalls mit Corona. Und auch nicht, weil sich Patienten oder Mitarbeiter seiner Klinik infiziert hätten. Sondern weil eine wissenschaftliche Meldung plötzlich für viel Verunsicherung sorgt. Sowohl bei den Rheumatikern als auch bei Burmesters Kollegen. Da muss der Professor plötzlich viel Aufklärungsarbeit leisten.

Um diese Medikamente geht es

Biologika: In der Erlanger Studie wurden biologische Medikamente untersucht. Diese sogenannten Biologika sind gentechnisch hergestellte Eiweiße. Sie greifen direkt in das biologische Geschehen und das überreagierende Immunsystem ein, das die Ursache der Gelenkentzündung bei der rheumatoiden Arthritis ist. Sie richten sich gezielt gegen die Botenstoffe (Zytokine), welche die Entzündungszellen aktivieren. Biologika stoppen auf diese Weise die Entzündungsreaktionen, so dass die Schmerzen und die Schwellungen der Gelenke zurückgehen. Sie kommen zum Einsatz, wenn mit Kortison und kortisonfreien Entzündungs- und Schmerzhemmern wie ASS, Ibuprofen oder Diclofenac kein ausreichender Behandlungserfolg erzielt werden kann. Biologika werden in der Regel zusammen mit diesen Basismedikamenten gegeben, weil die Kombination eine größere Wirksamkeit verspricht.

Unterschiede: Es gibt verschiedene Biologika. Wirkstoffe wie beispielsweise Tocilizumab oder Sarilumab hemmen Interleukin-6. Anakinra blockiert Interleukin-1. Andere Wirkstoffe wie etwa Etanercept, Infliximab oder Adalimumab unterdrücken dagegen den Tumor-Nekrose-Faktor TNF alpha. Sie werden in der Regel als Infusion gegeben oder unter die Haut injiziert.

Es geht um bestimmte Rheuma-Arzneimittel: „Entzündungshemmende Medikamente schützen vor Covid-19“ berichtete kürzlich das Deutsche Zentrum für Immuntherapie der Uniklinik Erlangen. Diese Medikamente werden nicht nur gegen Rheuma, sondern auch gegen andere Autoimmunerkrankungen wie Schuppenflechte und Darmentzündungen eingesetzt. Covid-19 führe zu einer ähnlichen überschießenden Immunreaktion in der Lunge wie Rheuma, Schuppenflechte oder Darmentzündungen in den jeweiligen betroffenen Organen, so die Erlanger Wissenschaftler. Ein Forschungsteam des Universitätsklinikums Erlangen und der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen-Nürnberg habe nun in einer Studie gezeigt, dass Medikamente, die gegen die Autoimmunerkrankungen eingesetzt werden, sogenannte Zytokin-Hemmer, Sars-CoV-2-Infektionen hemmen, bevor die Viren sich im Körper ausbreiten können

BLZ/Hecher
Quelle: www.rheuma-liga.de

Die Autoren der Studie hätten in den vergangenen Wochen 1000 Probanden auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 untersucht. Unter den Testpersonen seien Patienten mit Immunerkrankungen gewesen, die Zytokin-Hemmer einnehmen sowie Kontrollpersonen aus dem medizinischen Bereich. Das Ergebnis: Während bei circa vier Prozent der medizinisch tätigen und zwei Prozent der nicht medizinisch tätigen Kontrollpersonen Antikörper gegen das Coronavirus nachweisbar waren, habe niemand der an Rheuma, Darmentzündung oder Schuppenflechte leidenden Patienten Antikörper gegen das Coronavirus im Blut gehabt. Man vermute, dass die Zytokin-Hemmer die Infektion mit Sars-CoV-2-Viren von Anfang an eingeschränkt hätten, so dass keine Antikörper gebildet wurden.

Personen mit Rheuma, Darmentzündung oder Schuppenflechte seien somit nicht als Risikogruppe für Covid-19 zu betrachten, sondern dürften aufgrund ihrer Therapie vor der Krankheit geschützt sein. Bedeutet diese Studie, dass Patienten mit Rheuma und anderen Autoimmunerkrankungen durch die entzündungshemmenden Medikamente nicht nur kein erhöhtes Corona-Risiko haben, sondern im Gegenteil sogar noch stärker vor den Sars-CoV-2-Viren geschützt sind?

Woran erkennt man Rheuma?

Symptome: Ob Schmerzen in den Gelenken durch Rheuma bedingt sind, kann man an drei wichtigen Symptomen erkennen. Wenn mehr als zwei Gelenke (meist an den Fingern) öfter anschwellen, dieser Zustand länger als sechs Wochen anhält und wenn sich die Gelenke morgens länger als 60 Minuten steif anfühlen, dann besteht ein Verdacht auf Rheuma. Auch ein tief sitzender Rückenschmerz in der Nacht, der einen nicht schlafen lässt und erst durch Bewegung besser wird, kann ein Zeichen für entzündliches Wirbelsäulen-Rheuma sein.

Vorgehen: Lassen Sie sich in diesen Fällen spätestens nach sechs Wochen vom Hausarzt, Internisten oder idealerweise einem Rheumatologen untersuchen. Diese Spezialisten bieten auch besondere Sprechstunden zur Frühdiagnostik an.

Beweis: Röntgenbilder und Ultraschalluntersuchungen zeigen oft schon Veränderungen an den Gelenken. Im Blut sind Rheumafaktoren, bestimmte Antikörper und Entzündungszeichen nachweisbar.

„Diese Schlussfolgerungen sehen wir als verfrüht und gefährlich an“, warnt Hendrik Schulze-Koops, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie (DGRh) und Leiter der Rheumaeinheit der Uniklinik München. „Wir kennen die Originaldaten aus Erlangen nicht.“ Dass ein Patient aufgrund seiner rheumatologischen Therapie vor einer Virusinfektion geschützt sei, diese These entbehre im Moment jeglicher Möglichkeit der Nachverfolgung. Im Gegenteil. „Wir wissen“, so Schulze-Koops, „dass unsere Patienten mit rheumatologischer Therapie eher ein höheres Risiko für anderen Infektionen haben. Denn immununterdrückende Medikamente erhöhen normalerweise das Risiko, sich mit Viren oder Bakterien zu infizieren.“

Auch Gerd Burmester aus Berlin bezweifelt die Erlanger Ergebnisse: „Das wäre ja schön, wenn es zuträfe. Aber wir sehen das in einem anderen Licht. Unsere Daten zeigen, dass immer noch eine Menge Patienten an Corona erkranken, die diese Biologika-Medikamente einnehmen.“ Es sei auch eine fatale Botschaft: „Patienten, die diese Medikamente erhalten, könnten ja auf die Idee kommen, sie seien tatsächlich geschützt, bräuchten keine Masken mehr tragen und auch keine Abstände mehr einzuhalten. Das gaukelt eine trügerische Sicherheit vor.“ Experten hegen sogar die Befürchtung, dass Menschen auf die Idee kommen könnten, sich diese Medikamente nur deshalb zu besorgen, um vor Covid-19 geschützt zu sein. Doch wie kamen die Erlanger Ergebnisse zustande? „Wenn keine Antikörper nachweisbar sind, kann das zwei Gründe haben“, resümiert Hendrik Schulze-Koops. „Entweder es gab keine Infektion oder im Körper hat keine Auseinandersetzung mit dem Virus stattgefunden. Das wissen wir, weil Rheuma-Patienten auch auf Impfungen häufig schlechter ansprechen.“ Es könne aber auch sein, dass sich die untersuchten Patienten schon vorher wesentlich besser geschützt haben. Untersuchungen hätten gezeigt, dass Rheumatiker schon sehr früh ihre Kontakte stärker eingeschränkt haben als die Normalbevölkerung.

Doch wie sollen sich Rheumatiker und Patienten mit anderen Autoimmunkrankheiten jetzt verhalten? Sind sie stärker gefährdet oder nicht? „Ehrlich gesagt, wissen wir das noch nicht“, sagt Charité-Rheumatologe Burmester. „Das hängt davon ab, welche Medikamente die Patienten bekommen, wie alt sie sind, welche Grund- und Zusatzerkrankungen vorliegen und ob eventuell schon die Lunge beteiligt ist. Wer hoch dosiertes Kortison einnehmen muss, ist stärker gefährdet. Das gilt auch für Patienten, die so schwer erkrankt sind, dass sie fast schon eine Art Chemotherapie brauchen, um das Rheuma im Zaum zu halten.“

Hier finden Sie Hilfe

Rheumatologie: Die Fachrichtung der Medizin, die sich mit der Diagnose und Therapie meist chronischer Krankheiten aus dem sogenannten Rheumatischen Formenkreis beschäftigt, ist unter Medizinern wenig geliebt. Denn die Patienten sind chronisch krank, kommen oft in die Praxis und benötigen regelmäßig Rezepte für teure Arzneimittel. Deshalb lassen sich leider nur wenige Ärzte zu Rheumatologen ausbilden.

Spezialkliniken: Berlin verfügt lediglich über sieben spezialisierte Kliniken – Charité Mitte, Charité Benjamin Franklin, Immanuel Rheuma Klinik Buch, Immanuel Krankenhaus Wannsee, Parkklinik Weißensee, Schlosspark-Klinik, Vivantes Klinikum Spandau.
Niedergelassene Ärzte: Daneben gibt es nur 16 niedergelassene Rheumatologen. Die Adressen von Spezialisten in Ihrer Nähe finden Sie im Internet unter www.rheumazentrumberlin.de

Bei milden oder normalen Therapie sei das Corona-Risiko wahrscheinlich nicht erhöht. Und in bestimmten Fällen seien auch mildere Verläufe denkbar, so wie sie die Erlanger Studie beschrieben hat. DGRh-Präsident Schulze-Koops rät, alle Hygiene- und Abstandsmaßnahmen des Robert-Koch-Instituts genau zu befolgen: „Rheumatiker müssen sich nicht verstecken und können am Leben ganz normal teilnehmen, aber sie sollten etwas besser aufpassen.“ Auch eine Pneumokokken-Impfung sei vorteilhaft. Auf Wunsch stellten Ärzte auch Atteste für Patienten aus, die immun-unterdrückende Medikamente einnehmen. „Damit“, so Schulze-Koops, „kann man beim Arbeitgeber möglicherweise erreichen, einen kontaktarmen oder kontaktlosen Arbeitsplatz zu erhalten. Das unterstützen wir gerne.“

In der Rheuma-Ambulanz der Charité hat Gerd Burmester inzwischen Telefon- und Video-Sprechstunden eingeführt, um die Patienten auch in Corona-Zeiten nach wie vor gut zu versorgen: „Wir rufen alle unsere Patienten regelmäßig an, erkundigen uns nach dem Befinden und besprechen regelmäßig die weiteren Therapien.“ Blutwerte würden beim Hausarzt bestimmt werden, der sie an die Charité weiterleitet. Auch  Termine für eine Video-Sprechstunden seien möglich. „Das klappt wunderbar, ich spreche selbst mit vielen Patienten, lasse mir geschwollene Gelenke oder Hautveränderungen zeigen und erkläre ihnen, wann sie welche Medikamente in welcher Dosierung einnehmen sollen. Diese Gespräche dauern manchmal bis zu einer halben Stunde“, sagt Burmester. Patienten mit akuten Problemen könnten aber auch weiterhin nach telefonischer Voranmeldung in die Ambulanz kommen.

Auf einen wichtigen Punkt weist Rheumatologen-Präsident Schulze-Koops noch hin: „Rheuma-Patienten ohne Anzeichen eines Corona-Infektes sollen ihre Therapien ganz normal weiter einnehmen und Medikamente keineswegs selbstständig reduzieren oder absetzen.“Lägen Anzeichen auf einen Covid-19 Infekt mit Symptomen vor oder verlaufe ein Test positiv, sollte man den Arzt kontaktieren, bei Fieber über 38 Grad mit der Therapie pausieren, aber verschriebene Kortisongaben weiterhin einnehmen.