Berlin - Wie entwickelt sich die Corona-Pandemie im Herbst und Winter? Und wie sollte eine angemessene Reaktion aussehen? Der Expertenrat der Bundesregierung hat unterschiedliche Szenarien entworfen und dafür Strategien entwickelt. Für den schlimmsten Fall prognostizieren die Experten eine neue Virusvariante, die sich schnell an das menschliche Immunsystem anpasst, hochansteckend ist und zu schweren Krankheitsverläufe führt, auch bei vollständig Geimpften. Das Gesundheitssystem würde erneut an seine Grenzen stoßen, Intensivstationen und Notfallmedizin stark belastet.

„Wir wollen ausdrücklich keine dramatischen Bilder zeichnen“, sagte Heyo Kroemer, Vorsitzender des Expertenrats und Vorstandsvorsitzender der Charité.  Es gehe darum, nüchtern nachzudenken, was im Herbst und Winter zu erwarten sei. Drei Szenarien haben die 19 Mitglieder des Gremiums entworfen. Ein günstigstes Szenario, ein Basisszenario und ein ungünstiges Szenario.

In diesem Fall rechnen die Experten „mit einem bedrohlichen Engpass an den Kinderkliniken“. Die Situation würde durch Ausfälle beim medizinischen Personal und in der Pflege verstärkt. Die Empfehlung lautet: „Die besondere Unterstützung für Kinderkliniken u.a. durch pflegeentlastende Berufsgruppen.“ Dazu zählen die Fachleute unter anderem pharmazeutisch-technische Assistentinnen und medizinische Fachangestellte.

Nach einer Auswertung des RWI-Leipniz-Instituts verfügen lediglich 339 Kliniken in Deutschland über eine Kinderstation. Vor allem in der Fläche ist die Versorgungslage mancherorts kritisch. Der Fachverband GKind veranschlagt den Personalmangel in den vorhandenen Abteilungen für Kinder- und Jugendmedizin schon im Normalbetrieb mit rund 3000 unbesetzten Vollzeitstellen.

Christian Karagiannidis riet dazu, nicht nur an die Covid-Pandemie zu denken. „Wir müssen es irgendwie schaffen, unser Gesundheitssystem so aufzustellen, dass wir mit zukünftigen Krisen zurecht kommen“, sagte den Präsident der Deutschen Gesellschaft für Internistische Intensivmedizin und Notfallmedizin. „Dazu gehören Influenza und das RS-Virus aus dem Kinderbereich.“ Es sei wichtig an die Herausforderungen der kommenden Jahre zu denken.

Für den Fall einer sich wieder zuspitzenden Pandemie hält der Expertenrat als zentrale Forderung fest: „Die Sicherung der sozialen Teilhabe durch Schul- und Kitabesuch sowie sportliche und kulturelle Aktivitäten muss weiterhin Priorität genießen.“ Um dies zu ermöglichen, schlagen die Wissenschaftler verpflichtende CO2-Messungen in Klassenräumen vor. Sie fordern „angepasste Hygiene- und Schutzmaßnahmen in Schulen und Kitas“. Auf Corona getestet werden sollen dagegen nur Kinder und Jugendliche mit Symptomen. Präventive Tests seien ratsam, wenn sich neue und gefährlichere Varianten ausbreiten. Bei Freiwilligkeit sollen die Kosten übernommen werden, „insbesondere für hilfebedürftige Familien“.

Bei leichter Corona-Welle können andere Atemwegserkrankungen zunehmen

Erforschung und Versorgung psychischer Auswirkungen der Pandemie auf Kinder zu erforschen, hält der Expertenrat zudem für essentiell. Dass die bisherigen Lockdowns bei Heranwachsenden zu seelischen Problemen geführt haben, gilt inzwischen als Konsens. So registrierte die jährliche Reihenbefragung „Präventionsradar“ für das Schuljahr 2020/2021 eine Zunahme von depressiven Stimmungen.

Die Pädiatrie wird nach Ansicht der Experten auch im günstigsten Szenario belastet. Dann, wenn eine Corona-Mutation dominiert, die noch leichtere Krankheitsverläufe auslösen kann als derzeit die Omikron-Variante und „stärker eingreifende Infektionsschutzmaßnahmen“ nur für vulnerable Gruppen erforderlich machen würde. Bei Kindern könne es derweil „zu höheren Infektionszahlen durch andere Atemwegserreger wie Influenza kommen“. Doch nicht nur im Gesundheitswesen, auch im Wirtschaftsleben insgesamt könnten Personalausfälle Engpässen führen.

Bleibt schließlich ein Basisszenario. Dabei  würde die Krankheitslast durch Sars-Cov-2 nahezu unverändert bleiben. „Trotz der moderaten Covid-19-Belastung der Intensivmedizin könnten die Arbeitsausfälle erneut flächendeckende Maßnahmen des Übertragungsschutzes (Maske und Abstand in Innenräumen), aber auch Maßnahmen der Kontaktreduktion nach regionaler Maßgabe erforderlich machen“, schreibt der Expertenrat  in seiner Empfehlung.

Einen genauen Überblick über die Datenlage sieht das Gremium als entscheidend an. Infektionsdynamik, Krankheitsschwere und Belastung des Gesundheitswesens müssten systematisch erhoben werden. „Die Erfassung dieser Parameter sollte nachhaltig und detailliert etabliert werden, um das System für die Zukunft über Covid-19 hinaus resilient aufzustellen.“ Man müsse sich ein wenig von der Sieben-Tage-Inzidenz lösen, sagte Karagiannidis. „Wir müssen zu einer digitalen Echtzeitlage kommen.“ Wichtige sei auch die Krankheitsschwere. „Wir müssen wissen, wie viele Betten wir zur Verfügung haben. Wie viele sind davon belegt. Wie viele Pflegekräfte stehen wirklich tagtäglich am Bett.“

Der Expertenrat verspricht sich davon eine schnelle Reaktion auf ein sich rasch veränderndes Infektionsgeschehen. Dazu sei aber auch „eine solide rechtliche Grundlage für Infektionsschutzmaßnahmen“ erforderlich. Bund und Länder sollen sich zudem zentral abstimmen. „Eine bundesweit möglichst einheitliche und schnelle Kommunikation aller bestehenden Regelungen und Empfehlungen“, schlagen die Wissenschaftler vor. Nachvollziehbare, einheitliche Vorschriften seien entscheidend, um die Polarisierung der Gesellschaft abzubauen, so Cornelia Betsch, Professorin für Gesundheitskommunikation an der Uni Erfurt.

Deutlich leichter müssen Covid-Patienten an Medikamente gegen das Virus gelangen können als bisher, fordern sie. Rechtzeitig eingenommen, können Präparate wie Paxlovid schwere Krankheitsverläufe verhindern. Das hob Charité-Professor Leif Erik Sander hervor. Der Klinikdirektor Infektiologie unterstrich zudem die Bedeutung von Corona-Schutzimpfungen.