Vermutlich dürfte die Entwicklung wirkungsvoller Impfstoffe gegen das Corona-Virus weitaus schneller gelingen als die Etablierung effizienter Therapien gegen HIV. 
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BerlinAm Virus sind 37,9 Millionen Menschen erkrankt. Die Zahl der Toten lag im letzten Jahr bei 770.000 Menschen; seit Ausbruch der Krankheit erlagen ihr insgesamt 35 Millionen Opfer weltweit. Derzeit haben 62 Prozent der Erkrankten Zugang zu lebensverlängernden Therapien. 19 Milliarden US-Dollar sind mittlerweile in die Forschung zur Entwicklung von Gegenmitteln investiert worden. Der Fortschritt vollzieht sich nur langsam, ein allgemeiner Durchbruch steht noch aus.

Das ist kein erfundenes Zukunftsbild für eine Zeit, in der sich das Corona-Virus massenhaft verbreitet haben wird. Die Zahlen beziehen sich auf die aktuelle Situation der HIV-Infektionen (Aids). Die Ausbreitung des HI-Virus konnte zwar bisher eingedämmt werden, aber bei knapp 38 Millionen Infizierten gibt es keinen Grund zur Beruhigung. Immerhin offenbaren sich deutlicher denn je die Wege, die zu einer wirksamen Immun-Therapie führen dürften.

HIV-Therapien zeigen: Es braucht Geduld und Ausdauer

Nachdem 2011 in Berlin ein erster Patient als geheilt eingestuft werden konnte, gelang das vor wenigen Wochen auch in London. Zweieinhalb Jahre nach Beendigung der Therapie konnten auch im Körper dieses Patienten keine funktionsfähigen HI-Viren mehr gefunden werden. Zwar existierten bei ihm weiterhin DNA-Stränge, die der Bauform des Virus entsprechen, aber sie haben gleichsam „fossilen“ Charakter, sind also nicht mehr am Leben.

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Die in London eingesetzte Behandlung zielte auf die Bildung von Antikörpern, die alle HIV-Varianten erkennen und ihre körperinterne Vermehrung blockieren. Eine andere Therapievariante besteht darin, HIV-DNA mithilfe von Gen-Scheren aus dem Erbgut auszuschneiden; eine dritte darin, Immunzellen umzuprogrammieren, damit sie HIV-infizierte Zellen aktiv abtöten können. Noch ist nicht klar, welche Behandlung den Königsweg bedeuten könnte. Womöglich beruht eine zukunftsfähige Therapie auf der Kombination mehrerer Abwehrpraktiken.

Das Beispiel der HIV-Immunerkrankung zeigt, dass man Geduld und Ausdauer, Geld und Alternativen für die Lösung neuer medizinischer Probleme benötigt. So verständlich der Wunsch nach schnellen Lösungen ist, so wenig erwartbar sind Wunder. Für die Forschung bleibt es existenziell, dass sie gut finanziert ist, damit, wie im Fall HIV, mehrere Therapievarianten gleichzeitig erprobt werden können.

Medizinischen Fortschritt nicht erzwingen

Solche Parallelprojekte dürfen aber nicht vom egoistischem Konkurrenzdenken getragen werden. Die wirtschaftlichen Erwartungen, die sich an die Einführung neuer Therapien – bei HIV wie bei Corona – knüpfen, sind erheblich. Daraus resultieren der Zwang zur Geheimhaltung und nationaler Egoismus, wie ihn zuletzt Donald Trump besonders schamlos an den Tag legte, als er deutsche Forscher der Tübinger Firma CureVac in die USA abzuwerben suchte.

Die Erprobung alternativer Therapieformen ist allerdings nur dann produktiv, wenn sie von gemeinsamen Interessen im Dienste weltweiter Aufklärung getragen wird. Vermutlich dürfte die Entwicklung wirkungsvoller Impfstoffe gegen das Corona-Virus weitaus schneller gelingen als die Etablierung effizienter Therapien gegen HIV.

Aber das Beispiel zeigt, dass wir den medizinischen Fortschritt nicht erzwingen können. Das einzige Mittel, das bleibt, besteht darin, die entsprechende Forschung dauerhaft finanziell angemessen auszustatten und das Problem global, nicht nur national in Angriff zu nehmen.