Corona-Impfstoff (Symbolbild).
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BerlinEs heißt, die weltweite Suche nach einem Impfstoff gegen Corona sei ein Wettrennen. Doch das ist zu kurz gedacht. Denn Forscher suchen nicht nach dem einen Impfstoff, der uns von der Pandemie erlöst. Vielmehr ist sich die Fachwelt einig, dass es mehrerer Impfstofftypen bedarf, um die Menschen weltweit vor Sars-CoV-2-Erkrankungen zu schützen. Und deshalb mag einem die Arbeit in den Labors angesichts der Eile, die geboten ist, wie ein Wettrennen vorkommen. Dann sollte man es zumindest als ein Rennen betrachten, in dem es nicht nur einen Sieger gibt, sondern ganz viele. Und im Grunde sind es gleich mehrere Rennen parallel. Auf dem Pandemie-Besieger-Treppchen ist also jede Menge Platz.

Dennoch hat sich Russland sehr ins Zeug gelegt. Mit der vollmundigen Verkündung der Zulassung des Corona-Impfstoffs Sputnik V wähnt man sich offenbar als Sieger. Doch das ist so, als würde man sich in einem 10.000-Meter-Lauf bereits nach 3000 Metern als Gewinner erklären. Denn Sputnik V ist noch lange nicht marktreif. Seine Wirksamkeit und Sicherheit ist nicht bewiesen. Das haben diverse Experten sowie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gleich am Dienstag klargestellt. Die notwendigen klinischen Studien der Phase III haben für Sputnik V noch gar nicht stattgefunden. Das Mittel muss nun im voreilig zugelassenen Status weiter geprüft werden.

Doch das ist noch nicht alles. Um beim Bild eines Leichtathletik-Wettkampfs zu bleiben: Ob das Rennen nach 10.000 Metern wirklich vorbei ist, kann keiner sagen. Womöglich treten bei breiter Anwendung schwere Nebenwirkungen auf, die derzeit nicht absehbar sind. Womöglich ist es schwieriger als gedacht, einen Schutz vor Covid-19 zu erzielen. Das alles wird sich in den nächsten Monaten zeigen. Denn erst jetzt sind die ersten Entwicklungsprojekte in die entscheidende Phase III der klinischen Entwicklung eingetreten.

Zurzeit sind sechs Impfstoffkandidaten in der finalen Prüfphase

Die Datenbank der WHO verzeichnet weltweit zurzeit 139 Impfstoffkandidaten, die sich in dem frühen Stadium der vorklinischen Testung befinden. Darüber hinaus gibt es 28 Kandidaten, die bereits in klinischen Studien – also an Menschen – erprobt werden. Sechs davon sind bereits so weit fortgeschritten, dass sie die Phase III erreicht haben, in der mehrere Tausend Probanden die Mittel verabreicht bekommen.

Der russische Sputnik V ist nicht darunter. Dafür aber neben drei chinesischen, einer britischen und einer US-amerikanischen Entwicklung das Projekt der Mainzer Firma Biontech, die sich mit dem Pfizerkonzern und dem chinesischen Unternehmen Fosun Pharma zusammengetan hat. Biontech-Chef Ugur Sahin hat vor, im Oktober den Antrag auf Marktzulassung zu stellen. Das hat er vor etwa 14 Tagen verkündet und in dieser Woche noch einmal bestätigt. Die Voraussetzung dafür ist natürlich, dass die in den USA genehmigten und unter anderem in Brasilien laufenden Tests mit bis zu 30.000 Teilnehmern klare Belege für die Wirksamkeit und Sicherheit liefern.

Es könnte klappen. Doch selbst wenn es so kommt und selbst wenn parallel vielleicht auch die Oxford University im Verbund mit dem Konzern Astra Zeneca sowie die US-Firma Moderna und auch die chinesischen Kandidaten in einem ähnlichen Rekordtempo fortschreiten, brauchen die meisten von uns noch viel Geduld. Dass sich hierzulande womöglich schon ab November alle Impfwilligen den Corona-Schutz beim Hausarzt verabreichen lassen können, sollte man sich am besten gar nicht erst vorstellen.

Noch ist zum Beispiel nicht klar, ob Biontech die Marktzulassung zunächst nur bei der US-Behörde FDA einreicht oder parallel auch bei der europäischen EMA. Im Idealfall könnte es so kommen, dass auch in Europa Ende dieses Jahres oder Anfang 2021 erste reguläre Impfungen stattfinden. Und dann wird es um die Frage der Verteilung gehen – zwischen den Ländern und innerhalb der Bevölkerungen. Eigentlich ist klar, dass alle Staaten Zugang zu Impfstoffen bekommen müssen. Doch mittlerweile haben sich viele Länder exklusive Produktionsanteile bei Impfstoffherstellern gesichert. WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus warnte kürzlich vor einem Impfstoff-Nationalismus und betonte, kein Land werde sicher sein, bevor wir alle sicher sind.

In dem Sinne kann man nur hoffen, dass sich die Gesellschaft einig ist, bestimmten Gruppen Vorrang beim Impfen zu gewähren – vor allem medizinischem und Pflegepersonal sowie Menschen mit einem hohen Erkrankungsrisiko. Noch ist Zeit, für eine sinnvolle und faire Verteilung zu streiten. Das vermeintliche Wettrennen ist noch nicht auf der Zielgeraden. Möge die Vernunft siegen.