Berlin - Ausgerechnet diejenigen, die als Erste wieder grüppchenweise in Kitas und Schulen aufeinandertreffen, sind vielleicht als Letzte an der Reihe: Kinder und Jugendliche. Für sie ist bislang kein Impfstoff gegen Covid-19 zugelassen, eine Impfempfehlung ist laut der Ständigen Impfkommission „bisher noch nicht absehbar“.

Die Forderung, Kinder und Jugendliche so bald wie möglich zu impfen, wird nun immer stärker vorangetrieben. Zum einen für ihren individuellen Schutz, insbesondere weil die Ansteckungsgefahr durch neue Virusvarianten immer größer wird. Aber auch für den Schutz der gesamten Bevölkerung.

Das sind die Fakten: Kinder und Jugendliche erkranken im Vergleich zu Erwachsenen zwar seltener an einer Corona-Infektion. Sie haben auch seltener schwere Verläufe – bei vielen verläuft die Krankheit asymptomatisch oder mit milden Symptomen. „Allerdings sehen wir in den letzten Monaten eine Zunahme der Sars-CoV-2-Infektionen vor allem bei Jugendlichen, aber auch zum Teil bei Schulkindern“, sagt Jörg Dötsch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin. „Es ist nicht auszuschließen, dass sich das Virus zukünftig auch in der Gruppe der Kleinkinder effektiver verbreiten kann.“

Mediziner berichten auch von überschießenden Immunreaktionen bei einigen jungen Menschen, die Grund zur stationären Aufnahme und zur Behandlung seien. Es mehren sich auch Hinweise, dass Kindern langfristig unter den Folgen einer Infektion – Long-Covid – leiden können. Oder in Einzelfällen Multisystem inflammatory syndrome in children, kurz MIS-C, eine entzündliche Erkrankung der Blutgefäße, des Herzens und des Herz-Kreislauf-Systems auftrat, die für Kinder bei Covid-19 selten, aber spezifisch ist, erklärt Johannes G. Liese, Leiter des Bereichs pädiatrische Infektiologie und Immunologie am Universitätsklinikum Würzburg. „Deren Anzahl könnte häufiger werden, wenn die Erkrankung insgesamt in dieser Altersgruppe häufiger auftritt.“ Alles Gründe, die für den Individualschutz und damit auch fürs Impfen sprechen, finden die Forschenden.

Fachgesellschaften sprechen sich fürs Impfen aus – wenn es zugelassen ist

Auf der anderen Seite scheint das Impfen gegen Sars-CoV-2 die Übertragung des Virus zu verhindern und so einen Beitrag zur sogenannten Herdenimmunität zu leisten. Das legen zumindest Felddaten aus Israel und Großbritannien an Erwachsenen nahe. Die nicht begutachteten Studien zeigen, dass Geimpfte nicht nur gegen schwere oder sogar tödliche Krankheitsverläufe mit Covid-19 geschützt sind, sondern zu einem großen Anteil auch vor Infektionen. Aufgrund der hohen Mobilität und der vielen Kontakte in Kitas oder Schulen spielen junge Menschen als Krankheitsüberträger eine zentrale Rolle in der Gesellschaft. Doch kann die Herdenimmunität in der Bevölkerung überhaupt erreicht werden, wenn Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht geimpft werden? „Nur durch hohe Infektionszahlen in dieser Altersgruppe“, erklärt Liese. „Und die wollen wir gerade vermeiden!“

Aus diesen Gründen sprechen sich Fachgesellschaften wie die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGPI) und die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) für eine Impfung in den jüngeren Altersgruppen aus – wenn sie offiziell zugelassen ist. Von einer Anwendung des Impfstoffes bei jungen Menschen ohne eine vorangegangene klinische Prüfung raten sie dringend ab.

Lediglich das Vakzin von Biontech/Pfizer ist in der EU ab 16 Jahren zugelassen, alle anderen Corona-Mittel dürfen nur über 18-Jährigen verimpft werden. Und erst wenige Hersteller haben mit den aufwendigen Studien an Kindern und Jugendlichen begonnen. Junge Menschen sind in den laufenden klinischen Studien von Biontech/Pfizer zwar eingeschlossen, allerdings sind diese nicht speziell für die Überprüfung des Corona-Mittels an Minderjährigen konzipiert. Der britisch-schwedische Pharmakonzern Astrazeneca wiederum hat in Großbritannien eine Testreihe mit rund 300 Minderjährigen zwischen sechs und 17 Jahren gestartet, wo die Wirksamkeit und Sicherheit des Vakzins überprüft wird. Das US-Biotechunternehmen Moderna hat bereits im Dezember eine Studie mit rund 3000 Minderjährigen in den USA gestartet.

Impfstoff für Minderjährige bis Ende des Sommers? Wohl eher nicht

Vor rund einem Monat hat der Gesundheitsminister Jens Spahn zwar die Hoffnung verbreitet, dass es bis Ende des Sommers einen Impfstoff für junge Menschen geben könnte. Experten halten dieses Vorhaben allerdings für zu optimistisch. Zu Recht: „Klinische Prüfungen bei Kindern unterliegen größeren Herausforderungen, weil Kinder nicht selber einwilligen können, beziehungsweise laut der Ethikkommission erst ab zwölf Jahren zustimmungspflichtig sind“, erklärt der Kinderarzt Johannes G. Liese. Deshalb seien die Impfstoffhersteller und Zulassungsbehörden wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte oder das Paul-Ehrlich-Institut verpflichtet, hier besonders vorsichtig zu sein.

Die Physiologie von Kindern hinsichtlich ihrer Größe, Fettverteilung oder Muskelmasse unterscheidet sich von Erwachsenen, auch der kindliche Stoffwechsel funktioniert anders. In den Studien muss unter anderem untersucht werden, wie hoch die Dosis in den unterschiedlichen Altersgruppen sein muss, um eine effektive Immunantwort zu erreichen. Das kann überprüft werden, indem Antikörperspiegel im Blut über einen längeren Zeitraum detektiert werden. Wichtig wäre es auch, Kinder mit Vorerkrankungen in die Impfstudien einzubeziehen, für die die Impfung besonders sinnvoll ist. Auch muss in den Studien sichergestellt werden, dass es durch die Impfung nicht zu seltenen Komplikationen kommt. 

Jörg Dötsch erklärt, dass es sich bei jeder klinischen Überprüfung um einen Eingriff in die körperliche Unversehrtheit handle, die die Tragweite der Prüfung nicht ersehen könne. „Insofern ist bei Kindern und Jugendlichen eine besonders strenge Prüfung der ethischen Voraussetzungen vor der Testung eines Arzneimittels oder eines Impfstoffes angezeigt“, sagt er. So müsse unter anderem konsequenter dargelegt werden, wie mit möglichen unerwünschten Ereignissen umgegangen wird. All das kostet Zeit – sicherlich länger, als Gesundheitsminister Jens Spahn sich das vorstellt.

Schleimhaut-Immunsystem bei Kindern aktiver 

„Es ist überraschend, dass Infektionen bei Säuglingen und Kindern bisher so selten aufgetreten sind – gerade in Kitas, wo die Kinder so eng in Kontakt sind. Auch dort kam es bis jetzt nicht zu vielen und großen Ausbrüchen“, fügt Johannes G. Liese hinzu. Dafür gibt es verschiedene Hypothesen: Forschende gehen davon aus, dass das Gen für den ACE2-Rezeptor, an den das Coronavirus bindet, bei Kindern seltener abgelesen wird, weshalb wiederum weniger Rezeptorproteine in der Zelle gebaut und in der Zellmembran verankert werden.

Ein weiterer möglicher Grund lautet, dass Kinder mehr Antikörper gegen die klassischen Erkältungs-Coronaviren haben, mit denen sie sich jährlich anstecken. Diese Antikörper könnten eine gewisse Kreuzimmunität bei Sars-CoV-2 vermitteln und sie vor Covid-19 schützen. „Die dritte Hypothese ist, dass bei Kindern das angeborene Immunsystem der Schleimhaut sehr stark aktiv ist, was dazu führt, dass das Virus sehr schnell bekämpft werden kann, bevor es überhaupt zu einer richtigen Infektion kommen kann“, so der Kinderarzt weiter. Das könnte vor allem auf Kleinkinder zutreffen. „Interessanterweise scheint es in Bezug auf die Anfälligkeit gegenüber dem Virus eine Altersgrenze von etwa zehn Jahren zu geben.“ Darüber würden Kinder beziehungsweise Jugendliche ähnlich häufig wie Erwachsene erkranken.