BerlinDie Corona-Maßnahmen haben das Leben vieler auf den Kopf gestellt, für Menschen mit Depressionen stellen sie jedoch eine gravierende Herausforderung dar. Sie leiden laut einer Studie stärker unter den Folgen der Corona-Krise als der Rest der Bevölkerung. Viele haben ihren Halt verloren, soziale Kontakte gibt es nur minimal. Und „jeder zweite an Depression Erkrankte hat massive Einschränkungen in der Behandlung seiner Erkrankung erlebt“, heißt es im neuen „Deutschland-Barometer Depression“, das am Dienstag vorgestellt wurde.

Für diese Untersuchung lässt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe jährlich rund 5000 Menschen zwischen 18 und 69 Jahren mit unterschiedlichen Schwerpunkten repräsentativ online befragen, zuletzt im Juni und Juli. Demnach empfanden etwa drei Viertel der Befragten mit Depressionen den Lockdown im Frühjahr als deutlich belastend.

Vor allem die häusliche Isolation habe dazu beigetragen, heißt es. Menschen mit Depressionen hätten im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung fast doppelt so häufig unter einer fehlenden Tagesstruktur gelitten. Depressiv Erkrankte bewegten sich weniger, blieben vermehrt tagsüber im Bett und kämen öfter ins Grübeln. „Menschen in einer Depression sind hoffnungslos und erschöpft. Lange Bettzeiten können die Depression weiter verstärken. Ein Teufelskreis beginnt“, erläutert Psychiater Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Depression: Ernsthafte Erkrankung der Psyche

Ursachen Es gibt verschiedene Auslöser. Tritt die Erkrankung ohne klar ersichtlichen äußeren Grund auf, kann sie vorwiegend genetisch bedingt sein und durch neurobiologische Veränderungen im Gehirn entstehen. Auch körperliche Infekte können Ursache sein.

Anzeichen Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, Antriebslosigkeit und den negativen Gedanken befreien. Sie fühlen sich erschöpft und müde, leiden gleichzeitig an Schlafstörungen. Auch Appetitlosigkeit kann ein Anzeichen sein. Treten diese Symptome über mindestens zwei Wochen auf, kann die Diagnose Depression gestellt werden.

Behandlung Grundsätzlich ist eine Psychotherapie angeraten – oftmals in Verbindung mit Medikamenten, abhängig von der Schwere der Erkrankung.

Die Zahlen würden jedoch noch keinen Aufschluss darüber geben, ob durch die Pandemie mehr Menschen an einer Depression erkranken. „Ich kann keine Depressions-Epidemie feststellen. Und ich glaube auch nicht, dass Angststörungen zugenommen haben“, sagt Hegerl. Die gravierendsten Folgen der Corona-Maßnahme sieht er in der medizinischen Versorgung von Patienten mit Depressionen. Diese habe sich durch den Lockdown massiv verschlechtert.

Nach Angaben der Stiftung sind in Deutschland mehr als fünf Millionen Menschen depressiv erkrankt. Jeder Zweite hat laut der Befragung im ersten Lockdown Einschränkungen in der Behandlung erlebt. Sprechstunden sind ausgefallen, Arzttermine wurden abgesagt. Jeder zehnte der Befragten berichtet davon, dass ein geplanter Klinikaufenthalt ausfiel. Etwa 13 Prozent gaben an, aus Angst vor einer Ansteckung mit Sars-Cov-2 nicht zum Arzt gegangen zu sein.

Das sei fatal. „Eine Depression ist eine schwere, oft lebensbedrohliche und dringend behandlungsbedürftige Erkrankung“, sagt Hegerl. Ein hoher Leidensdruck könne suizidale Gedanken verstärken. Eine Gefahr, die es zu vermeiden gelte. „Nur bei Beachtung aller Folgen, die durch die Corona-Maßnahmen einerseits möglicherweise verhindert und andererseits konkret verursacht werden könnten, kann die richtige Balance gefunden werden“, betont Hegerl.

Hilfe für Betroffene und Angehörige

Wissen, Selbsttests und Adressen rund um das Thema Depression hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe auf ihrer Webseite zusammengestellt: www.deutsche-depressionshilfe.de. Eine mögliche Anlaufstelle ist auch das Info-Telefon Depression, 0800 - 33 44 5 33 (kostenfrei). Fachlich moderierte Online-Foren zum Erfahrungsaustausch für Erwachsene finden sich unter www.diskussionsforum-depression.de. Junge Menschen ab 14 Jahren finden hier Hilfe: www.fideo.de.

In den vergangenen Jahren habe er beobachten können, dass sich immer mehr Menschen mit Verdacht auf eine Depression Hilfe suchen. „Es gibt genauere Diagnosen. Die Medikamente sind besser geworden. Insgesamt gibt es einen Fortschritt in der Behandlung“, sagt Hegerl. Doch durch manche Corona-Maßnahmen werde dieser positive Trend nun gebremst. Welche dies genau bewirken, darauf wollte sich der Psychiater nicht festlegen. „Die Maßnahmen müssten von allen Experten – Virologen, Politikern, Ärzten – genau betrachtet und abgewogen werden. Hier fehlt mir manche tiefer gehende Diskussion.“

Digitale Sprechstunden als Alternative

Um der medizinischen Versorgungslücke entgegenzuwirken, erhielten Ärzte und Psychotherapeuten im Frühjahr 2020 die Möglichkeit, Videosprechstunden oder telefonische Behandlungen bei den Krankenkassen abzurechnen. Etwa 14 Prozent der Patienten, die aktuell an einer Depression leiden, haben von dieser Möglichkeit Gebrauch gemacht. Etwa 80 Prozent bewerten ihre Erfahrungen als positiv. Sie waren mit den Telefon- und Video-Sprechstunden beim Psychotherapeuten sehr zufrieden.

„Das ist deutlich positiv zu bewerten. Allerdings ersetzt eine Videosprechstunde nie den richtigen Besuch beim Arzt“, sagt Hegerl. Vieles könne man nur gut beurteilen, wenn man dem Patienten auch in die Augen schauen kann. Für die kommenden Monate wünscht sich Hegerl, dass die Menschen wieder mehr medizinische Hilfe in Anspruch nehmen. „Versorgungsengpässe, wie wir sie im Frühjahr hatten, darf es nicht mehr geben. Wir müssen verhindern, dass Menschen durch das Virus verunsichert werden und aus Angst lieber keinen Arzt aufsuchen.“ Die Praxen seien geöffnet. Es sei wichtig, das Angebot auch wahrzunehmen. (mit dpa)

Beratung und Seelsorge in schwierigen Situationen

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800 – 111 0 111 oder 0800 – 111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis samstags von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800 – 111 0 333. Am Samstag nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de.

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind rund um die Uhr unter 030 – 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischen, regionalen sowie Online- und Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de