Virologe Hendrik Streeck: „Infektionszahlen sind nicht mehr ausschlaggebend“

Studie zum Immunisierungsgrad der Bevölkerung zeigt: 95 Prozent haben Corona-Antikörper und sind vor schwerem Verlauf geschützt. Doch es gibt Lücken.

Virologe Hendrik Streeck leitet die Immunebridge-Studie zur Erfassung der Immunität in Deutschland.
Virologe Hendrik Streeck leitet die Immunebridge-Studie zur Erfassung der Immunität in Deutschland.dpa

Dass Deutschland nur unzureichende Daten über den Impf- und Immunstatus seiner Bevölkerung erhoben hat, wurde während der Corona-Pandemie überdeutlich. Meist musste auf Studien aus anderen Ländern zurückgegriffen werden, um Phänomene und Wellen zu erklären und auch nur halbwegs steuern oder Pandemiemaßnahmen einordnen zu können. Zweieinhalb Jahre nach Beginn der Pandemie hat die Bundesregierung beschlossen, dies zu ändern, und die sogenannte Immunebridge-Studie in Auftrag gegeben, geleitet unter anderem von dem Bonner Virologen Hendrik Streeck. 

Deren allererste Ergebnisse hatten schon im Sommer gezeigt, dass wohl 95 Prozent der Bevölkerung Corona-Antikörper haben und damit im Grunde gegen schwere Verläufe geschützt sind. Am Donnerstag wurden nun die konkreteren Zwischenergebnisse der Studie vorgestellt. Das Ergebnis lautet: Dass 95 Prozent der Menschen in Deutschland Antikörper gegen Corona haben, wird bestätigt. Doch es gebe Limitationen der Erhebung und gewichtige Lücken im Infektionsschutz, so die Forscher.

„Nur dann zusätzliche Maßnahmen, wenn neue gefährlichere Variante“

Bundesforschungsministerin Bettina Stark-Watzinger (FDP), deren Ministerium die Studie im Rahmen des Netzwerks Universitätsmedizin mit rund drei Millionen Euro fördert, sagte dazu am Donnerstag: „Die Immunitätsstudie ist ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Corona-Datenlage. Sie zeigt, wie wichtig die Wissenschaft zur Bewältigung der Pandemie ist. Die gute Nachricht: 95 Prozent der Bevölkerung besitzen bereits Antikörper gegen das Coronavirus. Demnach ist ein Großteil der Menschen in Deutschland im kommenden Herbst und Winter moderat bis gut gegen schwere Corona-Verläufe geschützt.“

Und weiter: „Dank der Studiendaten können Modelle verbessert werden, um verschiedene Pandemie-Szenarien zu simulieren. Auch diese zeigen, dass wir gut für den Herbst und Winter aufgestellt sind. Mit Blick auf den Entscheidungsspielraum der Länder heißt das: Sie müssen nur dann auf zusätzliche Schutzmaßnahmen nach dem Infektionsschutzgesetz zurückgreifen, falls sich eine neue, gefährlichere Variante durchsetzen sollte.“ Die Forschenden hätten in kurzer Zeit eine große Forschungsleistung erbracht. 

Immunebridge-Sprecherin Sabine Blaschke von der Zentralen Notaufnahme der Uniklinik Göttingen ergänzte:  Das „gesamte Spektrum von der Allgemeinbevölkerung über Kinder und Jugendliche bis hin zu den vulnerablen Risikogruppen“ werde infektionsepidemiologisch erfasst. Damit könne die Studie einen wichtigen Beitrag zur Pandemiesteuerung in Deutschland leisten.

„Deutliche Immunitätslücke in den Risikogruppen“

Der Leiter des Instituts für Virologie der Uniklinik Bonn, Hendrik Streeck, meint: „Die Studie zeigt eindrucksvoll, wie effektiv eine Vernetzung der Wissenschaft in Deutschland funktionieren kann, insbesondere auch weil diese Ergebnisse nachhaltig für weitere Projekte einsetzbar sind.“ Dass 95 Prozent der Bevölkerung in Deutschland schon eine Grundimmunität entwickelt habe, bedeute für die Pandemie-Bekämpfung, „dass Infektionszahlen nicht mehr in erster Linie ausschlaggebend sind, sondern wie viele Patienten im Krankenhaus ‚mit‘ Corona behandelt werden“. Streeck sagte aber auch: „Wir haben eine deutliche Immunitätslücke in den Risikogruppen, sodass Impfkampagnen bei über 70-Jährigen dringend notwendig sind.“

Demnach hätten 64 Prozent der 65- bis 79-Jährigen und 40 Prozent der Über-79-Jährigen in Deutschland noch keine dritte Impfung erhalten, obwohl sie zur besonders gefährdeten Bevölkerungsgruppe zählen. Zählt man die bereits durchgemachten Infektionen als Schutz mit, hätten immer noch 38 Prozent der Über-79-Jährigen noch keine Vierfach-Exposition mit dem Antigen erhalten, fünf Prozent von ihnen keine Dreifach-Exposition. „Zwei Prozent der Über-79-Jährigen hatten sogar gar keine Impfung, das ist auch ein Hinweis darauf, wohin die Impfkampagne im Herbst und Winter zielen sollte“, so Streeck. 

Ergo laut Streeck: auf die alten noch un- oder unzureichend Geimpften beziehungsweise auf die besonders vulnerablen Bevölkerungsgruppen, denn: „Es gibt eine Immunitätslücke bei den Menschen mit Vorerkrankungen.“

Starke regionale Unterschiede etwa zwischen NRW und Thüringen

Je nach Kategorie der Vorerkrankung, etwa Diabetes, Krebs oder kardiovaskuläre Erkrankungen, wurden laut Studie bei 47 bis 56 Prozent keine Vierfachimpfung, bei vier bis acht Prozent keine Dreifachimpfung und bei zwei bis drei Prozent noch gar keine Impfung gezählt.

Außerdem gebe es starke regionale Unterschiede: Das Schutzniveau, also die Anzahl der bestätigten Expositionen, sei innerhalb Deutschlands teils höchst unterschiedlich ausgeprägt, erklärte Streeck: Während etwa Schleswig-Holstein und NRW ein hohes Schutzniveau aufwiesen, weise Thüringen 20 Prozent seiner Bevölkerung auf, die weniger als drei bestätigte Expositionen hätten. Chemnitz habe die höchste Rate von Unter-dreifach-Exponierten, Trier mit vier Prozent die niedrigste Quote in dieser Kategorie. 

Was nun mit den vorgestellten Ergebnissen passiere, erläuterte Berit Lange als Epidemiologin vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung. Sie wies zugleich auf die Limitierung der Studie hin: „Noch besser wäre es gewesen, wir hätten auch Korrelate wie die zelluläre Immunität und Essays zu neutralisierenden Antikörpern einbeziehen können, aber das war nicht Teil des geförderten Projekts.“ Außerdem gebe es zu Kindern, sehr Alten oder Menschen in Notaufnahmen nur sehr geringe Fallzahlen und damit „immer eine recht hohe Unsicherheit in unseren Aussagen“, so Lange. Zudem würden Menschen ohne ausreichenden Impfschutz weniger an solchen Befragungen teilnehmen als solche mit ausreichendem Impfschutz. 

Nichtsdestotrotz lasse sich unter Einbeziehung dieser Einschränkungen aus den Daten folgern, dass für die Mehrheit der Menschen in Deutschland ein moderater bis hoher Schutz gegen den schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung bestehe. Es gebe aber relevante Lücken in verschiedenen Regionen Deutschlands und auch in Gruppen mit Komorbiditäten sowie in den höheren Altersgruppen und dort insbesondere für die vierte Impfung. 

„Trotz hoher Antikörperquote wenig Schutz gegen Infektion“

„Gleichzeitig sehen wir, dass trotz etwa der hohen Antikörperquote nur wenig Schutz in der Bevölkerung gegen Infektionen besteht. Denn sowohl die Sommerwelle als auch der aktuelle Anstieg der Fallzahlen erfolgen ja im Rahmen dieses Schutzniveaus“, sagte Lange. „Dieser geringe Schutz gegen Infektion kann jetzt im Zusammenspiel mit den Lücken zum Schutz vor schwerem Verlauf für verschiedene Bevölkerungsgruppen und Regionen zu dann doch relevanten Infektionswellen in diesem Winter und darüber hinaus führen.“

Für die Zwischenergebnisse der Studie wurden die Daten von über 25.000 Teilnehmenden aus acht verschiedenen Studien eingeschlossen.