Berlin - Die Corona-Vorhersage für die nächsten vier Wochen sieht nicht gut aus. Das Robert-Koch-Institut (RKI) veröffentlichte am Wochenende in seinem Lagebericht zu Covid-19 ein Kurvendiagramm, das den Effekt der sich zunehmend durchsetzenden Sars-CoV-2-Mutante B.1.1.7 veranschaulicht. Die Fortschreibung der bisherigen Entwicklung bis Mitte April zeigt, dass die Zahl der gemeldeten Covid-19-Fälle in Deutschland rasant zunehmen dürfte, wenn nicht gegengesteuert wird.

Eine noch realistischere Prognose erlauben die Berechnungen des unabhängigen Physikers und Datenwissenschaftlers Cornelius Römer, der nicht nur wie das RKI die um 30 bis 40 Prozent höhere Übertragungsfähigkeit der Mutante B.1.1.7 in seinem Diagramm berücksichtigt, sondern auch die leicht abschwächenden Effekte des wärmeren Wetters und der zunehmenden Zahl der Geimpften sowie die leicht verstärkenden Effekte der bisher erfolgten Lockerungen – also den teilweise wiederaufgenommenen Präsenzunterricht an Schulen und die Öffnung von Geschäften. 

An der Flanke der dritten Welle

Demnach sind noch vor Ostern, am 1. April, Inzidenzen von 120 und 200 Fällen pro 100.000 Einwohner recht wahrscheinlich. Bis Mitte April könnte die Lage in Deutschland so ähnlich sein wie in der bisher schlimmsten Phase um Weihnachten, als die Sieben-Tage-Inzidenz knapp unter 200 lag.

Die Situation sei ernst, sagt der Physiker Dirk Brockmann, der sich an der Humboldt-Universität Berlin und am RKI mit komplexen Netzwerke und computergestützter Epidemiologie befasst. „Wir befinden uns an der Flanke der dritten Welle. Was wir jetzt machen, hat erhebliche Auswirkungen darauf, wo wir Ende Juni stehen.“ Sein Appell: Es müsse schnell reagiert werden, um zu vermeiden, in den steilen Bereich des exponentiellen Wachstums zu geraten.

Was also tun? Dirk Brockmann sieht – bei allem Verständnis für die Bedeutung des Präsenzunterrichts – die bereits angelaufenen Öffnungen der Schulen besonders kritisch. „Das Virus braucht Kontakte, um übertragen zu werden. Und Schulen sind Knotenpunkte, an denen Kontakte von 300 bis 400 Familien zusammenlaufen“, sagt der Physiker. Aus seiner Sicht wäre es sinnvoll, den Präsenzunterricht bis Ostern wieder auszusetzen.

Grafik: BLZ/Hecher; Quelle: RKI/Risklayer/@CorneliusRoemer

Gegen die Mutanten hilft vor allem Testen und Impfen 

Allerdings kann er sich auch regional differenziertes Vorgehen gut vorstellen. „Man muss sich die Inzidenzen auf Gemeindeebene ansehen. In Gemeinden, in denen die Inzidenzen stabil niedrig sind, wäre mithilfe eines systematischen Testkonzepts auch der Präsenzunterricht machbar“, sagt Brockmann. In Großstädten wie Berlin sei es allerdings ungleich schwieriger, räumlich zu differenzieren. „Es wäre gut, die Zeit bis nach den Osterferien zu nutzen, um ein breit gefächertes Testsystem für die Berliner Schulen zu entwickeln“, sagt Brockmann.

Die dritte Welle, in der wir uns hierzulande befinden, kommt maßgeblich durch die infektiösere Virusvariante B.1.1.7 zustande. „Die besten Mittel dagegen sind systematische Tests und das Impfen“, sagt der Berliner Physiker. Er plädiert in der aktuellen Situation dafür, die zweite Corona-Impfung zu verzögern, um schnell mehr Menschen zu einem Schutz vor der Infektion zu verhelfen. „Am besten wäre es, täglich eine halbe Million Menschen zu impfen. Dazu brauchen wir ein höheres Tempo und mehr Effizienz“, sagt Brockmann. Er rechnet damit, dass das Impfen im zweiten Quartal derart an Fahrt aufnimmt, dass sich dann auch das Öffnungs- und Lockerungstempo erhöhen lässt.

Mutante bereits zu mehr als 50 Prozent verbreitet

Der Datenwissenschaftler Cornelius Römer hat sich für seine Inzidenzprognose mit dem Effekt der Impfungen befasst. Er geht für seine Modellrechnungen davon aus, dass ein Geimpfter weniger ansteckend sei als ein Ungeimpfter. „Daraus folgt, dass selbst wenn 15 Prozent der Bevölkerung geimpft sind, verringert das den täglichen Anstieg der Infektionszahlen nur um wenige Prozentpunkte“, erläutert Römer. Der Effekt von B.1.1.7 sei viel größer. Diese Corona-Variante breite sich jeden Tag um 8,5 bis 9 Prozent schneller aus. „Um den Effekt der Mutanten einzufangen, müssten hierzulande - je nachdem welche Gruppe bevorzugt geimpft wird - mindestens 30 bis 40 Prozent der Bevölkerung geimpft sein“, sagt der Modellierungsexperte. 

Der aktuelle Stand in Deutschland: 3,5 Prozent der Bevölkerung – 2,9 Millionen Menschen – sind vollständig geimpft. Mindestens eine Impfdosis haben bisher 6,5 Millionen erhalten. Die Variante B.1.1.7 taucht inzwischen in 55 Prozent der untersuchten positiven Proben auf. Die ursprünglich in Südafrika entdeckte Mutante B.1.351 macht hingegen weniger als ein Prozent aus.