Ein Kleinkind bei der Kinderärztin: Bislang sind hierzulande unter den nachweislich Sars-CoV-2-Infizierten nur etwa drei Prozent unter 14 Jahren.
Foto:  Imago Images/Westend61

BerlinEs ist und bleibt eine der großen offenen Fragen, die das Coronavirus aufgeworfen hat: Wie leicht stecken Kinder sich selbst und andere Menschen mit dem Erreger an? Die Frage ist vor allem deshalb so brisant, weil sich ohne eine halbwegs solide Antwort darauf das Risiko weiterer Öffnungen von Kitas und Schulen kaum abschätzen lässt.

Darüber hinaus ist in den vergangenen Tagen noch eine ganz andere Frage aufgetaucht, die nun vor allem besorgte Eltern beschäftigt. Denn es mehrten sich zuletzt Berichte, denen zufolge infizierte Kinder Gefahr laufen, eine überschießende, zum Teil lebensbedrohliche Entzündungsreaktionen der Blutgefäße und des Herzmuskels zu entwickeln. Die Symptome der erkrankten Kinder ähneln denen des Kawasaki-Syndroms.

Die Nachrichten von einer Häufung solcher Fälle – die vor allem in stark von der Corona-Krise getroffenen Ländern wie den USA, Großbritannien, Spanien, Italien und Frankreich bekannt wurden – kamen vor allem deshalb so überraschend, weil man bislang davon ausgegangen war, dass infizierte Kinder, wenn überhaupt, nur mild erkranken. Nun stellt sich also die Frage, inwieweit diese Annahme überhaupt stimmt.

Womöglich lässt sie sich leichter beantworten als die Frage nach dem Ansteckungsrisiko. Hierzulande wurden nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) bis Anfang Mai 128 Kinder wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt. 17 Kinder mussten auf die Intensivstation. Nur zwei entwickelten Anzeichen eines Kawasaki-Syndroms, das sich anfangs oft durch Fieber, Hautausschläge oder Magen-Darm-Beschwerden bemerkbar macht. Die derzeit auftretende Variante wird auch als Paediatric Inflammatory Multisystem Syndrome bezeichnet, kurz PIMS.

230 Fälle in Europa

Keines der 128 Kinder, das hierzulande wegen Covid-19 ins Krankenhaus musste, ist verstorben. „Die absoluten Fallzahlen sind sehr gering und sollen daher zu keiner generellen Sorge der Eltern führen“, heißt es in einer Stellungnahme der DGPI zu den Kawasaki-Berichten.

Es handele sich um eine seltene Erkrankung, deren mögliche Verbindung zu Covid-19 weder nachgewiesen noch gut verstanden sei, schreibt auch das Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten, das European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Bislang seien in der EU und in Großbritannien seit Beginn des Jahres 230 Kinder an einem PIMS erkrankt. In Frankreich und in Großbritannien sei je ein Kind in Zusammenhang mit dem Syndrom gestorben. Insgesamt sei das Risiko für Kinder, Covid-19 oder ein PIMS zu entwickeln, gering, schreibt das ECDC.

Marcus Mall, der Leiter der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin an der Berliner Charité, bewertet die Situation ähnlich. „Die Alarmmeldungen der vergangenen Tage sind durch die aktuelle Datenlage nicht wirklich zu rechtfertigen“, sagt er. Mall verweist unter anderem auf einen Bericht der Societi, einer britischen Stiftung zur Erforschung des Kawasaki-Syndroms. Ende April waren dem Bericht zufolge in ganz Großbritannien 20 Kinder akut an dem Syndrom erkrankt. Nur die Hälfte von ihnen allerdings war nachweislich auch mit dem Coronavirus infiziert.

Gegenwärtig träten sogar weniger Fälle der Kawasaki-Krankheit auf, als man zu dieser Jahreszeit erwarten würde, heißt es von Seiten der Stiftung. „Es gibt seit längerem zwar die Vermutung, aber noch keine wissenschaftlichen Beweise, dass das Kawasaki-Syndrom oder vergleichbare Erkrankungen durch verschiedene Virusinfektionen ausgelöst werden können“, ergänzt Mall. Auch er möchte besorgte Eltern daher in dieser Hinsicht beruhigen.

Weitaus schwieriger findet der Berliner Pädiater die Frage nach dem Ansteckungsrisiko von Kindern zu beantworten. „Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts sind bislang nur etwa drei Prozent aller nachweislich infizierten Menschen in Deutschland Kinder unter vierzehn Jahren“, berichtet Mall. Wie viele von ihnen sich vielleicht trotzdem bereits angesteckt haben, ist unbekannt. „Da Kinder viel seltener als Erwachsene Krankheitssymptome von Covid-19 entwickeln, werden sie natürlich auch viel weniger getestet“, sagt der Mediziner.

Eine kürzlich im Fachblatt New England Journal of Medicine veröffentlichte Studie aus Island mit rund 13.000 Probanden lasse allerdings vermuten, dass insbesondere Kita- und Grundschulkinder bei der Verbreitung des Erregers keine große Rolle spielen, betont Mall. „In Untersuchungen der Allgemeinbevölkerung konnte bei keinem einzigen Kind unter zehn Jahren eine Infektion mit dem Coronavirus nachgewiesen werden.“ Bei den älteren Kindern und Jugendlichen sei die Infektionsrate mit 0,8 Prozent hingegen ähnlich hoch gewesen wie bei Erwachsenen. Auf Island sind Kindergärten und Schulen trotz der Corona-Krise mit wenigen Einschränkungen bisher offen geblieben.

Eine Studie aus den Niederlanden, für die Forscher Infektionsketten untersucht haben, konnte zudem zeigen, dass infizierte Kinder sich in den allermeisten Fällen zu Hause bei ihren Eltern angesteckt hatten – und nicht bei ihren Geschwistern, in der Kita oder in der Schule. Untereinander scheint das Ansteckungsrisiko bei Kindern demnach eher gering zu sein. Und nur ganz vereinzelt übertrugen infizierte Kinder in der Studie den Erreger auf Erwachsene.

Das Ergebnis scheint zunächst verwunderlich zu sein. Denn erst kürzlich hatte ein Team um den Charité-Virologen Christian Drosten in einer Studie mit 3712 infizierten Probanden per PCR-Diagnostik gezeigt, dass die Viruslast – also die Menge der Erreger – im Rachen bei infizierten Kindern ähnlich hoch ist wie bei Erwachsenen. Das würde darauf hindeuten, dass Kinder auch ähnlich infektiös sind.

Mall hat aber eine mögliche Erklärung für den scheinbaren Widerspruch parat: „Da Kinder meist gar nicht oder nur mild erkranken, husten sie natürlich auch seltener und scheiden damit weniger Tröpfchen oder Aerosol aus.“ Dadurch verbreiten sie den Erreger weniger stark, als Erwachsene es tun. „Nach bisherigen Beobachtungen entwickeln nur 10 bis 15 Prozent aller infizierten Kinder einen Atemwegsinfekt mit Husten“, berichtet Mall.

Warum Kinder meist nur mild erkranken, haben Wissenschaftler noch nicht vollständig klären können. Es gebe im Wesentlichen zwei Theorien dazu, sagte Ulrike Protzer, die Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München und am Helmholtz Zentrum München, kürzlich bei einem Pressegespräch des Science Media Centers (SMC).

Zum einen könne es sein, dass der ACE2-Rezeptor – ein Protein, über das die Coronaviren in die Zellen des Nasen-Rachen-Raums, der Lunge und des Darms gelangen – bei Kindern anders verteilt ist als bei Erwachsenen und die Erreger daher schlechter in die kindlichen Zellen eindringen können, erläuterte Protzer. Die andere, noch wahrscheinlichere Möglichkeit sei es, dass Kinder eine andere Art bestimmter Immunzellen, sogenannte B-Zellen, als Erwachsene besitzen, die breiter wirksame Antikörper bilden, sagte Protzer.

Der Charité-Mediziner Mall sieht darüber hinaus noch eine dritte denkbare Möglichkeit, weshalb Kinder meist weniger schwer erkranken. „Gerade in den Wintermonaten sind Kinder in den Kitas einer Vielzahl von Viren, auch harmloser einheimischer Coronaviren, ausgesetzt“, sagt er. „Vielleicht verschafft ihnen das – über die Gedächtniszellen des Immunsystems – eine Kreuzimmunität, die sie zumindest ein paar Jahr lang auch zu einem gewissen Grad vor dem neuartigen Coronavirus schützt.“

Inwieweit Kinder trotz der Tatsache, dass sie seltener und milder als Erwachsene erkranken, den Erreger verbreiten, sollen hierzulande nun Studien klären. In Hamburg etwa werden in den kommenden Monaten 6000 Kinder und Jugendliche zwischen 0 und 18 Jahren auf Sars-CoV-2 getestet. Die Forscher am Uniklinikum in Eppendorf wollen Abstrich- und Antikörper-Untersuchungen vornehmen und dabei entdeckte Infektionen genau nachverfolgen.

In Baden-Württemberg hat eine große Studie bereits begonnen. Dort werden an den Universitätskliniken Heidelberg, Freiburg, Tübingen und Ulm aus insgesamt 2000 Haushalten je ein Kind zwischen einem und zehn Jahren sowie ein dazugehöriger Elternteil untersucht. Per Antikörpertest wollen die Wissenschaftler bei ihren 4000 Probanden ermitteln, ob diese sich bereits mit dem Coronavirus infiziert haben oder nicht. Besonderes Augenmerk legen sie dabei auf Kinder aus Kita-Notfallbetreuungen, die dort viele Kontakte zu anderen Kindern haben.

Wenig Kontakt mit dem Virus

Mit den gewonnenen Daten wolle man Rückschlüsse ziehen, wie sicher es sei, Schulen und Kindertagesstätten wieder zu öffnen, sagte der Koordinator der Studie Georg Hoffmann, Leiter der Kinderklinik am Universitätsklinikum Heidelberg, kürzlich in einem Interview mit dem Südwestrundfunk. Die ersten Daten sollen bereits in ein bis zwei Wochen bekannt gegeben werden. Die gesamte Studie werde allerdings deutlich länger andauern, sagte Hoffmann.

Ein allererstes Ergebnis verriet Philipp Henneke vom Universitätsklinikum Freiburg, der ebenfalls an der Studie beteiligt ist, schon bei dem SMC-Gespräch. Die große Mehrheit der Probanden sei mit dem neuartigen Coronavirus noch nicht in Kontakt gekommen, sagte er. Eine Infektionsrate von 15 Prozent, wie man sie in der Heinsberg-Studie gesehen habe, werde man, so würde er mal mutig spekulieren, nicht erreichen: „Bei weitem nicht.“