Nach überstandener Covid-19-Infektion kann rasche Erschöpfung zu den andauernden Beschwerden gehören.
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BerlinMehr als neunzig Prozent aller Covid-19-Patienten hierzulande gelten dem Berliner Robert-Koch-Institut zufolge inzwischen als genesen. Doch der augenscheinlich erfolgreiche Kampf gegen das Virus könnte womöglich nur der erste von vielen weiteren Kämpfen gewesen sein, die der Körper noch auszutragen hat.

Denn zwei Dinge werden immer deutlicher. Zum einen ist die ursprüngliche Annahme, dass das Coronavirus neben dem Hals-Nasen-Rachen-Raum ausschließlich die Lunge befällt, schlicht und ergreifend falsch. Mittlerweile wurde der Erreger bereits in zahlreichen anderen Organen nachgewiesen, unter anderem in der Niere, im Darm und im Herzen. Darüber hinaus gibt es Hinweise, dass das Virus in Einzelfällen sogar ins Gehirn gelangen kann.

Zum anderen mehren sich Berichte von Patienten, die zwar die akute Infektion überstanden haben, seither aber mit den unterschiedlichsten Beschwerden kämpfen – teilweise über Wochen und Monate hinweg. Inwieweit die Symptome, zu denen unter anderem Kurzatmigkeit und rasche Erschöpfung gehören, sich langfristig bessern, vermag derzeit noch niemand mit Sicherheit zu sagen.

Die Lungenbläschen verändern sich

Es sei zwar nicht sinnvoll, jetzt unnötige Panik zu schüren, sagt die Immunologin Christine Falk von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) und vom Deutschen Zentrum für Infektionsforschung am Standort Hannover-Braunschweig. „Bei einem leichten Verlauf von Covid-19, wie wir ihn bei den meisten Patienten sehen und bei dem die Infektion – vermutlich vorwiegend über das angeborene Immunsystem – schon in den oberen Atemwegen bekämpft wird, sind keine Langzeitschäden zu erwarten“, betont Falk. Allerdings, und das sei wichtig zu wissen, könne man diesen Patienten nach jetzigem Erkenntnisstand auch keinen dauerhaften Immunschutz garantieren.

„Mit Spätfolgen einer Covid-19-Erkrankung müssen vor allem diejenigen rechnen, die im Krankenhaus oder gar auf der Intensivstation behandelt werden mussten“, sagt Falk. Bei diesen Patienten ist das Coronavirus in die Lunge gelangt und hat dort die Zellen der Lungenbläschen infiziert – also jene feinen Strukturen, an denen der Gasaustausch stattfindet. Infolgedessen verändern sich die Bläschen, auch Alveolen genannt, indem sich Eiweiße oft flächendeckend an ihren Wänden ablagern. Gleichzeitig werden Immunzellen zur Bekämpfung des Virus angelockt. Beides zusammen führt dazu, dass die Sauerstoffzufuhr von der Lunge ins Blut massiv erschwert ist.

Erhöhtes Risiko für Blutgerinnsel

Wissenschaftler um Danny Jonigk, Lungenspezialist am Institut für Pathologie der MHH, sind bei Untersuchungen von Lungengewebe verstorbener Covid-19-Patienten in den feinen Blutgefäßen rund um die Alveolen zudem auf eine ungewöhnlich hohe Zahl winziger Blutgerinnsel gestoßen. „Diese Mikrothromben verstopfen die Gefäße und vergrößern so zusätzlich die Atemnot des Patienten“, erläutert Jonigk, der die Erkenntnisse seines Teams im Fachblatt New England Journal of Medicine (NEJM) veröffentlicht hat. „Die Gerinnsel, die sich nur schwer wieder auflösen, und zusätzliche Fibrosen, also Vernarbungen des Lungengewebes, könnten erklären, warum genesene Patienten oft noch so lange an Kurzatmigkeit und rascher körperlicher Erschöpfung leiden“, ergänzt Falk.

Das geronnene Blut ist nicht nur in der Lunge zu finden. „Studien haben gezeigt, dass 20 bis 30 Prozent der sehr schwer erkrankten Patienten Blutgerinnsel aufweisen, sowohl in der Lunge als auch in den Beinvenen“, berichtet die Virologin Melanie Brinkmann vom Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. Nachgewiesen werden die Thromben – die, wenn sie Richtung Lunge wandern und dort eine Embolie verursachen durchaus tödlich enden können – durch ein Eiweißbruchstück namens D-Dimer. Dieses wird gebildet, wenn sich das geronnene Blut wieder auflöst. „Ist der Wert stark erhöht, ist die Prognose der Patienten eher ungünstig“, erläutert Brinkmann.

Wie es zu den Blutgerinnseln kommt, ist noch unklar. „Denkbar ist unter anderem, dass das Virus die Endothelzellen, die die Blutgefäße auskleiden, direkt infiziert und beschädigt“, sagt Brinkmann. Dass Coronaviren über ihre bevorzugte Eintrittspforte in menschliche Zellen, den ACE2-Rezeptor, zumindest im Labor auch Endothelzellen des Nierengewebes befallen können, wurde bereits in einer Studie gezeigt.

„Kommen dann noch ein schlecht eingestellter Bluthochdruck, Übergewicht oder Diabetes hinzu, also Erkrankungen, bei denen die Blutgefäße ohnehin schon angeschlagen sind, ist das Risiko für Blutgerinnsel erhöht“, erklärt Brinkmann. Allerdings könne die gestörte Blutgerinnung – die mit Medikamenten vergleichsweise schwer in den Griff zu bekommen ist – auch von einem aus dem Takt geratenen Immunsystem angestoßen worden sein, spekuliert die Virologin.

BLZ/Galanty; Quelle: Teuwen et Al. 2020

Der Körperabwehr fehlen weiße Blutkörperchen 

Ohnehin scheint die Körperabwehr nach einer schweren Covid-19-Erkrankung nicht mehr ganz so reibungslos zu funktionieren wie vor der Infektion. „Wir wissen zum Beispiel, dass die Zahl bestimmter weißer Blutkörperchen, der Lymphozyten, die Krankheitserreger abwehren sollen, im Blut oft noch wochen- oder gar monatelang reduziert ist“, berichtet die Immunologin Falk. Das kenne man so von anderen Infektionen der Lunge nicht. „Die Patienten gelten als genesen, sind aber noch nicht wieder gesund“, so Falk. Es scheine, als ob das Coronavirus in dem komplizierten Uhrwerk der Körperabwehr ein paar der feinen Rädchen nachhaltig zerstöre – oder ihnen zumindest die eine oder andere Zacke abgebrochen habe.

Warum im Blut nur noch so wenige Lymphozyten vorhanden sind, weiß man nicht. „Vielleicht halten sie sich noch in der Lunge auf, vielleicht aber auch in den Lymphknoten, um sich dort für die nächste potenzielle Infektion bereitzuhalten“, sagt Falk. „Womöglich waren die Lymphozyten aber auch durch die Infektion mit dem unbekannten Virus so gestresst, dass sie infolge eines kontrollierten Zelltods, der Apoptose, zugrunde gegangen sind.“ Suizid wegen massiver Überforderung, könne man das nennen – was aber noch zu beweisen wäre.

„Eine verminderte Zahl weißer Blutkörperchen könnte bewirken, dass die Betroffenen keine besonders gute Immunkontrolle mehr haben und womöglich langfristig anfälliger für Infekte sind“, sagt Falk. „Die Patienten sollten daher von ihrem Hausarzt weiterhin gut beobachtet werden.“ Dazu gehöre auch, das Blutbild regelmäßig zu kontrollieren.

Neben einer nachhaltigen Schwächung des Immunsystems befürchten Falk und Brinkmann vor allem, dass noch weitere Organe des Körpers durch das Coronavirus beeinträchtigt werden. Denn hinter den Lungenbläschen sitzen, nur durch eine ganz dünne Zellschicht von den Alveolen abgegrenzt, die feinen Blutgefäße. „Wird diese Schicht durch die Infektion und die dadurch ausgelöste Entzündung zerstört, gelangt der Erreger womöglich ins Blut“, sagt Falk. Über den Blutstrom, vielleicht versteckt in den dort zirkulierenden Immunzellen, kann er dann andere Organe befallen, deren Zellen auf ihrer Oberfläche den ACE2-Rezeptor aufweisen.

Auch Niere, Herz und Nervensystem werden befallen

Relativ häufig scheint das Coronavirus beispielsweise in die Niere einzudringen. Etwa jeder zweite Patient, der intensivmedizinisch behandelt wird, leidet unter so schwerem Nierenversagen, dass eine Nierenersatztherapie erforderlich wird. Das könnte unter anderem daran liegen, dass auch die Niere selbst infiziert ist. Forscher des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf zeigten kürzlich in einer ebenfalls im NEJM veröffentlichten Studie mit sechs an Covid-19 verstorbenen Patienten, dass das Virus gleich mehrere Abschnitte der Niere befallen hatte.

Auch das Herz bleibt nicht verschont. „Wir gehen mittlerweile fest davon aus, dass das Coronavirus ins Herz eindringen und dort eine Herzmuskelentzündung auslösen kann“, sagt Andreas Zeiher, Direktor der Medizinischen Klinik III am Universitätsklinikum Frankfurt am Main und Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie. Inwieweit sich das Herz davon wieder erhole, wisse man noch nicht. Denkbar sei jedenfalls, dass das Risiko für einen Herzinfarkt und die Ausbildung einer Herzschwäche dauerhaft erhöht bleibe.

Selbst das Nervensystem könnte durch das Coronavirus in Mitleidenschaft gezogen werden. Viele Covid-19-Patienten berichten über einen – allerdings vorübergehenden – Verlust ihres Geruchs- und Geschmackssinns. Andere klagen über starke Müdigkeit, Verwirrtheit und Kopfschmerzen. Vereinzelt kam es bisher zu epileptischen Anfällen und schlaffen Lähmungen, bei denen sich die Muskeln nicht mehr anspannen lassen. „Darüber hinaus gibt es erste Berichte, die einen Zusammenhang zwischen Covid-19 und Entzündungen der Hirnhäute und des Gehirns vermuten lassen“, berichtet die Virologin Brinkmann. „Eines ist inzwischen gewiss“, sagt sie: „Sars-CoV-2 kann zu einem Multi-Organ-Virus werden und Vergleiche mit einem Grippevirus sind allein aufgrund dieser Tatsache hinfällig.“

Die Immunologin Falk spricht sich daher auch dafür aus, das Ziel in der Coronakrise neu zu formulieren. „Bislang ging es vor allem darum, unser Gesundheitssystem nicht zu überlasten“, sagt sie. „Doch meiner Ansicht nach sollten wir alles dafür tun, um jeden einzelnen Krankheitsfall zu vermeiden.“ Von einer leichten Erkrankung habe niemand etwas, da ein langfristiger Immunschutz nicht garantiert sei. Und die möglichen Folgen einer schweren Erkrankung, die viele Patienten schon im mittleren Alter ereile, habe man bislang höchstens ansatzweise verstanden.