BerlinAuf großes Interesse ist in den vergangenen Tagen ein Überblick des griechisch-amerikanischen Forschers John Ioannidis gestoßen. Dieser hat weltweit Studien ausgewertet, um genauere Zahlen zur Sterblichkeit bei Corona zu erhalten. Bisher konzentrierte man sich vor allem auf offiziell gemeldete Zahl der Todesfälle in Relation zur Zahl der positiv Getesteten. Ioannidis fragte jedoch, wie hoch die Todesrate unter allen Infizierten ist, die sogenannte Infektionssterblichkeitsrate (IFR).

Ioannidis wertete insgesamt 61 Studien aus, in denen es darum ging, wie viele Menschen eines Landes oder einer bestimmten Bevölkerungsgruppe Antikörper gegen Sars-CoV-2 im Blut haben. Daraus schätzte er ab, wie viele Personen tatsächlich infiziert gewesen sein könnten. Das erste Ergebnis war, dass es zwischen Ländern und Regionen große Unterschiede gab. Die höchste errechnete Sterblichkeit fand Ioannidis in zwei Orten im US-Bundesstaat Louisiana (1,63 Prozent), die geringste bei der Auswertung von Blutspenderstudien im chinesischen Guangzhou und Kenia (null Prozent). Sogar in San Francisco, USA, war bis zum 4. Mai kein Todesfall verzeichnet worden.

Dann wählte Ioannidis einen Wert aus, der in der Mitte der Verteilung lag: 0,23 Prozent. Dieser liegt deutlich niedriger als die meisten der bisher berichteten Sterblichkeitsraten unter den nachgewiesen Infizierten. Nahezu erleichtert teilten viele Menschen die Ergebnisse der Studie in den sozialen Medien. Zumal John Ioannidis, Professor für Medizin und Epidemiologie der Stanford University in den USA, auch berechnete, dass von Menschen unter 70 Jahren im Durchschnitt 0,05 Prozent sterben. Das liege unter der Sterblichkeit einer mittelschweren Grippe, lautet eine daraus gefolgerte Einschätzung.

Antikörperstudien sollen wirkliche Zahl der Infizierten ermitteln

Forscher, die sich mit der Ioannidis-Studie befassten, verweisen jedoch darauf, dass die Infektionssterblichkeitsrate leicht in die Irre führen kann, wenn man sie als allgemeingültigen Wert nimmt. Man müsse den Fokus ganz besonders auf die Unterschiede legen, die ja auch Ioannidis herausgearbeitet hat – und zwar auf beiden Seiten des Mittelwerts von 0,23.

Wie diese Unterschiede ausfallen, hänge ganz besonders von einem ab: der Altersstruktur der Bevölkerung und der Ausbreitung des Virus in verschiedenen Altersgruppen. Diesen Befund erhärtete eine Studie, die etwa zur selben Zeit wie die von Ioannidis erschienen ist. Sie trägt den Titel „Bewertung der Altersspezifität der Infektionssterblichkeitsraten für Covid-19“. Publiziert wurde sie am 8. Oktober als Vorab-Veröffentlichung auf dem sogenannten Preprint-Server MedRxiv. Zu der sechsköpfigen interdisziplinären Autorengruppe gehören Ökonomen, Epidemiologen und Immunologen aus den USA und Australien. Hauptautor ist der Ökonom Andrew T. Levin vom Dartmouth College in Hanover, New Hampshire, USA.

Die Forscher untersuchten insgesamt 120 Studien zur sogenannten Covid-19-Prävalenz, erschienen als Artikel, Preprints und in Regierungsberichten. Mit Prävalenz ist die Gesamtzahl der wirklich an Covid-19 Erkrankten gemeint. Diese kann man erst ermitteln, wenn man – wie es auch Ioannidis getan hat –Studien untersucht, anhand derer sich abschätzen lässt, bei wie vielen Menschen sich der Körper bisher wirklich mit dem Virus Sars-CoV-2 auseinandersetzen musste (egal ob mit oder ohne deutliche Symptome) – und dabei Antikörper bildete. An vielen Orten der Welt wurden in den vergangenen Monaten sogenannte Antikörperstudien gestartet, um dies zu ermitteln. Antikörper sind bereits einige Tage nach Symptombeginn im Serum nachweisbar.

Die Forscher um Andrew T. Levin sind auf den ersten Blick ganz ähnlich vorgegangen wie Ioannidis. Sie haben alle bis zum 18. September veröffentlichten Studien gesucht, die anhand von Antikörper-Tests in der Bevölkerung die Zahl der Infizierten abschätzten. Sie erhoben die Zahl der Toten aber anders als Ioannidis. Wenn eine Antiköperstudie zum Beispiel um den 10. April herum stattfand, dann schauten sie auf die Zahl der Toten am 10. Mai. Der Hauptgrund: Es dauert oft bis zu vier Wochen, bis die Todesstatistiken vollständig sind. Ioannidis erhob die Zahl der Toten bereits eine Woche nach der Antikörper-Messung. Dadurch ist es möglich, dass er eine bestimmte Zahl an Todesfällen in seiner Auswertung nicht berücksichtigte.

Übersterblichkeit geht von Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien aus

Ein weiterer Unterschied: Levin und seine Kollegen haben sich gezielt auf Studien konzentriert, bei denen es um Infektionsraten in verschiedenen Altersgruppen ging. Bei ihrer Studienauswahl kamen sie auf ein etwas anderes Ergebnis als Ioannidis. Ihr Spektrum der Sterblichkeitsrate an den verschiedenen Orten der Welt liegt zwischen 0,5 und 2,7 Prozent, also etwas höher. Als wichtigstes Ergebnis sehen Kritiker der Studien jedoch, dass beide Arbeiten im Ergebnis übereinstimmen: dass die Gefährlichkeit von Corona stark vom Alter abhängt.

Die Forscher um Andrew T. Levin fanden heraus, dass die geografischen Unterschiede in der Infektionssterblichkeit zu etwa 90 Prozent mit der unterschiedlichen Altersstruktur der Bevölkerungen erklärt werden können. Für Kinder und jüngere Erwachsene liege die geschätzte Infektionssterblichkeitsrate nahe Null, steige jedoch mit dem Alter exponentiell an. Im Alter von 55 Jahren erreiche sie 0,4 Prozent, mit 65 Jahren 1,4 Prozent, mit 75 Jahren 4,6 Prozent und mit 85 Jahren 15 Prozent. „Folglich könnte der Schutz schutzbedürftiger Altersgruppen die Sterblichkeitsrate erheblich verringern“, folgern die Autoren.

Sie haben aber noch andere Botschaften. „Die Ergebnisse zeigen, dass Covid-19 nicht nur für ältere Menschen gefährlich ist, sondern auch für Erwachsene mittleren Alters, bei denen die Infektionssterblichkeitsrate um zwei Größenordnungen höher ist als das jährliche Risiko eines tödlichen Autounfalls und weitaus gefährlicher als die saisonale Grippe“, schreiben sie.

Wie sich in Europa Grippe und Corona auf die Sterblichkeit auswirken, lässt sich Experten zufolge an der Gesamtsterblichkeit (alle Todesursachen) der Monitoring-Plattform Euromomo ablesen. Hier wird wöchentlich die Zahl der Todesfälle aus 24 europäischen Ländern und Regionen erfasst. Für März, April, Mai 2020 weist Euromomo die höchsten Todesraten auf, die seit Jahren gemeldet wurden – ein Peak, der klar heraussticht, auch gegenüber der oft zum Vergleich  herangezogenen schweren Grippewelle von 2017/2018. Die deutliche Übersterblichkeit in Europa – die sich bereits in der Altersgruppe von 45 bis 64 Jahren zeigt – geht vor allem von Ländern wie Italien, Frankreich und Spanien aus. Deutschland ist nur wenig beteiligt. Und auch in den genannten Ländern sind nicht alle Regionen gleichermaßen betroffen.

Anteil der Todesfälle in Deutschland ist zurückgegangen

Die Infektionssterblichkeitsrate sollte nicht als feste Größe gesehen werden, sondern ganz eng verknüpft mit dem altersspezifischen Muster der Infektionen, lautet die Schlussfolgerung der Autoren um Andrew T. Levin aus ihrer Studie. Die aktuellen Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) scheinen die Ergebnisse der beiden vorgestellten Studien zu bestätigen. Das RKI hat am 21. Oktober gemeldet, dass der Anteil der Todesfälle unter den laborbestätigten Infektionen seit Mitte August zurückgegangen sei. Die sogenannte Fallsterblichkeit liege bei deutlich unter einem Prozent. Die Infektionssterblichkeit ist für Deutschland nicht bekannt. Sie könnte aber weit darunter liegen. Vor allem aber: 85 Prozent der Corona-Toten seit Beginn der Pandemie waren laut RKI 70 Jahre alt oder älter. Nur 1,3 Prozent waren unter 50 Jahre alt. 

Wirksame Gesundheitsmaßnahmen gegen die Ausbreitung von Infektionen unter älteren Erwachsenen könnten die Gesamtzahl der Todesfälle erheblich senken, sagen die Autoren um Levin. Aber da die Älteren nicht im luftleeren Raum leben, sondern inmitten der Gesellschaft, geht es um eine Verhinderung der Ausbreitung generell.