Berlin - Sie will sich anmelden, denkt jedenfalls darüber nach, seit sie von dieser Studie an der Charité erfahren hat. Sie leidet an Long-Covid, und genau darum dreht sich das Forschungsprojekt des Instituts für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsökonomie: „Therapie mit Akupressur und Qigong bei chronischer Erschöpfung nach Covid-19“, lautet der Arbeitstitel. Ein neuartiger Ansatz in der Behandlung eines neuartigen Syndroms. „Ich möchte nichts unversucht lassen“, sagt Melanie Schröder, die ihren richtigen Namen nicht veröffentlicht sehen will.

So wie die Krankenschwester aus Berlin tragen rund zehn Prozent derjenigen, die sich mit Sars-CoV-2 angesteckt haben, schwer an Spätfolgen. Häufig sind Frauen im Alter zwischen 30 und Mitte 50 betroffen. Melanie Schröder ist Anfang 40. Die Infektion selbst verlief einigermaßen glimpflich. Einige Tage lang fühlte sie sich schlapp, dann schien sie wiederhergestellt zu sein. Nach zwei Wochen jedoch verschlechterte sich ihr Zustand. Seither ist für sie nichts mehr, wie es war.

„Wenn ich von einer Schicht nach Hause komme, bin ich fix und fertig und bei jedem Handgriff außer Puste“, berichtet sie. Es sind typische Symptome eines Fatigue-Syndroms. Panikattacken machen ihr zu schaffen, manchmal ein scheinbar grundlos erhöhter Puls. „Dazu kommt oft dieses Gefühl, wie benebelt zu sein.“

„Man nennt das auch Brain Fog“, sagt die Neurologin  Joanna Dietzel. Sie koordiniert die Therapiestudie an der Charité. Teilnehmen können Long-Covid-Erkrankte zwischen 18 und 60 Jahren. „Die Infektion muss wenigstens zwölf Wochen zurückliegen“, sagt Dietzel. „Die Personen dürfen nicht schon vor der Infektion an Fatigue erkrankt sein. Eine sehr schwere Belastungsintoleranz schließt eine Teilnahme ebenfalls aus.“ Schließlich soll ein Teil der Probanden Übungen in Qigong absolvieren können.

Diese traditionelle chinesische Technik kombiniert Meditation, Konzentration und Bewegung. Sie wird in der Medizin bereits als ergänzende Therapie eingesetzt, oft bei Erkrankungen der Lunge. „Qigong arbeitet viel über die Atmung“, sagt Dietzel. „Darüber lässt sich auch der Herzschlag regulieren.“ Melanie Schröder könnte ihre Atemnot abmildern und die Panikattacken besser kontrollieren – wenn sich die Erwartungen des Berliner Forscherteams erfüllen.

Long-Covid: nicht heilbar, aber Symptome lassen sich lindern

Nach jetzigem Stand der Wissenschaft ist Long-Covid nicht heilbar, die Symptome aber lassen sich mildern. „Die wichtigsten Strategien sind Resting und Pacing“, sagt Dietzel. Patienten sollen sich schonen und unterhalb ihrer Belastungsgrenze bleiben.

Was noch helfen kann, die Beschwerden zu lindern, wird weltweit erforscht. Auch an der Charité und jetzt an Dietzels Institut im Fachbereich für Komplementäre und Integrative Medizin. Die Studie soll 200 Probanden umfassen. Alle erhalten ein ausführliches Arztgespräch, eine Beratung in Naturheilkunde dreht sich um Fragen der Ernährung, Stress-Management, körperliche Betätigung.

Die eine Hälfte der Teilnehmer wird zusätzlich in Qigong und Akupressur unterrichtet, die andere Hälfte nicht, um mögliche Effekte der Therapie messen zu können. Nach acht Wochen ziehen die Forscher Bilanz.

Mitmachen können Erkrankte aus dem gesamten Bundesgebiet, die Studie läuft online. Zweimal pro Woche leiten Qigong-Trainer in Video-Sitzungen die Gruppe an. Sie kommen von der Internationalen Gesellschaft für Chinesische Medizin (SMS).

Die Patienten wiederholen die Übungen täglich. Ebenfalls täglich praktizieren sie Akupressur. Mehrere Punkte werden durch Fingerdruck stimuliert. Sie haben Namen wie „Leber 3“ oder „Magen 36“. „Dickdarm 4“ wird auch als Aspirin-Punkt bezeichnet, an der Hand zwischen Daumen und Zeigefinger ist er zu finden. Aspirin-Punkt, weil er auf Schmerzen im Gesichtsbereich wirken soll, so Dietzel.

Nicht jeder Punkt wirkt gleich gut, aber einige haben tatsächlich Effekte.

Joanna Dietzel, Neurologin

Die Neurologin sitzt in ihrem Büro am Schreibtisch, vor ihr eine Figur, vielleicht einen knappen halben Meter groß, die Nachbildung einer Frau. Über den rosa Körper ziehen sich Linien von oben nach unten. Markierungen zeigen die Stellen, denen Effekte auf den menschlichen Organismus zugeschrieben werden. „Leber 3“ zum Beispiel befindet sich auf dem Fußrücken und kann bei seelischer Anspannung oder Schmerzen in Gliedern und Gelenken angesteuert werden. „Magen 36“ lässt sich unterhalb des Knies ertasten, er soll auf das Verdauungssystem ausstrahlen, wird auch „Lebenspflegepunkt“ genannt.

Akkupunktur gegen Schmerzen

„Nicht jeder Punkt wirkt gleich gut, aber einige haben tatsächlich Effekte auf das vegetative System“, sagt Dietzel. „Wenn wir das Gehirn eines Tages komplett entschlüsselt haben, werden wir sicher auch wissen, wie genau Akupressur und Akupunktur funktionieren“, sagt die Medizinerin, die mit diesen komplementärmedizinischen Therapieformen schon als Studentin in Berührung kam.

An der Universität Greifswald war das, wo unter anderem erforscht wurde, wie sich Akupunktur auf Intensivstationen einsetzen, wie sich die Stimulation mittels Nadeln dort nutzen lässt. „Patienten mit Hirnblutungen erhalten keine starken Schmerzmittel, weil die Gefahr bestünde, dass sie so schläfrig werden, dass man nicht mehr unterscheiden kann, ob sie ins Koma fallen“, erklärt Dietzel. Akupunktur, hielten die  Greifswalder fest, kann diesen Patienten Schmerzen nehmen.

Akupunktur, Akupressur oder Qigong sollen konventionelle Therapien nicht ersetzen, sondern ergänzen. „Wir vereinen schulmedizinisches Wissen mit naturheilkundlichen Erkenntnissen aus wissenschaftlichen Studien“, sagt Dietzel über die Arbeit ihres Instituts.

Diese Kombination hatte auch Carmen Scheibenbogen im Sinn, als sie Kontakt zu Dietzels Fachbereich aufnahm. Die Charité-Professorin beschäftigt sich am Institut für Medizinische Immunologie intensiv mit dem Fatigue-Syndrom. „Sie bat uns, ein Therapieangebot für Long-Covid zu entwickeln.“ Eine Therapie mit Qigong.

Scheibenbogens Anfrage kam wenige Monate nach Beginn der Pandemie, Mitte 2020, sie gab den ersten Impuls, die Studie zu konzipieren. Vergleichbare Untersuchungen haben sie an dem Institut unter Leitung von Benno Brinkhaus bereits gemacht. Etwa mit Patienten, die unter Multipler Sklerose leiden, einer Erkrankung, die wie Long-Covid mit chronischen Entzündungen einhergeht. „Eine Fatigue-Studie mit dem Schwerpunkt Lunge gab es bisher allerdings nicht, insofern ist unser Forschungsprojekt neuartig“, sagt Dietzel.

Die Zahl der Forschungsarbeiten zu Akupunktur ist durch die Decke gegangen.

Joanna Dietzel, Neurologin

Da die Therapie als Ergänzung gedacht ist, dürfen Probanden, die bereits konventionell behandelt werden, auch dabei bleiben, können weiter Antidepressiva oder Schmerzmittel einnehmen. Für Melanie Schröder ist es jedoch gerade die Aussicht, irgendwann nicht mehr auf Medikamente angewiesen zu sein, die ihr die Long-Covid-Studie attraktiv erscheinen lässt. „Ich habe das Gefühl, dass die konventionelle Medizin bei mir nicht weiterkommt“, sagt die Pflegekraft.

Generell wachse das Interesse an Behandlungsmethoden aus dem Bereich der Komplementärmedizin, sagt Joanna Dietzel. Nicht nur unter Patienten, auch in der Wissenschaft. „Die Zahl der Forschungsarbeiten zu Akupunktur ist in den zurückliegenden Jahren durch die Decke gegangen“, sagt sie. „Viele Studien kommen aus Deutschland, den USA, Brasilien, Japan oder Südkorea, aber auch aus dem Iran, denn dort existiert eine Tradition auf diesem Gebiet.“

Vorreiter ist das Ursprungsland des Qigong, natürlich. Die Chinesen untersuchten auch frühzeitig, welche Effekte Atemübungen bei Corona-Patienten hatten, die in Krankenhäusern wegen Covid-19 behandelt wurden. „Allerdings sind die Ergebnisse der Studien meist nur in chinesischer Sprache verfügbar, nicht wie sonst üblich auf Englisch“, sagt Dietzel. Viele Erkenntnisse bleiben somit den meisten westlichen Forschern bisher verborgen.

Kontakt

Betroffene von Long-Covid können sich direkt an das Studienteam der Charité wenden, das zu möglichen Therapie-Ansätzen mit Qigong und Akupressur forscht. An der ACUQiG-Studie können Probanden aus ganz Deutschland teilnehmen. Das Sekretariat ist telefonisch unter (030) 450 529 234 oder per E-Mail unter ACUQIG@charite.de zu erreichen.

Bedarf ist vorhanden, die Finanzierung nicht immer einfach. „Es gibt nicht sehr viele Fördertöpfe für Studien wie unserer“, sagt Dietzel. Rund 300.000 Euro erhält ihr Institut für drei Jahre Forschungsarbeit. Die Hälfte der Kosten übernimmt die Karl-und-Veronica-Carstens-Stiftung, den Rest die Charité. Das Budget ist vergleichsweise bescheiden. Die Entwicklung eines neuen Medikaments kann laut Pharmabranche schon mal bis zu 3,8 Milliarden Euro kosten.

„Wir hoffen“, sagt Joanna Dietzel, „dass wir mit den Resultaten unserer Forschungsarbeit mehr Aufmerksamkeit für die Naturheilkunde und traditionelle Heilmethoden wecken.“ Bei Melanie Schröder ist das offensichtlich gelungen. Sie hat sich im Internet beim Post-Covid-Netzwerk der Charité informiert, hat unter www.pcn.charite.de geschaut, ob dieses Projekt für sie infrage kommt. „Vielleicht“, sagt sie, „könnte es einen Versuch wert sein.“