Ein Mann vor der zentralen Notaufnahme des Virchow-Klinikums. 
Foto: Davids

BerlinVor der Tür der Corona-Untersuchungsstelle der Charité warten um 11 Uhr mehr als 30 Männer und Frauen. Die meisten tragen Mundschutz, andere halten sich Pullover oder Schal vor den Mund. Manche husten. Sie wurden von ihren Hausärzten und sogar von anderen Krankenhäusern geschickt – zur zurzeit einzigen großen Teststelle Berlins für das neuartige Coronavirus Sars-CoV-2.

Doch die Ärztin, die gerade aus der Tür tritt, hat schlechte Nachrichten: „Wir haben gestern zwölf Stunden durchgearbeitet“, sagt sie, rückt ihre weiße Gesichtsmaske zurecht und hebt entschuldigend die in blauen OP-Handschuhen steckenden Hände. Das Personal tue sein bestes – doch die Kapazitäten seien komplett ausgeschöpft. „Selbst wenn wir jetzt weitere Wartemarken verteilen: Es macht keinen Sinn. Sie haben keine Chance darauf, heute noch getestet zu werden.“

Charité-Ärztin ärgert sich über Informationspolitik

Wer keine Symptome zeige, wer sich „keine ernsthaften Sorgen“ mache, der solle jetzt nach Hause gehen, sich selbst isolieren, viel lüften, oft die Hände waschen. Sie ärgert sich auch über die Informationspolitik der Gesundheitsverwaltung, die falsche Hoffnungen wecke: „Die Kommunikation ist einfach sehr schlecht.“

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Auch die Pressestelle der Charité dringt darauf, klar zu stellen: Die in einem extra Gebäude auf dem Virchow-Campus im Wedding eingerichtete Untersuchungsstelle sei keinesfalls Anlaufstelle für Corona-Verdachtsfälle in der ganzen Stadt – sondern solle nur die eigene Notaufnahme entlasten, die im Fall eines positiven Coronatests rasch für 24 Stunden geschlossen werden muss.

Hände heben sich, die Menge mit Mundschutz hat Fragen. Niemand wirkt panisch. Einige ratlos, viele entnervt. Eine junge Frau ist gerade aus Italien zurückgekommen. Zwar nicht aus den Risikogebieten im Norden des Landes, doch seit ein paar Tagen hat sie Husten. Sie ist eine der wenigen, die noch eine Wartemarke erhält und bleiben darf. Ein Mann in Latzhose erzählt, er habe heute Morgen – ohne es zuerst zu wissen – mit einer Kontaktperson eines Infizierten Kaffee getrunken. Der stehe im Übrigen nicht unter Quarantäne, sondern arbeite heute an einer Tankstelle. Was jetzt? „Heute Morgen?“, fragt die Ärztin. „Gehen Sie nach Hause, bleiben Sie dort.“ Ein Test mache keinen Sinn, dafür sei es zu früh.

Viele der Wartenden sind falsch, wissen aber nicht wohin

Die Untersuchungsstelle der Charité – einzige bisher kommunizierte über den eigenen Hausarzt hinausgehende Teststelle in der Hauptstadt – zeigt zurzeit unfreiwillig und unverschuldet, woran es in der Corona-Prävention in Deutschland hakt.

Zum einen wissen viele Menschen nicht, ob sie sich überhaupt testen lassen müssen oder nicht. Übel nehmen kann man es ihnen nicht – die Gesundheitsverwaltung selbst hat dazu bereits falsche Empfehlungen ausgesprochen. Die Charité betont am Mittwoch erneut: Testen lassen sollen sich jene, die Symptome einer „akuten Atemwegsinfektion“ aufweisen – und die zuvor entweder in einem der Risikogebiete waren oder Kontakt zu einem bestätigten Covid-19-Fall hatten. Für Personen, die keinerlei Symptome aufweisen und sich noch in der 14-tägigen Inkubationszeit befinden, sei ein Test auf Sars-CoV-2 „nicht sinnvoll“, weil das Virus in der Phase noch gar nicht nachweisbar sei.

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Viele vor der Untersuchungsstelle, wie der 38-Jährige in Latzhose, sind falsch hier und laufen Gefahr, sich erst hier anzustecken. Doch sie wissen keine andere Anlaufstelle: Die Hotline der Gesundheitsverwaltung? „Dauerbesetzt“, sagt der Mann. Kein Wunder: Nach Aussage von Gesundheitssenatorin Dilek Kalayci (SPD) am Dienstag sitzen dort pro Schicht nur drei Personen, um die Anrufe für ganz Berlin entgegenzunehmen. Andere Krankenhäuser könnten auch nicht helfen, sagt der Mann. „Die haben mich ja erst hierher geschickt!“

Viele Hausärzte dirigieren Patienten gleich zur Charité

Genauso läuft es bei den Hausärzten: Die Gesundheitsverwaltung sagt, Hausärzte hätten die Aufgabe, potenzielle Corona-Infizierte zu beraten, zu diagnostizieren und zu therapieren. Doch vielen Hausärzten fehlt dazu die nötige Ausrüstung wie Schutzmasken. Sie dirigieren ihre Patienten oft schon telefonisch zur Charité, nicht in ihr eigenes Wartezimmer. Am Dienstag hat die Charité ihre Untersuchungsstelle geöffnet, seither fertigt sie 100 Verdachtsfälle pro Tag ab.

Doch das ist nicht genug. Immer mehr Berliner infizieren sich. Robert-Koch-Institut und Senatsgesundheitsverwaltung sagen unisono: Zu stoppen sei die Ausbreitung nicht – aber ihre Verlangsamung sei wichtig. Je langsamer das Virus sich ausbreitet, desto mehr Schwache und Alte können gegen Pneumokokken geimpft werden, desto besser kann die Last für Krankenhäuser entzerrt werden, desto mehr Teststellen nach Vorbild der Charité können aufgebaut werden.

Wie ein Mantra wiederholen Experten und die Ärztin vor der Untersuchungsstelle: „Bleiben Sie zuhause, schotten Sie sich 14 Tage ab – das ist das Beste, was sie tun können.“ Nur eine Frage, die hier mehrfach fällt, können die Experten nicht beantworten: „Und wer gibt mir jetzt eine Krankschreibung für meinen Chef?“

Was Sie bei Coronaverdacht tun sollten

Gestiegen: Die Zahl der Corona-Infizierten ist am Mittwoch von sechs auf neun gestiegen. Die drei neuen Fälle: Ein Mann aus Pankow und zwei Frauen aus Friedrichshain-Kreuzberg. Sie stehen in Zusammenhang mit dem ersten Patienten, der in Berlin positiv getestet wurde. Sie arbeiteten mit ihm in einem Großraumbüro.

Anrufen: Bevor man einen Arzt aufsucht, empfehlen Behörden und Ärzte eine telefonische Abklärung. Die besten Chancen hat man beim eigenen Hausarzt. Die Senatsverwaltung hat eine Beratungshotline eingerichtet unter 030 - 90282828 - die Leitungen sind allerdings in den letzten Tagen dauerhaft belegt. Bessere Karten haben Betroffene bei der Hotline des Patientenservice unter der 116 117. Sie verbinden mit einem Arzt, der sich Zeit für ein persönliches Gespräch nimmt und die nächsten Schritte erläutert. 

Besuch anfordern
: Für immobile Patienten mit schweren Erkältungssymptomen haben Kassenärztliche Vereinigung und Feuerwehr am Mittwoch ab 7 Uhr einen Fahrdienst gestartet. Er kann unter 116 117 angefordert werden. Vier Fahrzeuge sind im Einsatz, die mit Schutzausrüstung ausgestattet sind.