Die Angst geht um. Sie legt sich lähmend über Menschen, die doch selbst von Berufs wegen anderen Menschen Ängste nehmen wollen und sollen: Pflegekräfte, Psychotherapeuten, Psychologen, auch Ärzte. „Wie kann ich anderen Schutz bieten, wenn mich selbst das Gefühl umtreibt, in einer existenziell bedrohlichen Lage zu sein?“, fragt Kathrin Schneider, die eigentlich anders heißt, aber anonym bleiben möchte wegen ebendieser Lage, in die sie die einrichtungsbezogene Impfpflicht gegen das Corona-Virus bringt.

Schneider ist psychologische Psychotherapeutin. Sie hat ihre Praxis im Berliner Umland, hat lange gebraucht, bis sie sich damit selbstständig machen konnte, hat investiert, sich etabliert. „Und jetzt kommt die Nachweispflicht“, sagt sie. „Ich muss warten, wann und wie das Gesundheitsamt entscheidet, ob ich weiter praktizieren kann.“ Schneider ist nicht geimpft. Muss sie ihre Praxis nun aufgeben? Was wird aus ihren Patienten, die sich in Therapien befinden, die ein, zwei Jahre oder länger beanspruchen? Werden sie bald auf sich allein gestellt sein?

Die Angst geht um unter all denjenigen, deren Arbeitsplatz von der einrichtungsbezogenen Impfnachweispflicht betroffen ist und die sogenannte Betretungs- oder Tätigkeitsverbote fürchten müssen. Viele haben sogar schon ihren Job verloren, obwohl ihre Arbeitgeber noch gar keinen behördlichen Bescheid erhalten haben. Manche bekamen die Kündigung noch vor Inkrafttreten des Gesetzes am 16. März. Bereits dessen Verabschiedung zeigte offenbar Wirkung. Im Januar registrierte die Bundesagentur für Arbeit in der Pflege rund 12.000 Arbeitssuchende mehr als üblich.

Die gesetzlichen Regelungen schließen viele Berufe in die einrichtungsbezogene Impfnachweispflicht ein: Ärzte, Zahnärzte, Ergotherapeuten, Physiotherapeuten, Heilpraktiker und Hebammen zum Beispiel, egal ob selbstständig oder angestellt. Pflegekräfte, Feuerwehrleute und Rettungssanitäter gehören zum Personenkreis, sogar Verwaltungsangestellte oder Hausmeister, sobald sie in einer der gesetzlich definierten Einrichtungen tätig sind. Ein Teil von ihnen organisiert sich deshalb in einer Initiative; bisher 2500 Betroffene haben sich unter wir-vernetzen-uns.org registriert. In Spitzenzeiten kamen im Durchschnitt rund 100.000 Besucher am Tag auf die Internetseite.

Die einrichtungsbezogene Impfnachweispflicht soll Menschen schützen, die ein hohes Risiko tragen, an Covid-19 schwer zu erkranken oder daran zu sterben. Sie soll außerdem das Gesundheitssystem vor einem Kollaps bewahren, indem Beschäftigte in sensiblen Bereichen vollständig gegen das Virus immunisiert und geboostert sind. Das ist die Idee. Tatsächlich aber könnte sie Engpässe in der Versorgung noch weiter verstärken.

Forscher zu einrichtungsbezogener Impfpflicht: Versorgungslücke droht

Die Berliner Alice-Salomon-Hochschule hat zu Jahresbeginn 1800 Einrichtungen des Gesundheitswesens mit insgesamt knapp 130.000 Pflegekräften befragt und anhand der Daten eine Versorgungslücke von 15,3 Prozent prognostiziert. „Bezogen auf die einzelnen Versorgungsformen bedeutet dies, dass in der ambulanten Pflege rund 200.000 Menschen (- 19,9 %), in Krankenhäusern rund 2,5 Millionen (- 13,1 %) und in der stationären Langzeitpflege rund 50.000 (- 5,9 %) Menschen pflegerisch nicht versorgt werden können“, schreiben die Berliner Wissenschaftler.

Kathrin Schneider überlegt sich inzwischen sorgfältig, ob und welche Patienten sie aufnimmt. „Es wäre momentan unverantwortlich, hochkomplex traumatisierte Klientinnen aufzunehmen“, sagt sie. „Es besteht die Gefahr, dass sie durch einen von außen initiierten Therapieabbruch in die nächste suizidale Krise stürzen.“ Sie muss beurteilen, wem sie zumuten kann, sich selbst Hilfe zu organisieren, sollte sie schließen müssen. Das Problem: „Die meisten Praxen führen seit Jahren keine Wartelisten mehr. Hilfesuchende finden nur sehr schwer einen Platz.“

Neue Patienten informiert Schneider nicht über ihren Impfstatus. „Mich haben nur wenige Klientinnen darauf angesprochen. Ich habe auf ein gutes Hygienekonzept verwiesen und darauf, dass ich für sichere Bedingungen sorge. Sie haben die Therapie nicht aufgenommen.“ Schneider möchte sich nicht auf ihren Impfstatus reduziert sehen. „Ich werde von einigen als Gefährderin betrachtet, das finde ich krass. Die meisten Patientinnen sind dankbar, Therapie zu bekommen, die interessiert der Impfstatus nicht.“

Manche Arbeitgeber dagegen interessieren sich dafür sehr. Eine Kollegin etwa arbeitet in einer Einrichtung für Kinder mit Behinderung, darf aber keine Kinder mehr begleiten. Wenn sich ihr Team zu einer Besprechung trifft, muss sie sich per Video aus dem Nebenraum zuschalten.

Eine Ergotherapeutin darf zwar Kinder auf Tagesausflügen begleiten. Auf längeren Exkursionen mit ihnen übernachten darf sie nicht.

Eine angestellte Psychotherapeutin bewarb sich nach ihrer Kündigung bei einem anderen Unternehmen, das Online-Therapien anbietet. Das verlangte einen Impfnachweis. Aus dem Job wurde nichts.

Eine Klinikmitarbeiterin berichtet, dass bei Visiten die Teams verkleinert werden, wenn sie dabei ist. Es heißt, dies geschehe aus Sorge vor Ansteckung.

Kündigungen für Ungeimpfte im Gesundheitswesen

Aus ihrem Netzwerk weiß Schneider: „Es gibt keine einheitliche Linie, wie mit dieser einrichtungsbezogenen Impfnachweispflicht umgegangen wird. Das variiert manchmal sogar von Abteilung zu Abteilung in einer Klinik, abhängig davon, wie die Verantwortlichen eingestellt sind.“ In manchen Fällen läuft es auf Kündigungen hinaus.

Sonja Richter hat ihre im Februar erhalten. Auch sie heißt eigentlich anders, möchte aber im Nachhinein keinen Ärger. Die Berlinerin arbeitete bei einer Firma, die Kliniken für komplexe Dialyse-Verfahren Personal und Technik zur Verfügung stellt. Richter hat eine zusätzliche Qualifikation für diese anspruchsvolle Tätigkeit. Sie ist zudem Intensivpflegekraft und Anästhesieschwester. Sie ist hoch spezialisiert. Anfang Februar rief ihr Personalchef an. „Er fragte, wie ich zur Impfpflicht stünde. Ich sagte, dass ich sie unverhältnismäßig finde. Am Folgetag bekam ich die Kündigung.“

Um ihr Gehalt aufzustocken, hatte sie nebenbei für eine Leasingfirma auf Honorarbasis gearbeitet, Minijobs mal auf einer Intensivstation, mal in einem OP. „Im Dezember 2021 hatte ich meinen letzten Dienst.“ Auch zu solchen paradoxen Situationen kann es kommen: Eine Klinik möchte eine Leasingkraft gerne halten, deren Vermittlungsfirma ist dagegen und kündigt ihrer Angestellten.

Sonja Richter putzt jetzt stattdessen in Ferienwohnungen. Sie kennt die Eigentümerin, eine Ärztin aus dem Netzwerk. „In Deutschland finde ich im Gesundheitswesen keinen Job mehr“, sagt sie. „Sobald ein Bewerbungsgespräch aufs Impfen kommt, bin ich raus.“ Sie schaut sich nun in der Schweiz nach einer Arbeit um, die ihrer Qualifikation entspricht.

Sonja Richter ist kein Einzelfall, berichtet Kathrin Schneider: „Ich weiß aus unseren Netzwerken von einigen Pflegekräften, Ärzten und Therapeuten, die aus Sorge vor einer unsicheren Zukunft auswandern wollen, Richtung Südeuropa oder Skandinavien.“ Eine Therapeutin aus dem Netzwerk will bleiben, überlegt aber, einen Handwerksberuf zu ergreifen. „Eine Ärztin, die ich gut kenne, hat nach vielen Jahren ihre Praxis verkauft.“ Eine Physiotherapeutin sucht noch einen Käufer. Nach der zweiten Corona-Schutzimpfung plagten sie Nebenwirkungen. Geboostert werden will sie nicht. Sie gibt auf.

„Darüber zu sprechen, macht mich traurig“, sagt Kathrin Schneider. „Für viele Belange marginalisierter Gruppen haben weite Teile der Gesellschaft ein Bewusstsein entwickelt, zum Glück. Doch es besteht kaum Interesse, Ungeimpften und Geimpften mit Nebenwirkungen und deren Erfahrungen zuzuhören.“

Wie vonseiten der Arbeitgeber mit dem Thema verfahren wird, davon haben Felix Westphal, Lennart Steuer und Masoud Shahryari eine Ahnung. Die drei Wahl-Berliner betreiben in der Hauptstadt die Plattform Pflegia zur Vermittlung von Pflegekräften in Einrichtungen und ambulante Pflegedienste bundesweit. Angefangen als Drei-Mann-Betrieb vor drei Jahren, sind sie inzwischen zu einem Unternehmen mit 50 Vollzeitkräften herangewachsen, das 100.000 Pflegekräfte, 4500 Arbeitgeber und 27.000 Jobs in der Pflege betreut, um beide Seiten zu „matchen“.

„Wir haben uns selbstständig gemacht mit der Idee, die Pflegekraft in den Mittelpunkt zu stellen“, sagt Felix Westphal. Bei einer derart großen Nachfrage nach Pflegekräften und einer solchen Personalnot wie in Deutschland sei es unverständlich, dass etwa in der IT-Branche oder im Management per Headhunting um Personal geworben werde, nicht aber in der Pflege. Auch bei Bezahlung oder Vertragsgestaltung für Pflegekräfte werde teils noch mit falschen Versprechungen gearbeitet. Um die dringend benötigten Bewerber anzulocken – die dann später im Job aber unglücklich werden, wenn sie anstatt der versprochenen einen Nacht dann doch acht Nächte pro Monat im Schichtdienst arbeiten müssten. Obwohl womöglich alleinerziehend. Um solche Zustände abzuschaffen und mehr Transparenz in den Arbeitsmarkt zu bringen, sieht Pflegia sich als Anwalt der Pflegekräfte.

Ändert sich im Januar eh wieder alles?

Und stellt als solcher fest: „Wie mit dem Impfnachweis verfahren wird, variiert von Kreis zu Kreis, von Region zu Region“, so Westphal. Bis Mitte März mussten Arbeitgeber an die Gesundheitsämter ungeimpfte Mitarbeiter melden. Doch wie diese nun mit ihnen verfahren, sei höchst unterschiedlich. „Die Mitarbeiter sollen vom Gesundheitsamt angeschrieben oder eingeladen werden, doch das ist in vielen Fällen noch nicht erfolgt“, berichtet Lennart Steuer. „Es soll aber bald kommen.“ Wer sich dann immer noch nicht impfen lasse, solle ein zweites Schreiben als Mahnung erhalten und müsse danach mit einem Bußgeld und danach mit einem Betretungs- oder Berufsverbot rechnen. Doch nachdem sich die Pflegia-Betreiber bei den Einrichtungsbetreibern umgehört haben, kommen sie zu dem Zwischenergebnis, dass zweieinhalb Monate nach Inkrafttreten des Gesetzes die meisten darauf spekulieren würden, dass dieses Ende des Jahres auslaufe – und nicht verlängert werde. Sprich: Die Betriebe setzen auf Zeit und beschäftigen so lange die meisten ungeimpften Pflegekräfte weiter.

Auch viele Gesundheitsämter scheinen da mitzuspielen, sei es aus der Not heraus oder weil sie von dem Gesetz selbst nicht überzeugt sind. Da heiße es zum Beispiel vom Amt: „Für eine bestimmte Frist wird eine Ausnahme akzeptiert.“ Die Dauer der Frist wird aber nicht genannt.

„Impfpflicht würde der Branche großen Schaden zufügen“

Das bedeutet für viele ungeimpfte Pflegekräfte, dass sie weiter in ihren Berufen arbeiten und ihre Arbeitgeber davon ausgehen, dass ab Januar eh wieder neue Regeln gelten – doch sicher ist das keinesfalls. Heißt also: Unsicherheit, auf allen Seiten. Und das ausgerechnet in einer Branche, die schon vor Corona stark vom Pflege- und Personalnotstand geprägt und ausgeblutet war. Das machen nicht alle Pflegekräfte mit.

Einige steigen ganz aus der Branche aus und gehen etwa in die Gastronomie oder den Einzelhandel, wo ebenfalls Arbeitskräfte gesucht werden. Andere werden krank vor Sorge um ihren Arbeitsplatz, an dem „oft nicht nur ihre monetäre Existenz hängt, sondern auch eine sinnstiftende Aufgabe, die sie vielleicht schon seit 30 Jahren machen und die sie sich einmal gezielt danach ausgesucht hatten“, erklärt Masoud Shahryari. Und die verbleibenden, geimpften Pflegekräfte treibt die Sorge um, nun schon wieder für die Kollegen einspringen, sie ersetzen zu müssen. Bedeutet: noch mehr Nachtschichten, noch mehr Stress. Und das alles nach zweieinhalb Jahren Pandemie.

Sollte die Impfnachweispflicht tatsächlich durchgesetzt und vom Schwebezustand in den Istzustand versetzt werden, käme das einer Katastrophe gleich, da sind sich die Pflegia-Betreiber einig: „Das würde der Branche heftigen Schaden zufügen.“ Obwohl sie in ihrer eigenen Firma die Impfpflicht zu 100 Prozent durchgesetzt haben und den Sinn der Impfung keinesfalls anzweifeln, gerade auch im vulnerablen Bereich.

Aber im Pflegenotstand gelten eben eigene Gesetze.