Da das Personal für die Behandlung von Corona-Patienten erhöht werden muss, werden viele Operationen verschoben.
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BerlinFür die Berliner Krankenhäuser gelten neue Regeln: „Kliniken sind dazu verpflichtet, nicht notwendige beziehungsweise planbare Operationen und Eingriffe soweit medizinisch vertretbar auf einen späteren Zeitraum zu verschieben“, schreibt die Senatsverwaltung vor.

Der Grund: „Krankenhäuser müssen ihr Personal im Umgang mit Beatmungsgeräten und in der Behandlung von Patienten mit COVID-19 und Verdachtsfällen schulen.“ Betten müssen frei gehalten und Personal für die Behandlung von Corona-Patienten erhöht werden.

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Was wird noch operiert?

Doch wo liegt die Grenze? Was ist dringend, was kann warten? Wann wäre eine Verschiebung medizinisch vertretbar und wann nicht?
Diese Frage wird von Klinik zu Klinik und von Arzt zu Arzt anders entschieden. Ein gutes Beispiel dafür ist das Einsetzen künstlicher Hüft- oder Kniegelenke.

An der Charité zum Beispiel läuft es so: „Wir haben unser OP-Programm um etwa 75 Prozent reduziert und operieren nur noch das, was man nicht länger als 48 Stunden aufschieben kann“, erklärt Carsten Perka, Ärztlicher Direktor des Centrums für Muskuloskeletale Chirurgie (75 Ärztinnen und Ärzte, ca. 8500 Operationen pro Jahr). „Das sind zum Beispiel Unfälle, Knochenbrüche, ausgerenkte Gelenke oder Infektionen. Unser klassisches OP-Programm für künstliche Gelenke haben wir dagegen seit zwei Wochen nahezu eingestellt.“

Individuelle Entscheidung

Die Charité und andere große Kliniken haben Hüft- und Knie-Operationen besonders stark reduziert, da sie entsprechend dem Berliner Notfallkonzept zusätzliche Kapazitäten an Intensivbetten und Beatmungsplätze schaffen sollen.

Kleinere Häuser und Kliniken von privaten Trägern handhaben das möglicherweise etwas lockerer. Natürlich halten sich auch diese Krankenhäuser an die Vorgabe, planbare und nicht dringliche Operationen zu verschieben. Doch wie dringend ein Eingriff an Hüfte oder Knie wirklich ist, müssen Arzt und Operateur für jeden einzelnen Patienten immer individuell entscheiden.

Abwägen funktioniert gut

„Im Prinzip kommt man auch mit einer Hüft- oder Kniearthrose über längere Zeit gut zurecht“, sagt Carsten Perka. „Jeder Mensch nimmt Schmerzen subjektiv und völlig unterschiedlich wahr. Das kann man objektiv nicht messen. Da gibt es Leute, die sind isoliert, die Ablenkung fehlt, das einzige, was den ganzen Tag da ist, sind die Schmerzen in Hüfte oder Knie.

Doch der Anteil derer, die allein und ohne Hilfe zu Hause sitzen, es nicht mehr aushalten und die vielen Schmerzmittel nicht mehr vertragen, ist überschaubar. Diese Patienten stehen bei uns auf einer Warteliste. Wenn wir es vertreten können, werden wir sie bald operieren. Das muss man individuell von Fall zu Fall abwägen. Aber im Gegensatz zu Italien, wo Ärzte teilweise über Leben und Tod entscheiden müssen, funktioniert unser Abwägen bisher noch sehr gut.“

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Etwas anders liegen die Kriterien bei anstehenden Operationen der Schulter. Hier stehen keine abgenutzten Knorpelflächen, sondern oft Sehnenrisse im Vordergrund. Denn das Schultergelenk ist hauptsächlich von Sehnen und Muskeln umgeben. „Diese sogenannte Rotatorenmanschette kann durch Abnutzung oder durch Unfälle einreißen“, sagt Dirk Frauenschuh, Ärztlicher Direktor der Westklinik Dahlem. „Dieser Riss jedoch heilt nicht von selbst. In bestimmten Fällen sollte man ihn arthroskopisch nähen, damit er sich nicht vergrößert. Würde man mit diesem Eingriff mehrere Monate warten, könnten bei manchen Patienten stärkere funktionelle Beschwerden auftreten. Als Ärzte sind wir jedoch verpflichtet, die Patienten vor weiteren Schäden zu bewahren.“

Wirbelsäule-Eingriffe zurückgegangen

Ob eine OP nötig ist, entscheidet der Schulterspezialist in seiner Praxis nach den jeweiligen Befunden: „Bei diesem Gelenk sehen wir mehr dringliche Fälle als an Hüfte oder Knie.“

Stark zurückgegangen ist dagegen die Zahl der Eingriffe an der Wirbelsäule. „Speziell Bandscheiben-Operationen sind nur dann unbedingt nötig, wenn der Druck auf die Nerven zu schweren neurologischen Ausfällen führt“, erklärt der Münchner Rückenspezialist Reinhard Schneiderhan, Präsident der Deutschen Wirbelsäulenliga. „In diesen Fällen treten beispielsweise Lähmungen auf. Die Betroffenen können das Bein dann nicht mehr bewegen. Oder sie können Blase und Mastdarm nicht mehr kontrollieren.“

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Tumoroperationen finden statt

Orthopäde Schneiderhan weist darauf hin, gerade jetzt zu Corona-Zeiten öfter auf die vielfältigen Möglichkeiten der ambulanten Schmerztherapie zurückzugreifen: „Durch gezielte Injektionen unter Röntgen-, Kernspin- oder CT-Kontrolle zum Beispiel lassen sich viele Eingriffe vermeiden. Dazu sollten die Patienten nach Möglichkeit ein spezialisiertes Wirbelsäulenzentrum aufsuchen, in dem Orthopäden, Schmerztherapeuten, Neurologen und Radiologen eng zusammenarbeiten.“

Über einen OP-Rückgang um etwa 50 Prozent berichtet Roland Raakow, Chefarzt der Chirurgie am Vivantes Klinikum Am Urban: „Wir operieren nur noch Patienten mit akuten Erkrankungen wie zum Beispiel Blinddarmentzündungen. Auch Tumoroperationen finden statt. Leistenbrüche, Schilddrüsen-Eingriffe und Operationen am Zwerchfell dagegen verschieben wir, wenn es für die Patienten keine Nachteile bedeutet. Gallenoperationen machen wir im Augenblick nur, wenn eine akute Entzündung vorliegt.“

Berlin: Keine Schutzausrüstung für Zahnärzte

Auf Notbetrieb umgestellt haben außerdem die meisten der rund 2.300 Berliner Zahnarztpraxen. „Viele Kollegen behandeln nur noch Schmerzpatienten“, berichtet Zahnarzt Michael Dreyer, Vizepräsident der Zahnärztekammer Berlin. „Denn der Zahnarzt sitzt oft nur 30 Zentimeter vom Patienten entfernt. Bei der Behandlung mit Turbinen, Ultraschall- und Pulverstrahlgeräten entsteht ein feiner Tröpfchennebel, der Viren enthalten kann.

Vor diesem Infektionsrisiko muss der Zahnarzt sich und seine Mitarbeiterinnen schützen. Deshalb führen wir nur noch dringende Behandlungen durch. Leider hat der Berliner Senat vergessen, Hygienematerial und Schutzausrüstungen auch an die Zahnärzte zu verteilen.“

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So überbrücken Sie die Zeit bis zum OP-Eingriff

Hüfte und Knie

Bewegung. Knorpelflächen haben keine eigenen Blutgefäße. Nur durch regelmäßige Bewegung gelangen Nährstoffe in das Gewebe. Täglich eine halbe Stunde Spazierengehen schützt bereits vor übermäßigem Knorpel-Abbau. Noch besser sind Schwimmen, Wassergymnastik und Radfahren, weil sie das Gelenk nicht belasten.

Abnehmen. Vermeiden Sie Übergewicht. Bereits fünf Kilo weniger erhöhen die Lebensdauer der Knie- und Hüftgelenke um mehrere Jahre.

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Physiotherapie. Gut trainierte Beuge- und Streckmuskeln können das Gelenk deutlich entlasten. Bei der Krankengymnastik lernt der Patient Bewegungsübungen, die die Beweglichkeit verbessern.

Schmerzmittel. Bei starken Beschwerden können Medikamente wie Ibuprofen oder Diclofenac helfen, Bewegungsübungen schmerzfrei durchzuführen.

Schulter

Theraband. Übungen mit den farbigen Gummibändern können Schulterbeschwerden innerhalb weniger Wochen deutlich reduzieren. Zehn bis 15 Minuten Training fünfmal pro Woche reichen dazu aus. Anleitungen und Youtube-Videos finden Sie im Internet.

Kälte. Bei akuten Entzündungen des Schleimbeutels, der Sehnen oder bei Kalkschulter hilft eine Behandlung mit Kältepacks aus dem Eisfach. Legen Sie dazu das kalte Gelkissen solange auf die schmerzende Stelle, bis es Körpertemperatur angenommen hat.

Kräftigung. Ein gezielter Muskelaufbau kann vor chronischen Überlastungs-Schäden der Schulter schützen. Lehnen Sie sich für diese Übung dazu leicht schräg mit gestreckten Armen an die Wand. Beugen Sie die Ellbogen zehnmal wie bei Liegestützen, bis die Nasenspitze die Wand fast berührt.

Wirbelsäule

Wärme. Regt die Durchblutung an und löst Verspannungen der Rückenmuskulatur, weil der verlangsamte Stoffwechsel der Muskelzellen beschleunigt wird. Geeignet sind Vollbäder, Wärmflasche, Packungen oder beim Duschen den heißen Wasserstrahl auf die schmerzenden Stellen richten.

Entspannung. Bei der progressiven Muskelrelaxation nach Jacobson werden die Rückenmuskeln im Wechsel kräftig angespannt und nach sieben Sekunden bewusst wieder locker gelassen. Das Entspannen wirkt schmerzlindernd. Besonders gut geeignet bei stressbedingten Rückenbeschwerden.

Pezzi-Ball. Training mit dem luftgefüllten Ball ist ideal, um die tieferen Rückenmuskeln zu stärken. Durch seine formbare Gestalt kann er sich der Wirbelsäule optimal anpassen. Im Internet gibt es zahlreiche Anleitungen und Youtube-Videos mit geeigneten Übungen.

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Herz/Kreislauf

Allein ein gesunder Lebensstil senkt das Risiko einer Herzerkrankung und kann die Lebenserwartung um bis zu zehn Jahre steigern.

Rauchen. Nikotin verengt die Gefäße. Wenn Sie rauchen, sollten Sie versuchen, es aufzugeben.

Gewicht. Achten Sie auf gesunde Ernährung und essen Sie reichlich Obst und Gemüse. Verzichten Sie auf tierische Fette und verwenden Sie stattdessen Pflanzenöle in Maßen. Schon einige Kilos weniger wirken sich positiv auf die Gesundheit aus.

Bewegung. Ein halbstündiger Spaziergang oder Fahrradfahren sind besser als gar keine Bewegung und können auch von älteren Menschen gut in den Alltag eingebaut werden.

Stress. Bauen Sie Stressfaktoren ab und gönnen Sie sich regelmäßige Erholung im Alltag. Übermäßiger Stress kann eine Verengung der Herzkranzgefäße auslösen.

Zähne

Richtig putzen. Morgens und abends jeweils drei Minuten gründlich bürsten. Wichtig ist eine horizontale Putzbewegung, bei der die Zähne in einem Winkel von ca. 45 Grad zum Zahn gereinigt werden (von rot nach weiß). Erst die Kauflächen, dann die Außen- und zum Schluss die Innenflächen. Besteht zusätzlich die Möglichkeit auch mittags nach dem Essen die Zähne zu reinigen, ist das noch besser.

Zahnpasta: Wichtig ist ein ausreichender Fluorid-Gehalt. Durch das regelmäßige Putzen mit fluoridhaltiger Zahnpasta wird der Zahnschmelz widerstandsfähiger.

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Hilfsmittel: Die Zahnzwischenräume zusätzlich mit Zahnseide oder Interdentalbürstchen reinigen.

Zunge. Hier kann sich Belag bilden, auf dem sich Bakterien vermehren die den Zähnen schaden können. Dagegen helfen spezielle Zungenbürsten und Zungenschaber.

Immunsystem

Ausgewogene Ernährung: Eine abwechslungsreiche Mischkost liefert dem Immunsystem alle Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente, die es braucht. Besonders wichtig sind Obst und Gemüse. Gemüse kann man zwischendurch auch als Rohkost verzehren, um wichtige Inhaltsstoffe nicht zu zerstören. Essen Sie zum Frühstück Müsli oder Getreideflocken, tagsüber Vollkornbrot, Vollkornnudeln und Vollkornreis, zweimal pro Woche Fisch.

Schlaf. Durchschnittlich sieben bis acht Stunden Schlaf dienen nicht nur der Erholung, sondern steigern auch die Zahl der natürlichen Abwehrzellen.

Bewegung: Dreimal pro Woche jeweils 30 Minuten Sport reichen bereits aus. Der Puls sollte dabei aber Werte von 120 bis 140 Schläge pro Minute erreichen. Sport verbessert die Belüftung, steigert die Durchblutung der Lunge und senkt so das Risiko einer Lungenentzündung.