Berlin -  Der Lockdown wird verlängert und über die Osterfeiertage sogar verschärft, noch immer gelten strenge Kontaktbeschränkungen. Viele Menschen können das nur noch sehr schwer aushalten. Besonders belastend ist die Situation für psychisch Erkrankte. Knapp die Hälfte der Patienten mit einer Depression berichten, dass es ihnen zunehmend schlecht geht. Mehr als jeder fünfte Patient bekommt keinen Behandlungstermin. Und auch für die Menschen ohne psychische Erkrankung ist die Situation aktuell deutlich belastender als noch im ersten Lockdown.

Das zeigt die Studie „Deutschland-Barometer Depression“, die am Dienstag veröffentlicht wurde. Befragt wurden 5135 Personen zwischen 18 und 69 Jahren im Februar 2021. Initiiert wurde die Erhebung von der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und der Deutsche-Bahn-Stiftung.

Schlechtere Versorgung von Patienten

Für Menschen, die sich gerade in einer depressiven Krankheitsphase befinden, hat der zweite Lockdown besonders negative Auswirkungen: Fast alle Befragten berichten über fehlende soziale Kontakte (89 Prozent), Bewegungsmangel (87 Prozent) oder verbringen deutlich mehr Zeit im Bett (64 Prozent). „Für Depressionspatienten sind Bewegung, ein geregelter Tagesablauf und ein fester Schlaf-Wach-Rhythmus wichtige unterstützende Bausteine in der Behandlung. Wenn diese wegbrechen, kann das den Krankheitsverlauf der Depression negativ beeinflussen“, sagt Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Seiner Einschätzung nach hat die Pandemie bisher nicht zu einer massenhaften Zunahme dieser psychischen Erkrankung geführt. Habe ein Mensch jedoch eine Veranlagung zu einer Depression, könne durch die Maßnahmen gegen Corona eine depressive Krankheitsphase getriggert werden.

Depression: Ernsthafte Erkrankung der Psyche

Ursachen Es gibt verschiedene Auslöser. Tritt die Erkrankung ohne klar ersichtlichen äußeren Grund auf, kann sie vorwiegend genetisch bedingt sein und durch neurobiologische Veränderungen im Gehirn entstehen. Auch körperliche Infekte können Ursache sein.

Anzeichen Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, Antriebslosigkeit und den negativen Gedanken befreien. Sie fühlen sich erschöpft und müde, leiden gleichzeitig an Schlafstörungen. Auch Appetitlosigkeit kann ein Anzeichen sein. Treten diese Symptome über mindestens zwei Wochen auf, kann die Diagnose Depression gestellt werden.

Behandlung Grundsätzlich ist eine Psychotherapie angeraten – oftmals in Verbindung mit Medikamenten, abhängig von der Schwere der Erkrankung.

Hinzu kommt, dass sich die schon vor der Pandemie angespannte Versorgung psychisch erkrankter Menschen weiter verschärft hat. „Die Maßnahmen gegen Corona führen zu Versorgungsdefiziten und depressionsspezifischen Belastungen, die gravierende gesundheitliche Nachteile für die 5,3 Millionen Menschen mit Depression in Deutschland bedeuten“, so Hegerl. 22 Prozent der Befragten, die sich aktuell in einer depressiven Phase befinden, berichten von ausgefallenen Facharzt-Terminen in den vergangenen sechs Monaten. 21 Prozent der Betroffenen gaben an, von sich aus Behandlungstermine aus Angst vor Ansteckung abgesagt zu haben.

Hilfe für Betroffene und Angehörige

Wissen, Selbsttests und Adressen rund um das Thema Depression hat die Stiftung Deutsche Depressionshilfe auf ihrer Website zusammengestellt: www.deutsche-depressionshilfe.de. Eine mögliche Anlaufstelle ist auch das Info-Telefon Depression, 0800-33 44 5 33 (kostenfrei). Fachlich moderierte Online-Foren zum Erfahrungsaustausch für Erwachsene finden sich unter www.diskussionsforum-depression.de. Junge Menschen ab 14 Jahren finden hier Hilfe: www.fideo.de.

Verstärkte Depression

44 Prozent der Menschen mit einer diagnostizierter Depression berichten von einer Verschlechterung ihres Krankheitsverlaufs in den vergangenen sechs Monaten – bis hin zu Suizidversuchen. Acht Prozent der Befragten hatten Suizidgedanken oder suizidale Impulse. Unter den knapp 2000 Befragten mit diagnostizierter oder selbst diagnostizierter Depression berichteten 13 Personen, im vergangenen halben Jahr einen Suizidversuch unternommen zu haben.

„Die Zahl der Suizidversuche bereitet mir Sorge. Es ist dringend notwendig, bei der Entscheidung über Maßnahmen gegen Corona den Blick nicht nur auf das Infektionsgeschehen zu verengen. Es müssen auch Leid und Tod systematisch erfasst werden, die durch die Maßnahmen verursacht werden“, sagt Hegerl. Eine systematische, repräsentative Erhebung wäre hier ein Baustein. „Unsere Daten zu Menschen mit psychische Erkrankungen liefern hier nur eine Facette. Man bräuchte dazu eine multiprofessionelle Expertengruppe, die sich mit dieser Balance zwischen Vor- und Nachteilen der getroffenen Maßnahmen in systematischer Weise und permanent beschäftigt.“

Tipps für die psychische Gesundheit

Auch für die Allgemeinbevölkerung ist die Situation belastender als je zuvor: 71 Prozent der Bürgerinnen und Bürger empfinden die Situation im zweiten Lockdown als bedrückend. Im ersten Lockdown waren es 59 Prozent, im Sommer 2020 sogar nur 36 Prozent. Fast die Hälfte (46 Prozent) der Deutschen erlebt ihre Mitmenschen als rücksichtsloser. Jeder Dritte hat Sorgen um seine berufliche Zukunft. Familiär stark belastet fühlt sich im Februar 2021 ein Viertel der Befragten, im Sommer 2020 waren es lediglich 16 Prozent.

Um besser mit der Situation umzugehen, kann für Menschen mit und ohne Depression ein Wochenplan hilfreich sein, empfiehlt die Stiftung Deutsche Depressionshilfe. Darin werden stundenweise die Aktivitäten für jeden Tag eingetragen, neben Pflichten sollte dabei auch Angenehmes eingeplant werden. „Manche können in der Corona-Krise auch Chancen entdecken und sich einem neuen Hobby, Sport oder einem dickeren Buch zuwenden“, sagt Hegerl.

Beratung und Seelsorge in schwierigen Situationen

Ihre Gedanken hören nicht auf zu kreisen? Sie befinden sich in einer scheinbar ausweglosen Situation und spielen mit dem Gedanken, sich das Leben zu nehmen? Wenn Sie sich nicht im Familien- oder Freundeskreis Hilfe suchen können oder möchten – hier finden Sie anonyme Beratungs- und Seelsorgeangebote:

Telefonseelsorge: Unter 0800-111 0 111 oder 0800-111 0 222 erreichen Sie rund um die Uhr Mitarbeiter, mit denen Sie Ihre Sorgen und Ängste teilen können. Auch ein Gespräch via Chat ist möglich. telefonseelsorge.de

Kinder- und Jugendtelefon: Das Angebot des Vereins „Nummer gegen Kummer“ richtet sich vor allem an Kinder und Jugendliche, die in einer schwierigen Situation stecken. Erreichbar montags bis sonnabends von 14 bis 20 Uhr unter 11 6 111 oder 0800-111 0 333. Am Sonnabend nehmen die jungen Berater des Teams „Jugendliche beraten Jugendliche“ die Gespräche an. nummergegenkummer.de.

Muslimisches Seelsorge-Telefon: Die Mitarbeiter von MuTeS sind rund um die Uhr unter (030) 44 35 09 821 zu erreichen. Ein Teil von ihnen spricht auch Türkisch. mutes.de

Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention: Eine Übersicht aller telefonischen, regionalen sowie Online- und E-Mail-Beratungsangebote in Deutschland gibt es unter suizidprophylaxe.de.