Zellen mit dem Mers-Coronavirus
Foto: Müller/Charité

BerlinForscher der Charité haben einen Weg gefunden, gegen das im Jahr 2012 entdeckte Coronavirus Mers vorzugehen. Ähnlich wie das derzeit zirkulierende neue Coronavirus 2019-nCoV verursachen Mers-Viren eine schwere Lungenentzündung. Sie verläuft häufig tödlich, eine Therapie gibt es bislang nicht. 

Bei der Arbeit handelt es sich zwar um Grundlagenforschung. Da sich unter den getesteten Substanzen jedoch auch Wirkstoffe fanden, die bereits zugelassen sind, könnten die Erkenntnisse relativ schnell in eine praktische Therapie münden. Das Team sieht gewisse Chancen, den Ansatz auch gegen 2019-nCoV nutzen zu können. Experimente dazu stehen jedoch jetzt erst an.

Von aktuellen Ereignisse überrollt

Die Veröffentlichtung der Forscher um Marcel Müller vom Institut für Virologie am Campus Mitte der Charité erschien bereits kurz vor Weihnachten im Fachmagazin Nature Communications. Die Charité wies jedoch erst am Mittwoch in einer Pressemitteilung auf die Studie hin. "Vor Weihnachten kamen wir nicht mehr dazu, danach überrollten uns am Institut die aktuellen Ereignisse in China", berichtet Marcel Müller, der als Privatdozent am Institut für Virologie tätig ist. Institutsleiter Christian Drosten hat wie die Berliner Zeitung berichtete - einen Schnelltest auf 2019-nCoV entwickelt.

Zusammen mit seinen Kollegen Nils Gassen vom Universitätsklinikum Bonn und Theo Rein vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie hat Müller einen zelleigenen Recycling-Mechanismus als neuen Angriffspunkt für die Bekämpfung des Virus identifiziert: die Autophagie. Unter Autophagie versteht man einen körpereigenen Recycling-Mechanismus, den Zellen nutzen, um beschädigtes Material und Abfallprodukte abzubauen. Im Rahmen dieses Prozesses, der auch als Selbstverdauung bezeichnet wird, werden auch Bestandteile von Viren und anderen Krankheitserregern entsorgt.

"Eine Reihe von Viren hat verschiedene Strategien entwickelt, um dem Abbau zu entgehen", berichten die Forscher. In ihrer Studie haben sie untersucht, ob auch Mers-Viren die Autophagie irgendwie drosseln. Zu diesem Zweck infizierten sie im Labor Zellen mit den Viren. Dabei zeigte sich, dass Mers-Viren offenbar tatsächlich den Recyclingprozess stören. „Dieses Ergebnis war ein deutlicher Hinweis darauf, dass der Mers-Erreger von einer Abschwächung des zellulären Recyclings profitiert“, erläutert Müller.

Die Viren hemmen die Selbstverdauung 

In der Folge experimentierten die Forscher an den Zellkulturen mit Wirkstoffen, die die Autophagie wieder ankurbeln. Das ermutigende Resultat: die Vermehrung des Virus reduzierte sich stark. Auf der Suche nach den zugrundeliegenden molekularen Mechanismen entdeckten die Forscher einen bisher unbekannten molekularen Schalter, der den Ablauf der Autophagie regelt: das Protein SKP2.

Offenbar ist es für Mers-Viren nützlich, diesen Schalter zu aktivieren, denn dann wird das Recycling gedrosselt. Das Team um Müller testete darum Wirkstoffe, die SKP2 hemmen. Die Strategie war erfolgreich: Die Autophagie-hemmenden Wirkstoffe reduzierten die Vermehrung des Virus um das bis zu 28.000-Fache.

Ein Bandwurmmittel könnte nützlich sein

Interessanterweise sind unter den getesteten Substanzen auch bereits zugelassene Wirkstoffe, wie das gegen Bandwurmerkrankungen eingesetzte Niclosamid, das ebenfalls als SKP2-Hemmer identifiziert wurde. Auch Niclosamid war in der Lage, die Vermehrung des Mers-Erregers in den Zellen deutlich zu verringern.

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass SKP2 ein vielversprechender Ansatzpunkt für die Entwicklung neuer Wirkstoffe gegen das Mers-Virus – und möglicherweise auch gegen andere Autophagie-abhängige Viren – ist", sagt Marcel Müller. Da SKP2-Hemmer nicht das Virus direkt angreifen, rechnet er bei ihrem Einsatz mit einer geringeren Gefahr der Resistenzbildung.

Nun soll schleunigst getestet werden, ob die Strategie auch bei Sars-Viren und dem zurzeit weltweit um sich greifenden neuen Coronavirus 2019-nCoV klappt. "Vortests mit Sars-Viren stimmen uns optimistisch", berichtet Müller. Allerdings unterschieden sich Mers-Viren in vielerlei Hinsicht von Sars und dem Sars relativ ähnlichen 2019-nCoV.

Von Dromedaren übertragen

Müller betont, dass eine Therapie noch nicht greifbar sei.  Zunächst müsse sich der Ansatz in weiteren Experimenten und klinischen Versuchen als wirksam und sicher erweisen. Die Tatsache, dass es mit dem Bandwurmmittel Niclosamid aber schon bereits zugelassene Wirkstoff gibt, die sich gegebenenfalls nutzen lassen, könne die Entwicklung aber beschleunigen. "Bislang gibt es Niclosamid allerdings in Tablettenform. Für eine Therapie gegen Coronaviren müsste es  inhaliert werden können", sagt Müller. 

Mers-Coronaviren können eine grippeähnliche Erkrankung verursachen, auf Englisch Middle East respiratory syndrome genannt. Dabei kommt es auch häufig zu Lungenentzündungen. Seit der Entdeckung des Virus im Jahr 2012 wurden der Weltgesundheitsorganisation rund 2.500 MERS-Fälle in 27 Ländern gemeldet; etwa ein Drittel der Infizierten starben.

Mers-Erreger werden größtenteils von Dromedaren auf den Menschen. Die Krankheit kommt vor allem auf der Arabischen Halbinsel vor. In begrenztem Maß kann der Erreger beispielsweise in Krankenhäusern auch von Mensch zu Mensch übertragen werden, was 2015 zu einem größeren Ausbruch der Krankheit in Südkorea führte. In Deutschland gab es bisher vier dokumentierte MERS-Fälle.