Eine Chinesin in Wuhan trägt zur Vorbeugung einen Mundschutz.
Foto: imago images

Berlin Das neue Sars-Virus breitet sich weiter aus – vor allem in China. Forschern um Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, war es als Ersten gelungen, einen zuverlässigen Test auf das neue Coronavirus zu entwickeln. Der Virologe spricht darüber, wie gefährlich das Virus ist und ob es zur weltweiten Bedrohung werden kann. 

Herr Professor Drosten, Was kann man jetzt schon über die Gefährlichkeit des neuen Coronavirus sagen?

Christian Drosten: Es ist schwierig, anhand der klinischen Daten, die bisher vorliegen, etwas über die tatsächliche Gefährlichkeit zu sagen. Wir kennen die Statistiken – bisher 17 Tote von 473 Infizierten, wie die chinesischen Behörden am Abend mitteilten. Das ist eine beträchtliche Sterblichkeitsrate. Wenn das in der Breite so weiterginge, dann hätten wir ein Riesenproblem. Aber das ist nicht zu erwarten.  

Warum nicht?

Es ist zu Beginn von Infektionsepidemien – und wir stehen hier ganz am Anfang – immer so, dass die Sterblichkeit überschätzt wird. Die schweren Fälle werden überbetont. Sie fallen einfach auf, die harmlosen nicht.

Die Leute gehen nicht zum Arzt, wenn sie nur heftigen Husten haben.

Genau. Diese Fälle werden gar nicht diagnostiziert. Der zweite Grund für die Überschätzung ist, dass derzeit mit einer Fall-Definition gearbeitet wird. Nur bei bestimmten Kriterien wird überhaupt auf das Virus getestet. Und ein Kriterium ist: Fieber. Getestet werden nur die Patienten, bei denen die Krankheit einen schweren Verlauf nimmt. Das heißt, bisher kann man seriös nur etwas über die Sterblichkeitsrate bei einem schweren Verlauf der Infektion sagen, nicht über die Sterblichkeitsrate bei allen Infektionen. Darum schätzen wir im Moment die Schwere der Krankheit zu hoch ein. Deswegen ist es für mich derzeit nicht möglich zu sagen, wie die Gefährlichkeit beurteilt werden muss, wenn die Statistiken besser werden.

Verbreitung des Virus. 
Grafik: BLZ/ Galanty

Gibt es Parallelen zu der Situation von 2003, als das „alte“ Coronavirus Sars verursachte?

Wir hatten damals bei rund 8000 gemeldeten Fällen ungefähr zehn Prozent Gestorbene. Das war wirklich ein Schreckensszenario. Aber ich glaube, dass auch während der Sars-Epidemie die Statistiken verzerrt waren. Die chinesischen Behörden wollten Sars eigentlich verstecken. Dadurch sind auch damals vor allem die schweren Fälle aufgezeichnet worden. Ich halte deswegen auch die zehn Prozent Sterblichkeitsrate bei Sars für eine zu hoch geschätzte Zahl.

Zum Vergleich: Wie hoch ist denn die Sterblichkeitsrate bei einer schweren echten Grippe?

Das ist nicht so leicht zu sagen. Wenn es eine echte Influenza-Pandemie gibt – also eine internationale Epidemie, die Kontinente überschreitet –, dann haben wir es mit einer Obergrenze der Sterblichkeit von zwei bis vier Prozent zu tun. Eine Influenza-Pandemie kann aber auch nur eine Mortalität von 0,1 Prozent haben – sie ist trotzdem gefährlich wegen der vielen Fälle.

Wir haben 2003 bei Sars beobachtet, dass die Epidemie nach ein paar Monaten versickerte. Die Krankheit ist wieder verschwunden. Wie kam das?

Bei Sars war die Situation zwar etwas weiter fortgeschritten als jetzt, aber wir konnten auch da immer noch die Übertragungsnetzwerke nachvollziehen und sagen, woher der Ausbruch kam. Wir konnten die Reise- und Verschleppungsgeschichte der Infektion nachvollziehen. Das ist noch keine Pandemie. Das macht die Bekämpfung leichter. Ja. Bei Sars gab es damals eine sehr rigorose Isolationspolitik in den asiatischen Großstädten und beispielsweise auch in Toronta, Kanada, wo es einen verhältnismäßig heftigen Ausbruch gegeben hatte. Die Infektionswege wurden minutiös nachverfolgt, alle Kontaktpersonen ermittelt und getestet, Infizierte in Quarantäne gebracht. Dass Sars wieder verschwand, hatte aber sicher auch etwas mit den Eigenschaften des Virus zu tun. Das Sars-Virus hat primär auf die Lunge gezielt. Die Patienten fühlten sich schon krank, ehe sie wirklich ansteckend wurden. Bei Influenza ist das anders.

Die Lungenkrankheit SARS.
Foto: BLZ& Galanty

Weil die Menschen das Virus schon verbreiten, ehe sie krank sind?

Genau. Das Virus vermehrt sich schon im Rachen, die Menschen sind schon infektiös. Es geht dann in Lunge. Erst dann fühlen die Leute sich krank. Diese Vorlaufphase hat es bei Sars nicht gegeben. Das war entscheidend dafür, dass sich die Krankheit durch Isolation stoppen ließ.

Wird das mit 2019-nCoV, dem neuen Coronavirus, auch so ablaufen?

Ich kann nicht in die Zukunft blicken. Aber ein Detail stimmt hoffnungsvoll. Nach allem, was wir bisher wissen, könnte das neue Virus den selben Rezeptor wie das Sars-Virus benutzen, der tief in der Lunge sitzt. Und dann kann es sein, dass das neue Virus ähnlich ausgeschieden wird wie Sars und sich deshalb ähnlich gut bekämpfen lässt. Das ist aber bisher nur eine Vermutung. Es gibt immer Überraschungen. Wir glauben etwa, dass das Sars-Virus in der frühen Phase durch Mutation seine Vermehrungsfähigkeit selbst geschwächt hat. Aber man kann nie voraussagen, dass so etwas passiert. Man kann nur sagen, dass sich nicht jedes Virus, das auf den Menschen überspringt, auch dauerhaft etablieren kann.

Foto: Charite
Zur Person

Christian Drosten wurde 1972 in Lingen (Ems) in Niedersachsen geboren. Er studierte Chemietechnik und Biologie, später Medizin. Er forschte ab 2000 zu tropischen Viruskrankheiten am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg. Bereits 2003 gelang es ihm als Erstem, einen zuverlässigen Test auf das neu entdeckte Sars-Virus zu entwickeln. Drosten arbeitete in Bonn und folgte 2017 einem Ruf an die Berliner Charité, wo er Direktor des Instituts für Virologie ist. Den Forschern um Drosten gelang auch ein Nachweisverfahren für das derzeit kursierende Coronavirus.

Sie haben vor gut einer Woche einen Test zum Nachweis des Virus entwickelt. Haben die Kollegen in China, Seattle und anderswo das Virus mit dem „Charité-Test“ nachgewiesen?

Die Kollegen in den USA und in China haben eigene Tests entwickelt. Über den Test der chinesischen Kollegen wissen wir inzwischen, dass er ähnlich zuverlässig ist wie unserer. Allerdings hat er den Nachteil, dass er derzeit nicht außerhalb von Speziallaboren angewandt werden kann. Bei unserem Test ist das anders. Die meisten Länder statten sich jetzt mit unserem Test aus. Wir haben schon über 120 Nachfragen.

Der Test dient auch zur Aufklärung der Infektionswege, oder?

Ja. Sie müssen jeden Fall jede Nachforschung nach dem Verbreitungsweg an einem Test festmachen. Wir sind in der Influenza-Saison. Nicht jeder, der mit einem Coronavirus-Infizierten Kontakt hatte und auch krank wird, hat automatisch auch eine Coronavirus-Infektion.

Die Coronaviren 2003 und heute sind von Tieren auf den Menschen übergesprungen. Lässt sich so etwas verhindern?

Man muss bestimmte Arten von Tierhandel und Tiernutzung unterbinden. Bei Sars haben wahrscheinlich Schleichkatzen das Virus weitergegeben. Beim neuen Coronavirus wird es auch eine Tierart gewesen sein, die ich aber bisher nicht kenne.

Ließe sich ein Impfstoff entwickeln?

Das kann man. Die Frage ist nur, wie lange das dauert. Bei Sars gab es vielversprechende Ansätze. Ich erwarte aber nicht, dass derselbe Impfstoff, der gegen Sars entwickelt wurde, auch gegen das neue Coronavirus wirkt. Die Viren sind zwar sehr ähnlich, unterscheiden sich aber in ihren Oberflächenproteinen. Da muss man wahrscheinlich wieder ganz von vorne anfangen.