Eine Frau trägt eine Atemschutzmaske zum Schutz vor dem Coronavirus.
Foto: AP/dpa/Vincent Thian

PekingIm Kampf gegen die Coronavirus-Epidemie ergreift die chinesische Regierung immer großflächigere Quarantäne-Maßnahmen: In der an Shanghai angrenzenden Provinz Zhejiang schränkten die Behörden am Dienstag die Bewegungsfreiheit für rund zwölf Millionen Menschen massiv ein. 

Die drei von den neuen Quarantäne-Maßnahmen betroffenen Städte Taizhou, Hangzhou und Ningbo liegen an der Ostküste Chinas, hunderte Kilometer entfernt vom Zentrum der Coronavirus-Epidemie in Wuhan. Sie rücken damit immer näher an Shanghai heran. Von Hangzhou, wo sich der Sitz des chinesischen Internetriesen Alibaba befindet, sind es etwa lediglich 150 Kilometer bis zu Chinas Wirtschaftsmetropole.

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Nur ein Bewohner pro Haushalt darf jeden zweiten Tag einkaufen gehen

In Taizhou sowie in mehreren Bezirken von Hangzhou und Ningbo darf vorerst nur noch ein Bewohner pro Haushalt jeden zweiten Tag für Einkäufe das Haus verlassen. Die Behörden in Taizhou setzten zudem ab Dienstag 95 Zugverbindungen aus. In Taizhou müssen Bewohner von Wohnkomplexen nach Regierungsangaben außerdem ihren Ausweis vorzeigen, wenn sie nach draußen gehen oder zurückkehren wollen. In Hangzhou wurde das Tragen von Atemschutzmasken angeordnet. Auch Ausweise und die Körpertemperatur der Bewohner sollen überprüft werden.

Am Sonntag war bereits die Bewegungsfreiheit der Bewohner der Neun-Millionen-Einwohner-Metropole Wenzhou an der Ostküste Chinas eingeschränkt worden. Gleiches gilt bereits für mehr 50 Millionen Menschen in Wuhan und anderen Städten in der Provinz Hubei. Auch die chinesische Sonderverwaltungszone Macau reagierte mit drastischen Maßnahmen auf die Epidemie. Die Regierung der Glücksspielmetropole ordnete am Dienstag an, für zwei Wochen alle Casinos, Kinos, Theater, Bars und Internetcafés zu schließen.

Abertausende unter Hausarrest stehende Menschen öffnen um Punkt acht Uhr abends die Fenster ihrer Wohnungen und stimmen einen Solidaritäts-Chor in den sternenklaren Himmel an. „Wuhan, Jiāyóu!“, rufen sie immer und immer wieder. Ein Idiom, das sich am ehesten mit „auftanken“ übersetzen lässt und als Durchhalteparole gemeint ist.

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Coronavirus: Zahl der Todesopfer in China steigt auf 425

Trotz der massiven Schutzvorkehrungen konnte die Ausbreitung des Coronavirus in China bislang nicht gebremst werden. Über Nacht stieg die Zahl der bestätigten Infektionen und Todesfälle durch das Coronavirus in China erneut sprunghaft. Wie die chinesische Gesundheitsbehörde mitteilte, gab es bis Dienstag 20.438 bestätigte Erkrankungen - 3225 neue Fälle im Vergleich zum Vortag. Die Zahl der Todesopfer stieg demnach um 64 auf 425. Es war erneut der bisher stärkste Anstieg der Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus und der Todesfälle innerhalb eines Tages.

In der chinesischen Provinz Zhejiang wird die Körpertemperatur der Passanten überprüft
Foto: AP/Chinatopix

In Hongkong gab es den zweiten Toten außerhalb Festland-Chinas. Die Krankenhausbehörde bestätigte den Tod eines 39-Jährigen. Wie die „South China Morning Post“ berichtete, hatte der Mann die schwer vom Virus betroffene Stadt Wuhan in Zentralchina besucht. Nach Behördenangaben litt der Mann an Diabetes. Sein Zustand sei zunächst stabil gewesen und habe sich dann plötzlich verschlechtert. Zuvor war auch ein Patient auf den Philippinen gestorben. Weltweit sind rund 200 Infektionen in rund zwei Dutzend Ländern bestätigt.

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Rund jeder 50. Erkrankte stirbt am Coronavirus

Die Sterblichkeitsrate der Lungenkrankheit in China liegt im Schnitt bei 2,1 Prozent. Das bedeutet, dass rund jeder 50. nachweislich Erkrankte an dem Virus stirbt. In der schwer betroffenen Metropole Wuhan erreicht die Mortalität allerdings 4,9 Prozent, wie Jiao Yahui von der Gesundheitskommission berichtete. In der gesamten Provinz Hubei, dessen Hauptstadt Wuhan ist, sind es demnach 3,1 Prozent.

In Deutschland sind bislang zwölf Fälle von Infizierten bekannt. Zehn stehen in Zusammenhang mit dem bayerischen Autozulieferer Webasto - darunter sind zwei Kinder eines Mitarbeiters. Bei Webasto war eine infizierte Kollegin aus China zu Gast gewesen, die ihre Erkrankung erst auf dem Rückflug bemerkt hatte. Außerdem war das Virus bei zwei Passagieren festgestellt worden, die am Wochenende mit einem Bundeswehrflugzeug aus Wuhan zurückgeholt worden waren.

Ein Ende der Epidemie ist noch nicht in Sicht. Chinesische Experten schätzen, dass der Ausbruch ihren Höhepunkt in 10 bis 14 Tagen erreichen könnte. Dafür müssten aber vorbeugende Maßnahmen verstärkt werden. An der neuen Lungenkrankheit sind in Festland-China mittlerweile mehr Menschen gestorben als an der Sars-Pandemie vor 17 Jahren. Bei der Sars-Pandemie (Schweres Akutes Atemwegssyndrom) 2002/2003 hatte es 349 Todesfälle in Festland-China gegeben. Hinzu kamen 299 Tote in Hongkong. Weltweit waren es 774 Tote.

Einreisebeschränkungen erlassen

Mehrere Länder wie Taiwan, die USA, Australien oder Neuseeland haben inzwischen Einreisebeschränkungen für Chinesen oder Ausländer erlassen, die aus China kommen. Auch haben mehrere Staaten ihre Bürger mit Sonderflugzeugen aus der weitgehend abgeschotteten Stadt Wuhan zurückgeholt.

In Belgien gibt es den ersten Fall einer Infektion. Der Patient war am Sonntag von China nach Belgien zurückkehrt und wird in einem Brüsseler Universitätskrankenhaus behandelt. Nachgewiesene Fälle gibt es laut WHO auch in Spanien, Italien, Großbritannien, Frankreich, Schweden und Finnland.

Casinos wegen Coronavirus geschlossen

Wegen des Virus schließt das Glücksspiel-Eldorado Macao seine Casinos für einen halben Monat. Der Regierungschef der chinesischen Sonderverwaltungsregion, Ho lat Seng, ordnete die Schließung an, nachdem neun der zehn Virus-Fälle in Macao in der Glücksspielindustrie festgestellt worden waren. Damit verliert Macao seine wichtigste Einnahmequelle. Die Umsätze in der ehemaligen portugiesischen Enklave sind größer als in Las Vegas.

In Wuhan stampften die Behörden in Rekordzeit eine neue Klinik mit tausend Betten aus dem Boden. Das Krankenhaus empfing am Dienstag nach nur zehn Tagen Bauzeit die ersten Coronavirus-Patienten, wie chinesische Staatsmedien berichteten.

China räumt „Unzulänglichkeiten und Defizite“ ein

Chinas Führung hat unterdessen „Unzulänglichkeiten und Defizite“ in der Reaktion auf den Ausbruch der neuartigen Lungenkrankheit eingeräumt. Nach einem Treffen unter Vorsitz von Staats- und Parteichef Xi Jinping ließ das Politbüro nach Angaben des Staatsfernsehens vom Dienstag mitteilen: „Wir müssen die Erfahrungen zusammenfassen und Lehren daraus ziehen.“ Das nationale Krisenmanagement müsse verbessert werden. Das Gesundheitssystem solle auf den Prüfstand kommen - und „Mängel“ müssten beseitigt werden.

Im Kampf gegen die Lungenkrankheit forderte Chinas Präsident Xi Jinping auf dem Treffen des Politbüros „rasche und entschlossene“ Maßnahmen, wie die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua berichtete. Er rief zu einer „strikten Durchsetzung“ von Anordnungen und Verboten auf. Im Kampf gegen die Epidemie gehe es nicht nur um Leben und Gesundheit der Menschen, sondern auch um die wirtschaftliche und soziale Stabilität.

Die Versorgung mit medizinischem Schutzmaterial müsse gesichert und die Infektions- und Sterblichkeitsrate gesenkt werden, wurde auf dem Parteitreffen weiter betont. Parteikomitees und Regierungen auf allen Ebenen wurden aufgerufen, die Epidemie unter Kontrolle zu bringen, aber auch „die Ziele der wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung“ in diesem Jahr zu erreichen. Der Ausbruch sei ein „wichtiger Test für Chinas System und die Fähigkeit zur Regierungsführung“.

Bei dem Treffen wurde auch eine entschlossene Umsetzung des gerade erlassenen Verbots für den Handel mit wilden Tieren gefordert. Es müsse entschieden gegen illegale Märkte mit Wildtieren vorgegangen werden, so das Politbüro. Die Behörden vermuten, dass das neuartige Coronavirus von Wildtieren von einem Markt in Wuhan ausgegangen war. Die ersten Infektionen traten bei Besuchern des Marktes auf.