Dreifacher Schutz: Ein Iraner säubert einen Bus in Teheran von möglichen Coronaviren. 
Foto: afp/Atta Kenare

Seltsame Vermutungen kursierten vor 63 Jahren, als sich die sogenannte Asiatische Grippe über die Welt verbreitete: Haben vielleicht radioaktive Strahlen die Grippeviren so mutiert, dass sie eine Pandemie auslösten? Das fragte ein britischer Biochemiker. Darauf antwortete der Bakteriologe und Serologe Heinrich Lippelt, Leiter der Norddeutschen Grippezentrale, im September 1957 in der Wochenzeitung Die Zeit.

Er führte aus, dass nicht Radioaktivität dazu geführt hatte, dass in Fernost ein Grippevirus mutierte. In Wirklichkeit hatte sich ein menschliches Virus mit einem Geflügelpest-Virus neu kombiniert. Daraus entstand das neue Virus A/Singapore 1/57.

Interessante Parallelen zu 1957

Gewiss, die Pandemie, die zurzeit durch das neue Coronavirus Sars-CoV-2 droht, hat andere Ursachen. Eine andere Virus-Familie wird hier aktiv. Dennoch sind die Parallelen zu 1957 interessant. Auch die Asiatische Grippe brach in China aus. Sie verbreitete sich schnell über den asiatischen Raum – „im Radfahrertempo“, wie es damals hieß, täglich um 100 bis 150 Kilometer. Sie sprang auf den Vorderen Orient über, nach Afrika und Südamerika. Zu „Gruppenerkrankungen“ kam es auch in Europa und Nordamerika.

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Die Ansteckungsrate über Tröpfcheninfektion war sehr hoch. Allein in Thailand erkrankten 550.000 Menschen, von denen allerdings nur 89 starben. Im Iran gab es einen Todesfall unter 84.000 Erkrankten, wie Lippelt berichtete. Man schätzt, dass damals etwa 20 Prozent der Weltbevölkerung erkrankten. 0,4 Prozent starben, insgesamt eine bis zwei Millionen Menschen. 1968 folgte eine weitere große Pandemie, die Hongkong-Grippe, die weltweit 700.000 Menschen das Leben kostete.

An jene beiden Grippe-Pandemien erinnerte vor einigen Tagen Christian Drosten, Virologe der Berliner Charité. Seiner Meinung nach deuteten die Daten der aktuellen Ausbrüche von Covid-19 außerhalb Chinas darauf hin, dass sich die Wahrscheinlichkeit, daran zu sterben, eher im Bereich von 0,2 Prozent bewege. Dies ähnle der Sterblichkeit bei den Pandemien von 1957 und 1968.

WHO: Keine unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus

Bis jetzt spricht die Weltgesundheitsorganisation (WHO) bei Covid-19 allerdings nicht von einer Pandemie, sondern von Epidemien in einzelnen Ländern. Es gebe bislang keine unkontrollierte Ausbreitung des Coronavirus, heißt es.

Wie reagierten die Gesundheitssysteme auf die damaligen Grippe-Pandemien? In der DDR zum Beispiel wurde 1970 in Folge der Hongkong-Grippe ein „Führungsdokument“ etabliert. Erstmals wurde hier definiert, was eine Epidemie und eine Pandemie sind. Daraufhin legte man zentral gesteuerte Maßnahmen für mehrere Phasen fest. Das geschah Jahrzehnte bevor die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ähnliche Dokumente verabschiedete.

Bereits die Grippepandemie von 1957 aber hatte generell die Aufmerksamkeit geschärft. 1968 konnte man schon etwas schneller reagieren, denn ein neuer Ausbruch der Asiatischen Grippe war lange erwartet worden. Thomas Francis, ein amerikanischer Arzt, der damals zufällig in Hongkong weilte, hatte in einer örtlichen Abendzeitung vom Ausbruch der Grippe gelesen. Er alarmierte seine Kollegen, unter anderem den renommierten Virologen Hideo Fukumi in Japan.

Genetische Veränderlichkeit bringt neue Stämme hervor 

Forscher in Hongkong isolierten den Erreger und schickten ihn an das Grippe-Zentrum der WHO in London. Wieder war eine Neukombination von Geflügelpest- mit menschlichen Influenzaviren aufgetreten. Fukuma gab die Parole aus, schnellstmöglich einen Impfstoff herzustellen. In Deutschland, wo schließlich amerikanische Soldaten das Virus in die Pfalz einschleppten, war es innerhalb eines halben Jahres gelungen, einen Impfstoff gegen neue das Virus A/H3N2 zu entwickeln. Millionen Menschen wurden damit geimpft.

Londoner Büro 1969: Frauen versuchen, sich vor der Hongkong-Grippe zu schützen. 
Foto: dpa

Die genetische Veränderlichkeit der Influenza-Viren bringt regelmäßig neue Stämme und und Subtypen hervor, die Pandemien auslösen können. Die WHO hat deshalb sechs Pandemie-Warnstufen eingeführt, die zum Beispiel bei der sogenannten Schweinegrippe-Pandemie 2009 angewendet wurden, der bisher letzten Grippe-Pandemie. Auch hier konnte ein Impfstoff entwickelt werden. In Deutschland erkrankten von 2009 bis 2010 etwa 226.000 Menschen, 258 starben. Die meisten Menschen hatten von der Pandemie kaum etwas mitbekommen. Viele ließen sich nicht einmal impfen.

Solche Beispiele relativieren den Begriff Pandemie. Für die einzelnen Länder stellt sich eine Pandemie nicht anders dar als eine größere saisonale Krankheitswelle, wie sie immer wieder auftreten. Bei den heute so dramatisch wirkenden Grippe-Pandemien von 1957 und 1968 starben in Deutschland 10.000 und 30.000 Menschen. Zum Vergleich: Der saisonalen Grippewelle 2017/18 fielen in Deutschland 25.100 Menschen zum Opfer – und es war kaum ein Thema in der Öffentlichkeit.

Komplikationen vor allem bei Älteren

Nicht die Gefährlichkeit der Krankheit an sich sei das Problem bei einer Pandemie, sagte der Virologe Christian Drosten im ZDF-Morgenmagazin. Covid-19 trete überwiegend wie eine Erkältungskrankheit auf, „mit sehr milden, vollkommen harmlosen Symptomen bei den meisten Menschen“. Schwangere schienen – anders als bei der Virusgrippe – kaum gefährdet zu sein. Kinder könnten zwar erkranken, hätten aber keine schweren Symptome. Komplikationen gebe es vor allem bei Älteren.

Das große Problem einer Pandemie sieht Drosten darin, dass sich die Medizinstrukturen in vielen Teilen der Welt gleichzeitig mit ganz vielen Patienten beschäftigen müssten. „Wie gut wir darauf vorbereitet sind, hängt allein davon ab, wie schnell sich das Ganze verbreitet“, sagte Drosten. „Wenn alle diese Fälle innerhalb von ein paar Wochen auf einmal kommen, haben wir ein Riesenproblem in allen Ländern, auch in Deutschland.“

Wenn es den Behörden aber gelinge, die Ausbreitung zu verlangsamen, „werden wir das auch manövrieren können“. Man müsse das jetzige Zeitfenster nutzen und Ressourcen freisetzen, um mit dieser Sondersituation umzugehen. Man müsse auch schauen: „Wo wird Geld gebraucht im Gesundheitssystem? Wo haben wir vielleicht in den letzten zehn Jahren auch zu viel rausgespart an Reserven? Wo muss man jetzt Sondermittel liefern?“

Robert-Koch-Institut: Keine Abriegelung von Städten 

In der Abriegelung von Städten und größeren Quarantänemaßnahmen sieht Drosten kaum einen Sinn. Das Virus sei auf diese Weise nicht gut einzudämmen, sagte er. Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in Berlin mitteilt, besteht die gegenwärtige Strategie darin, Zeit zu gewinnen, mehr über die Eigenschaften des Virus zu erfahren, Risikogruppen zu identifizieren, Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Gruppen vorzubereiten, Behandlungskapazitäten in Kliniken zu erhöhen, antivirale Medikamente und die Impfstoffentwicklung auszuloten.

Ein Zusammentreffen mit der aktuellen Influenzawelle soll vermieden werden. Seit Herbst gibt es hier bereits 80.000 bestätigte Erkrankungen mit 130 Todesfällen.