Eine Biologielaborantin  mit Proben für Corona-Tests. Aber es geht nicht nur darum, die aktuell Erkrankten zu identifizieren. Auch die Rückschau ist wichtig.
Foto: dpa/Daniel Bockwoldt

BerlinIm stark von der Corona-Epidemie betroffenen Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen hat gerade eine Studie begonnen. Ein etwa 40-köpfiges Team um den Virologen Hendrik Streeck, Professor an der Universitätsklinik in Bonn, erforscht vier Wochen lang die bisherigen Verläufe der Corona-Infektionen. Tausend Einwohner in der Gemeinde Gangelt werden in einer Art Stichprobe untersucht.

In München startet eine ähnliche Studie. Forscher nehmen in den nächsten Wochen Blutproben von 4500 Menschen aus 3000 zufällig ausgewählten Haushalten, um Antikörper gegen das Coronavirus zu finden. Die sogenannten Antikörpertests sollen eine Antwort auf die Frage bringen, wie viele Menschen sich wirklich mit Sars-CoV-2 infiziert haben – möglicherweise ohne es zu merken. Denn bei einem großen Teil der Betroffenen läuft die Krankheit fast ohne Symptome ab. Oder zumindest so mild, dass sich viele gar nicht erst testen ließen.

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Die Forscher wollen ermitteln, wie hoch die Dunkelziffer in der Corona-Epidemie ist. Das ist wichtig, um endlich zu erfahren, wer bereits gegen das Virus immun ist. Virologen sprechen von „stiller Feiung“. Eventuell gibt es auch Menschen, die gar nicht erkranken, weil sie eine Kreuzimmunität gegen das neue Coronavirus besitzen. So etwas wurde bereits von Forschern des Robert-Koch-Instituts (RKI) angedeutet.

Am Ende geht es darum, die wirklichen Anteile der schweren Verläufe und Sterbefälle bei Covid-19 zu ermitteln, um daraus unter anderem Schlüsse zu ziehen, wie die Maßnahmen der nächsten Monate aussehen könnten: Kann man Schulen und Geschäfte großzügiger wieder öffnen, Kontakte wieder zulassen? Oder muss man die gegenwärtigen Maßnahmen weiter durchhalten? Auch könnte man bereits Immunisierte vielleicht in Kliniken, bei der Pflege und anderen Bereichen einsetzen, wie Forscher vor kurzem vorgeschlagen haben.

Niemand kennt die wirklichen Zahlen

Im Grunde weiß niemand, wie hoch die Zahlen wirklich sind. Auch die viel gelobte „Echtzeit“-Weltkarte der US-amerikanischen Johns Hopkins University zeigt nur die Zahl der „positiv Getesteten“, nicht die der wirklich Infizierten. Wie nah die angegeben Zahlen an der Wirklichkeit sind, hängt von vielem ab: Wie umfangreich sind die Tests in einem Land? Zu welchem Zeitpunkt der Pandemie haben sie begonnen? Werden auch Leute mit leichten Verläufen getestet oder nur die mit ausgeprägten Symptomen (und davon nicht einmal alle)? Die Dunkelziffer könnte sehr groß sein.

„Je nach Experten ist davon die Rede, dass sich fünf- bis zehnmal mehr Menschen infizieren als nachgewiesen werden“, sagte er Statistikexperte Gerd Antes von der Medizinischen Universität Freiburg dem Spiegel. Eine Forschergruppe aus London und New York hatte bereits in einer Studie vorgerechnet, dass in der Anfangszeit des Ausbruchs in China sechs von sieben Fällen unbemerkt geblieben sein könnten.

Zu einer noch drastischeren Schlussfolgerung kommen Christian Bommer und Sebastian Vollmer, zwei Entwicklungsökonomen der Universität Göttingen, in einer am Montag verbreiteten Publikation. Sie vermuten, dass weltweit bisher nur etwa sechs Prozent aller Infektionen nachgewiesen wurden. In Großbritannien seien es sogar nur 1,2 Prozent, in den USA 1,6 Prozent, in Spanien 1,7 Prozent und in Italien 3,5 Prozent. In Wirklichkeit könnte es bereits „mehrere zehn Millionen“ Infizierte weltweit geben, heißt es in einer Mitteilung der Uni Göttingen.

In Deutschland seien bisher nur 15,6 Prozent aller Infektionen festgestellt worden, vermuten die Göttinger Forscher. Bis zum 31. März könnten hierzulande bereits 460.000 Infektionen aufgetreten sein. Für ihre Hochrechnungen nutzten die Wissenschaftler Schätzungen zur „Mortalität von Covid-19 und der Zeit bis zum Tod“, wie sie kürzlich in der Fachzeitschrift The Lancet Infectious Diseases erschienen.

Die Sterberate ist vermutlich viel geringer

Hochrechnungen aus geschätzten Sterberaten heraus sind umstritten. Denn damit zäumt man sozusagen das Pferd von hinten auf. In heutige Dunkelziffer-Rechnungen müsste man auch die strikten Kontaktverbots-Maßnahmen mit einbeziehen, die seit Wochen eine Ausbreitung zumindest verlangsamen und damit auch die Dunkelziffer verkleinern. Erst aus wirklich belastbaren Schätzungen zur Gesamtzahl der Infizierten wird man dann auch Aussagen dazu treffen können, wie hoch der Anteil der Sterbefälle bei Covid-19 im Durchschnitt ist.

Bisherige Zahlen lassen kaum zuverlässige Aussagen zur Sterblichkeit zu. Die veröffentlichten Sterberaten variieren stark: von 0,6 Prozent (Israel), über 1,7 Prozent (Deutschland), 4 Prozent (China), 6,2 Prozent (Iran) bis 12 Prozent (Italien). Weltweit liegen sie bei 5,6 Prozent. Die Zahlen hängen unter anderem von den konkreten Bedingungen in den jeweiligen Ländern ab, den kulturellen Unterschieden, dem Gesundheitssystem und der Altersstruktur der Bevölkerung.

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„Eine hohe Dunkelziffer wäre das Beste“, sagte Alexander Kekulé, Virologe und Institutsdirektor an der Universität Halle-Wittenberg, in einem Radio-Podcast. Denn damit seien bereits sehr viele Menschen gegen das Virus immun, die Letalität sei geringer als befürchtet, und man könne die Gesellschaft wieder etwas großzügiger öffnen. Aber er dämpfte die Hoffnung auf eine sehr hohe Dunkelziffer in Deutschland. Er verwies auf Daten aus Südkorea, die seiner Meinung nach relativ zuverlässig seien. Auch wegen der flächendeckenden Tests. Einem entdeckten Coronafall stehen hier etwa drei unentdeckte Fälle gegenüber. Die Sterblichkeit liegt in diesem Fall bei etwa 0,2 Prozent. Von 500 Infizierten stirbt einer.

Bei der Ermittlung der wirklichen Todeszahlen spielt aber auch noch etwas anderes eine Rolle. Es sei oft gar nicht klar, ob jemand „am“ Coronavirus oder „mit“ dem Coronavirus gestorben sei, sagen Experten. „Nehmen wir etwa eine Person, die schwer herzkrank ist“, sagte der Statistikexperte Gerd Antes. „Wenn sie sich nun mit dem Coronavirus infiziert und stirbt, war dann das Herzleiden entscheidend oder das Virus?“ Die Hamburger Gesundheitsbehörde teilte bereits mit, nur noch diejenigen für die Corona-Statistik zu melden, die nachweislich an Covid-19 gestorben seien. Und Gerd Antes sagte, dass man ohnehin erst am Jahresende in der jährlichen Todesstatistik sehen werde, „wie viele Menschen durch das Coronavirus in diesem Jahr zusätzlich gestorben sind“.

Das Virus kam schon sehr früh in die USA

Die Dunkelziffer interessiert aber auch im Zusammenhang mit der Erforschung der wirklichen Ausbreitung des Coronavirus. Dieses besteht aus dem RNA-Molekül. Das Erbgut umfasst 30 000 Buchstaben, und hier gibt es gelegentlich kleine Veränderungen, die Experten erkennen können. So entdeckten sie zum Beispiel, dass sich eine ganz frühe Virusvariante aus China recht häufig in den USA findet. Der Berliner Virologe Christian Drosten sagte, „dass die USA wahrscheinlich schon relativ früh viele Eintragungen aus China hatten, die sie nur nicht bemerkt haben“.

Inzwischen konnte man tatsächlich rekonstruieren, welchen Weg das Virus innerhalb der USA nahm. Im US-Bundesstaat Connecticut an der Ostküste zum Beispiel fand sich in vielen Proben dieselbe Virusvariante, die bereits Mitte Januar im US-Bundesstaat Washington an der Westküste gefunden wurde. Über Inlandflüge gelangte das Virus von West nach Ost.

Wenn sich das Virus bereits seit Januar ungehindert in den USA ausbreitete, könnte dort die Dunkelziffer weitaus höher sein. Am Dienstag wurden in der Statistik etwa 368.500 Infizierte aufgeführt. Doch die Forscher aus Göttingen schätzen, dass in den USA bereits mehr als zehn Millionen Menschen infiziert sein könnten. Auch wenn diese Zahl vielleicht nicht ganz so hoch ist, könnte sie wirklich in die Millionen gehen.

Über Virus-Untersuchungen konnte auch geklärt werden, dass die große Infektionswelle in Italien nicht von Deutschland ausgegangen ist, wie man vor allem in Italien vermutet hatte. In Bayern gab es Ende Januar 2020 einen ersten Corona-Ausbruch beim Münchener Autozulieferer Webasto. Die ersten vier Patienten infizierten sich mit der frühen Virusvariante, die direkt aus China kam. Dann mutierte das Virus plötzlich im Hals einer Patientin, und alle weiteren Übertragungsgenerationen gingen von diesem Fall aus, wie der Virologe Christian Drosten sagte. In Italien jedoch findet sich vor allem das ursprüngliche Virus aus China. Für Drosten ist es „extrem unwahrscheinlich“, dass es von den ersten drei Patienten aus München dort hingebracht wurde. Also gab es einen direkten Weg über Flüge von Asien nach Italien.

Virologen hoffen nun auf die beiden Studien in Heinsberg und München, um endlich belastbare Zahlen zur Situation in Deutschland zu bekommen. Für Alexander Kekulé ist die Heinsberger Studie nicht ganz so interessant, weil der Ausbruch hier von einem ganz konkreten Volksfest ausgegangen sei. In Bayern jedoch sei das Virus von verschiedenen Seiten verbreitet worden. Hier könnte man gute Schätzwerte ermitteln. Es sei eine repräsentative Stichprobe, sagte Kekulé. Man könne die Ergebnisse hochrechnen – genau wie Einschaltquoten beim Fernsehen.