Covid-19 verläuft bei Kindern mild: ein bisschen Husten und Halsweh oder auch mal leichter Durchfall.
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BerlinBei Corona scheint alles anders zu sein. Kinder gelten meist als besonders gefährdet für Infektionen, doch vor Covid-19 sind sie offenbar besser geschützt als Erwachsene. Aktuellen Studien zufolge stecken sich Kinder zwar ähnlich leicht mit dem Erreger Sars-CoV-2 an. Aber sie erkranken nach bisherigen Erfahrungen sehr viel seltener an Covid-19 als erwachsene Menschen. Und wenn doch, haben sie meist viel mildere Symptome: ein bisschen Husten und Halsweh vielleicht oder auch mal leichter Durchfall. An Fieber hingegen leidet vermutlich nur etwa jedes dritte mit Sars-CoV-2 infizierte Kind.

Woran das liegt, können Wissenschaftler derzeit noch nicht mit Sicherheit sagen. „Zunächst einmal verfügen junge Menschen in der Regel über ein besseres Immunsystem als ältere“, sagt Thomas Kamradt, der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Immunologie (DGfI) und Leiter des Instituts für Immunologie am Universitätsklinikum Jena.

Viren dringen vermutlich nicht so leicht in Zellen ein

Darüber hinaus könnte es Kamradt zufolge aber noch einen weiteren, spezifischeren Grund geben, warum Covid-19 bei Kindern milder verläuft: „Womöglich produziert ihr Körper geringere Mengen eines Proteins, das auf der Oberfläche von Zellen sitzt und dem Virus dort quasi als Türöffner dient“, sagt der Immunologe. „Wenn das so ist, würden weniger Viren in die Zellen gelangen.“ Nur in den Zellen aber können sich die Erreger vermehren.

Marcus Mall, der Leiter der Klinik für Pädiatrie mit Schwerpunkt Pneumologie, Immunologie und Intensivmedizin an der Charité - Universitätsmedizin Berlin, kann sich darüber hinaus noch vorstellen, dass die Immunantwort der Kinder auf das Virus anders verläuft als bei Erwachsenen und daher zu einer weniger schweren Schädigung der Lungen führt. „Fakt ist aber, dass wir die Gründe, aus denen Kinder meist leichter erkranken, noch nicht wirklich kennen“, sagt Mall. Dazu sei die Krankheit einfach noch zu neu.

Unter 45.000 Fällen in Shenzen nur ein Prozent Kinder

Für die bisher größte Studie zum Verlauf von Covid-19 haben Wissenschaftler der chinesischen Gesundheitsbehörde CCDC (Chinese Center for Disease Control and Prevention) knapp 45.000 Fälle der Viruserkrankung untersucht. Demnach fanden sich unter den Patienten gerade einmal 416 Kinder unter neun Jahren. Das entspricht rund einem Prozent. Ältere Kinder und Jugendliche zwischen neun und 19 Jahren machten 1,2 Prozent der Fälle aus. Bisherigen Beobachtungen zufolge zeichnet sich in anderen Ländern ein ähnliches Bild ab.

Was Schwangere wissen sollten

Schwangere scheinen Daten aus China zufolge kein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf zu haben. Covid-19 scheint nicht auf das Kind im Mutterleib übertragbar zu sein.

Die Infektion: Nach bisherigen Erkenntnissen ist zu erwarten, dass die große Mehrheit der schwangeren Frauen nur leichte oder mittelschwere Symptome, ähnlich einer Erkältung beziehungsweise Grippe aufweist.

Kinder: Eine Übertragung auf das neugeborene Kind ist über den engen Kontakt und eine Tröpfcheninfektion möglich. Derzeit gibt es keine Hinweise darauf, dass Sars-CoV-2 über Muttermilch übertragen werden kann, teilt die Deutsche Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe mit.

Ob Kinder sich tatsächlich seltener anstecken oder ob ihr Körper nur anders auf die Infektion mit Sars-CoV-2 reagiert, haben Forscher der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health in Baltimore untersucht. Qifang Bi und seine Kollegen analysierten dazu 391 Covid-19-Fälle in der chinesischen Stadt Shenzhen sowie 1.286 enge Kontakte der Patienten. Ihrer Studie zufolge steckten sich Kinder sogar noch etwas häufiger an als Erwachsene. Bei Kindern unter zehn Jahren lag die Infektionsrate bei 10,7 Prozent. Betrachteten die Wissenschaftler alle Altersgruppen zusammen, waren es 7,9 Prozent.

In einer anderen Studie haben Mediziner aus Shenzhen 15 positiv auf Sars-CoV-2 getestete Kinder zwischen vier und 14 Jahren genauer untersucht. Nur fünf der Kinder hatten Symptome wie Husten und Fieber entwickelt. CT-Aufnahmen zeigten allerdings, dass immerhin neun Kinder in ihren Lungen typische Zeichen einer Entzündung aufwiesen. Inwieweit diese Ergebnisse repräsentativ sind, bleibt aber noch abzuwarten.

Ansteckend auch ohne Symptome?

Unklar ist bislang auch, wie ansteckend ein mit dem Coronavirus infiziertes Kind ist, das kaum oder gar keine Krankheitssymptome zeigt. „Fest steht, dass infizierte Kinder das Virus ausscheiden und damit andere Menschen potenziell anstecken können“, sagt Melanie Brinkmann, die Leiterin der Arbeitsgruppe Virale Immunmodulation am Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (HZI) in Braunschweig.

Allerdings wisse man von anderen Infektionserkrankungen, dass Kinder beim Husten oder Niesen aufgrund des kleineren Volumens ihrer Lungen weniger Erreger an die Umgebung abgeben, als es Erwachsene tun, sagt der Berliner Mediziner Mall. Aus diesem Grund seien Kinder in der Regel auch etwas weniger infektiös. „Ob das allerdings bei Covid-19 – einer Erkrankung, die ja ebenfalls überwiegend per Tröpfcheninfektion weitergegeben wird – genauso ist, wissen wir noch nicht mit Sicherheit“, sagt Mall.

Er und der DGfI-Präsident Kamradt halten es zudem für sehr wahrscheinlich, dass selbst Kinder, die völlig symptomfrei bleiben, den Erreger übertragen können. Zumindest kenne man solche Fälle von anderen Viruserkrankungen, sagt Kamradt. Wie lange die Kinder ansteckend sind, ist noch unbekannt. Mall geht davon aus, dass es sich um einen Zeitraum von mehreren Wochen handelt.

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Was tun, wenn das Kind hustet?

Wie man mit Kindern, die beispielsweise husten, zurzeit am besten umgeht, ist für die Experten ebenfalls eine nur schwer zu beantwortende Frage. „Die Labordiagnostik in Deutschland hat gar nicht die Kapazitäten, jetzt alle Menschen, die an Erkältungssymptomen leiden, auf das neue Coronavirus zu testen“, sagt die Braunschweiger Virologin Brinkmann. Von daher empfiehlt sie, Kinder derzeit – insbesondere wenn sie husten – vor allem von älteren Menschen, also auch von den Großeltern, und solchen mit Vorerkrankungen fernzuhalten.

Auch könne man insbesondere größere Kinder dazu anhalten, mehr Abstand als sonst zu Freunden und anderen Menschen einzuhalten, sich beispielsweise nicht mehr zu umarmen oder einander die Hand zu geben, sagt Brinkmann. „Gerade im häuslichen Umfeld ist es aber fast unmöglich, eine Ansteckung untereinander mit Sicherheit zu vermeiden – zumindest bei symptomfreien Verläufen der Erkrankung“, betont sie.

Kein Besuch bei Großeltern

„Sehr viele Kinder husten zurzeit“, sagt Mall. Schließlich sei auch die Erkältungssaison noch immer in vollem Gange. Seine Empfehlung sei daher, diese Kinder ganz normal am Leben teilhaben zu lassen – zumindest so normal, wie es unter den momentanen Umständen möglich ist – und erst dann einen Arzt aufzusuchen oder den Kontakt zu Geschwistern zu begrenzen, wenn andere Symptome, etwa Fieber, hinzukommen. Zu erhöhter Vorsicht rät allerdings auch Mall, wenn es beispielsweise um einen Besuch bei den Großeltern oder anderen Bezugspersonen mit einem erhöhten Erkrankungsrisiko geht. „Diese Kontakte sollten derzeit so weit wie möglich vermieden werden“, empfiehlt der Mediziner.

Inwieweit deutschlandweite Schulschließungen die richtige Maßnahme sind, um den Verlauf der Epidemie zu begrenzen, vermögen die Experten nicht mit Sicherheit zu sagen. „Natürlich ist der Stopp aller sozialen Kontakte die sicherste Methode, um die Verbreitung des Erregers einzudämmen“, sagt Mall. Allerdings hätten flächendeckende Schließungen von Kitas und Schulen einen ganz erheblichen Einfluss auf die Gesellschaft, den man nicht außer Acht lassen könne. „Sinnvoll ist es vermutlich, die Entscheidung regelmäßig neu zu bewerten und davon abhängig zu machen, wie viele Infizierte es in der Region jeweils gibt – und wie das Gesundheitssystem mit der Versorgung derjenigen Covid-19-Patienten, die eine schwere Lungenerkrankung entwickelt haben, zurechtkommt“, sagt Mall.

Zwei Meter Abstand

„Die Zahlen und Ereignisse ändern sich derzeit täglich“, ergänzt Brinkmann. Erst seit ein paar Tagen sei es offensichtlich, dass man ohne Maßnahmen, die die Ausbreitung des Erregers verlangsamen, in eine Katastrophe laufen würde – mit viel zu hohen Zahlen von behandlungsbedürftigen Patienten. „Daher sind nun drastische Maßnahmen zum Abbremsen der Neuinfektionen absolut geboten und müssen schnellstmöglich über Schulschließungen weit hinausgehen“, fordert sie. Nicht nur alle öffentliche Einrichtungen müssten geschlossen werden, auch private Feiern sollten abgesagt werden.

Insbesondere für Eltern hält Brinkmann, die selbst Mutter ist, noch ein paar weitere wichtige Ratschläge bereit: „Gehen Sie mit Ihren Kindern auch weiterhin an die frische Luft, sorgen Sie für Bewegung und geistige Beschäftigung.“ Allerdings sollte auch draußen, so rät sie, zu anderen Menschen wenn irgendwie möglich ein Abstand von mindestens zwei Metern eingehalten werden.