Herstellung von Atemschutzmasken: China kommt mit der Produktion nicht hinterher.
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BerlinEs war sicherlich keine gute Wahl für einen Ausflug über die Neujahrstage: Zu siebt hatte die chinesische Familie den Abstecher ins 900 Kilometer entfernte Wuhan gemacht. Zurück in Shenzhen, in Hongkongs Nachbarschaft, fanden sich fünf Familienmitglieder bald mit einer Lungenentzündung im Krankenhaus wieder, so war gerade in der Fachzeitung Lancet zu lesen. Auch bei einem augenscheinlich gesunden Reisenden wurde das neue Corona-Virus entdeckt. Nicht angesteckt hatte sich nur ein siebenjähriges Kind, es hatte unterwegs fast immer eine Atemschutzmaske getragen.

In der Epidemieregion darf man ohne einen solchen Mundschutz, wie ihn auch Ärzte im Operationssaal tragen, Restaurants, Einkaufszentren oder Parks nicht mehr betreten. China braucht nach eigenen Angaben „dringend“ Atemmasken und Schutzanzüge, um die Ausbreitung des neuartigen Coronavirus zu stoppen. Die chinesischen Behörden versuchen, Masken aus Europa, Japan und den USA zu importieren.

Aber sind ein paar dünne Schichten Papier und Vlies tatsächlich in der Lage, den sich schnell ausbreitenden Erreger aufzuhalten? Coronaviren sind unvorstellbar winzig. Sie messen nur 60 bis 140 Millionstel Millimeter. Damit sind sie nur mit dem Elektronenmikroskop zu erkennen. Selbst von Profis getragene Atemschutzmasken dichten das Gesicht zwar gegen Geruchsmoleküle, aber nicht gegen ein einzelnes Coronavirus ab. Mit einem Durchmesser von bis zu einem Tausendstel Millimeter sind ihre Poren zu groß dafür.

Dass man sich trotzdem einigermaßen auf sie verlassen kann, verdankt der Mensch vor allem der Tatsache, dass die Viren selten allein unterwegs sind. Sie backen mit Artgenossen und Sekret zu Tröpfchen zusammen – und für die sind die Gitter mit ihren elektrostatischen Kräften ein fast undurchdringliches Hindernis. Dies gilt selbst, wenn sie besonders klein und fein sind und sich als sogenannte Aerosole, also in Form von Schwebeteilchen in einem Gas verbreiten.

Weniger Schmierinfektionen

Außerdem hat der Mensch auch noch in anderer Hinsicht Glück gehabt: Einzeln kann ihm der neue Erreger wenig anhaben. Bei Sars – immerhin ein enger Verwandter des jetzigen Coronavirus 2019-nCoV – müssen einhundert Viren auf einmal in die Lunge eindringen, um ihm ernsthaft gefährlich zu werden. Vor sieben Jahren hat Raina MacIntyre, Professorin für Globale Biosicherheit an der australischen University of New South Wales, die Probe aufs Exempel gemacht. Sie ließ 94 Eltern ihre erkälteten oder grippekranken Kinder mit einem chirurgischen Mundschutz betreuen. Im Vergleich zu ungeschützten Vätern und Müttern steckten sie sich um 60 bis 80 Prozent seltener an.

Ein Grund für diese beeindruckenden Erfolgsraten ist wahrscheinlich, dass zumindest Grippeviren auch in größeren Sekrettropfen von einem Menschen zum anderen fliegen, wie sie sich beim Niesen oder Husten bilden. Und die wiederum werden selbst von einem einfachen Mundschutz oft aufgefangen. Das neue Coronavirus wurde allerdings sehr tief in der Lunge der Kranken entdeckt. Was dafür spricht, dass es in erster Linie nicht als eine solche Tröpfcheninfektion, sondern per Aerosol übertragen wird.

Dennoch geht Raina MacIntyre, die ihr Forscherleben solchen Fragen widmet, davon aus, dass eine OP-Maske auch dieses Mal selbst bei einem Infizierten im eigenen Haushalt jede zweite Übertragung verhindern kann. Vorausgesetzt, sie wird nicht wiederverwendet oder länger als zwei Stunden getragen – denn dann könnten Schutzmasken das Infektionsrisiko womöglich sogar steigern.

Schutz in drei Klassen

Atemschutzmasken: Professionelle Masken gibt es in drei Schutzklassen – FFP1, FFP2 und FFP3. Das Kürzel FFP steht für „Filtering Face Piece“. Die Maske der niedrigste Klasse FFP1 schützt vor allem vor ungiftigen und nicht-fibrogenen Stäuben. Asbest hält sie also nicht auf.

Höherer Schutz. Die Maske der Klasse FFP2 ist geeignet zum Schutz vor gesundheitsschädlichen Stäuben, Rauch und Aerosolen. Die Maske der Klasse FFP3 wird für den Umgang mit krebserregenden Stoffen und Krankheitserregern wie Viren, Bakterien und Pilzsporen empfohlen.

Maßnahmen: Das Robert-Koch-Institut (RKI) empfiehlt Atemschutzmasken vor allem für medizinisches Personal und Pflegende sowie für als Verdachtsfälle eingestufte Patienten. Ansonsten wird „gute Händehygiene, Husten- und Nies-Etikette sowie Abstand zu Erkrankten“ empfohlen.

Mut machen der Forscherin die Erfahrungen mit der Sars-Epidemie, die in den Jahren 2002 und 2003 wütete. Drei von vier Bewohnern von Hong Kong hatten damals solch ein Vlies vor dem Mund. „Das hat die Ansteckungsraten nachweisbar deutlich gesenkt“, sagt die Professorin für Globale Biosicherheit. Vor allem habe die Vermummung verhindert, dass Kranke anderen ihre Viren übertrugen. Ein Grund: Die Ausatemluft wird meist durch den Stoff hindurchgeblasen, beim Einatmen fließt ein großer Teil der Luft um ihn herum. Deshalb profitieren die gesunden Träger womöglich maßgeblich von einem indirekten Effekt. Mit einer Maske vor Mund und Nase fällt es schwer, Viren mit den Händen auf die eigenen Schleimhäute zu übertragen. Etwa 200 Mal am Tag fasst sich der Mensch ins Gesicht, das macht ihn zum wichtigsten Komplizen der Erreger. Regelmäßiges Händewasche sei deshalb eine viel wichtigere Schutzmaßnahme als das Tragen einer Maske, sagt Kathrin Summermatter, die Leiterin des Biosicherheitszentrums des Instituts für Infektionskrankheiten der Universität Bern.

Professionelle Atemschutzmasken wiederum, darin ist sie sich mit Raina MacIntyre einig, sollten dem Gesundheitspersonal vorbehalten bleiben. Dieses ist in Krankenhäusern und Praxen viel höheren Virendosen ausgesetzt, und Nachschub ist nur sehr begrenzt zu haben.   Die Masken gibt es in drei FFP-Schutzklassen. Eine Maske in der höchsten Schutzklasse FFP3 kann tatsächlich 99 Prozent der Erreger abfangen. Das hat bei Sars und Ebola einigen Ärzten und Schwestern das Leben gerettet.

Für den Alltag sind sie dagegen eher eine schlechte Wahl: „Wir tragen diese Masken jeden Tag“, sagt die Schweizerin Kathrin Summermatter. „Länger als drei Stunden möchte die niemand im Gesicht haben“. Es juckt, man schwitzt, bei jedem Luftzug kämpft man gegen den Atemwiderstand der Maske an, das sei auf Dauer ziemlich unangenehm.

Keine Empfehlungen für Masken

Hinzu kommt: Der Laie kann bei der Anwendung einiges falsch machen. Die Maske muss absolut dicht und fest sitzen. Unrasiert oder mit Gesichtsschmuck darf man sie ohnehin nicht tragen. Beim Mundschutz gilt es nur zu beachten, das die Nase ebenfalls bedeckt und alle Schnüre im Nacken verknotet sind. Aber selbst für diese Light-Variante galt in Raina MacIntyre Studie – mehr als die Hälfte der Erwachsenen wollte sie nur sehr unregelmäßig tragen.

Was sagen andere Experten? Bernd Salzberger, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie, sieht das Tragen eines Mundschutzes derzeit nicht geboten, wie er vor einigen Tagen gegenüber der Deutschen Presseagentur erklärte. „Persönlicher Schutz ist im Augenblick vollkommen unsinnig“, sagte er. Auch das Robert-Koch-Institut (RKI) und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gaben keine Empfehlungen für das Tragen eines Mundschutzes gegen das Coronavirus. Patienten, die als Verdachtsfälle eingestuft sind, sollten laut RKI jedoch eine mehrlagige Mund-Nasen-Maske tragen. Experten zufolge helfen Masken vor allem gegen Schmierinfektionen. Diese werden durch den häufigen Griff an Nase und Mund gefördert.