Eine Frau versucht sich mit einem Mundschutz vor dem Virus zu schützen.
Foto: dpa/AP/Vincent Thian

Coronavirus breitet sich aus: Aktuelle Entwicklungen auf einen Blick

  • Aktuell 30 Fälle in Deutschland
  • Coronavirus-Fälle in mindestens 16 europäischen Ländern
  • Größter Ausbruch Europas in Italien: 650 Infizierte, 17 Tote
  • WHO warnt vor einem „pandemischen Potenzial“
  • Spahn: Deutschland steht „am Beginn einer Coronavirus-Epidemie
  • Bundesregierung hat einen Krisenstab eingerichtet

BerlinWir haben es mit einem Virus zu tun, das wir erst seit sehr kurzer Zeit kennen und über das wir fast täglich neue Informationen erhalten“, sagte Lothar H. Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts (RKI), am Donnerstag in Berlin beim ersten Briefing zur Ausbreitung des neuartigen Coronavirus. Von nun an will das RKI an jedem Werktag um 10 Uhr die Öffentlichkeit informieren. Übertragen wird das Briefing unter anderem auf Twitter. Das RKI ist die zentrale Einrichtung des Bundes auf dem Gebiet der Krankheitsüberwachung und -prävention.

Wie schätzt das RKI die Gefährlichkeit des Virus Sars-CoV-2 ein? Laut Wieler ähnelt sein Erbgut dem des Virus Sars-CoV, das 2002/2003 eine Pandemie verursachte. Damals gab es weltweit 8096 registrierte Erkrankte und 774 Todesfälle. Außerhalb Asiens starben 45 Menschen. In Deutschland erkrankten neun Menschen. Hier gab es keinen Toten.

Kein Praxisgang, sondern Arzt telefonisch konsultieren

Beide Erreger stammen aus der Familie der Coronaviren und lösen ein schweres akutes Atemwegssyndrom (Sars) aus. Laut Wieler ist das neue Sars-Virus aber viel leichter übertragbar als das damalige. Schon Menschen mit sehr wenigen Symptomen könnten andere anstecken. Dies passiere vor allem durch Tröpfcheninfektion.

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Deshalb empfiehlt das RKI vor allem banale, aber wirksame Verhaltensregeln: in die Armbeuge niesen und husten, sich oft und gründlich die Hände waschen oder desinfizieren. Wer krank ist, sollte zu Hause bleiben und den Arzt telefonisch informieren, nicht einfach in die Praxis gehen.

Quelle: BzgA

Je mehr Fälle auftreten, desto mehr müsse man sicher auch die Mobilität reduzieren, so das RKI – mit der Absage von Veranstaltungen und Reisen, der Schließung von Massenunterkünften oder der Empfehlung, im Homeoffic statt im Büro zu arbeiten. Da müsse man jeden Tag neu entscheiden. Es gibt laut Wieler aber keinen Anlass dafür, ganze Städte abzuriegeln, wie es etwa in Italien passiert.

Milde Symptome bei etwa 85 Prozent der Erkrankten

Wie hoch die Ansteckungsrate generell ist, konnte das RKI nicht sagen. Als möglicher Richtwert wurde aber das Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ mit ansteckungsfreudigen Bedingungen genannt. Hier hätten sich 20 Prozent der Passagiere angesteckt.

Bereits jetzt sind weltweit mehr als zehnmal so viele Menschen infiziert als während des ganzen Sars-Ausbruches 2002/2003. 47 Länder sind erfasst. Damals waren es 27.

Bei etwa 85 Prozent der Betroffenen träten milde Symptome auf, sagte Lothar H. Wieler. Allerdings erkrankten etwa 15 Prozent schwer. „Das ist eine schwere Krankheitsform.“ Die Rate der Todesfälle bei Covid-19 schätzt das RKI auf ein bis zwei Prozent. Sie sei aktuell etwa fünf- bis zehnmal so hoch wie bei einer Virusgrippe. Diese Raten änderten sich aber auch kontinuierlich. Ein Vertreter der WHO sprach von etwa sieben Verstorbenen pro 1000 Infizierten außerhalb des Epizentrums, der chinesischen Provinz Hubei. Das wären 0,7 Prozent.

Mit dem Zeitgewinn steigt Chance für Therapeutikum

Besonders gefährdet sind laut RKI ältere Menschen ab 60 Jahre, vor allem Patienten mit Vorerkrankungen. Sie sind durch Lungenentzündungen bedroht. Deshalb empfiehlt das RKI Risikogruppen, sich gegen Pneumokokken und Keuchhusten impfen zu lassen, um die Gefahr eines schweren Verlaufs zu verringern.

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Einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 werde es „innerhalb dieses Jahres nicht mehr geben“, sagte Wieler, zumindest nicht für Massen-Impfungen. Forschungen dazu laufen unter anderem in den USA, China, Australien, Kanada, Norwegen und Deutschland. Medienberichten zufolge könnte es bereits Ende April in den USA eine erste Testphase mit einem Impfstoff-Kandidaten geben. Auch in China wurde ein Test angekündigt.

An der Uni in Marburg wird nach einem Impfstoff geforscht. 
Foto: dpa

In Kürze seien auch Hinweise zu erwarten, welche Medikamente gegen das Virus wirken, sagte Wieler. Mit jeder Woche Zeitgewinn steige die Chance, ein Therapeutikum zu finden. Der Vermutung, dass es Mutationen des Virus auf seinem Weg durch die Welt geben könne, widersprach RKI-Präsident Wieler. „Coronaviren ändern sich deutlich weniger als Grippeviren“, sagte er.

Schlimmste Szenario wäre eine Epidemie wie 2017/2018

Bisher ist die Situation laut RKI noch nicht außer Kontrolle. „Natürlich kann es sein, dass wir irgendwann die Kontrolle nicht mehr haben“, sagte Wieler. Aber das RKI verfolge konsequent eine Eindämmungsstrategie („Containment“) mit einem intensivem „Contact Tracing“. Das heißt, möglichst alle Kontaktpersonen eines Infizierten zu finden und unter häusliche Quarantäne zu stellen. Bei den Fällen in Bayern sei es auf diese Weise gelungen, den Ausbruch zu beenden. Insgesamt hätten dort 240 Personen unter Quarantäne gestanden.

Das schlimmste Szenario wäre für Wieler eine Epidemie etwa vergleichbar mit der Grippewelle 2017/2018, bei der es zehn Millionen Arztbesuche und 25.100 Tote gab. Um so etwas zu verhindern, versuche man, die Ausbreitung möglichst zu verlangsamen. Es könnte sein, dass es sich bei Covid-19 um eine saisonale Krankheit handle, die irgendwann abklinge. Wieler sagte: „Wir werden es erst wissen, wenn der Sommer kommt.“