Wie sich abzeichnet, ist das Virus offenbar sehr ansteckend, aber deutlich ungefährlicher als die ebenfalls durch Coronaviren ausgelösten Krankheiten Sars und Mers von 2002/2003 und 2012.
Foto: Charité

Berlin Kann mich das neue Coronavirus treffen? Und warum ruft die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ aus, während hierzulande Experten vor Panik warnen? Diese Fragen bewegen derzeit viele Menschen. Die Sorgen sind verständlich. Denn die Situation ist dramatisch. Doch zugleich kann der Einzelne sich entspannen. Wie lässt sich dieses Paradoxon begründen?

Zunächst zu den Zahlen. Weltweit sollen bisher fast 10.000 Menschen am neuartigen Coronavirus mit dem Namen 2019-nCoV erkrankt sein. Das sind deutlich mehr als bei der Krankheit Sars vor 17 Jahren mit 8096 Erkrankten. Bisher hat das Virus in China 213 Menschenleben gefordert, wie das Robert-Koch-Institut (RKI) mitteilte. Außerhalb Chinas gibt es bisher 120 Infektionen in etwa 20 Ländern und keine Toten.

Lesen Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Epidemie in unserem Newsblog

Deutschland verzeichnete bis Freitag sechs bestätigte Fälle. Fünf davon sind Mitarbeiter des oberbayerischen Autozulieferers Webasto, die sich direkt bei einer infizierten Kollegin aus China angesteckt hatten. Erstmals erkrankte auch das Kind eines Mitarbeiters, wie das bayerische Gesundheitsministerium mitteilte.

Wie sich abzeichnet, ist das Virus offenbar sehr ansteckend, aber deutlich ungefährlicher als die ebenfalls durch Coronaviren ausgelösten Krankheiten Sars und Mers von 2002/2003 und 2012. Es löst Fieber, Husten und Atemnot aus. In den meisten der bisher untersuchten Fälle traten auch Lungenentzündungen auf. Etwa zwei Prozent der nachgewiesenen Infizierten sind verstorben, wie der WHO-Experte Michael Ryan mitteilte. Vor allem betraf es ältere Menschen mit schweren Grunderkrankungen.

Da die Zahl der Infizierten proportional rascher steige als die Zahl der Toten, könnte die Sterblichkeitsrate weiter sinken, so Ryan. Bei Sars dagegen betrug sie 9,5 Prozent, bei Mers sogar 34,5 Prozent. Viel gefährlicher ist Experten zufolge die saisonale Grippe. In Deutschland starben daran 2017/18 etwa 25.100 Menschen.

Ansteckungsgefahr außerhalb Chinas ist äußerst gering

Nach wie vor halten Experten auch die Ansteckungsgefahr durch das neue Coronavirus außerhalb Chinas für äußerst gering. Dennoch beunruhigt die „Notlage“-Erklärung der WHO viele Menschen. Im Kern geht es dabei nicht um überzogene Maßnahmen, sondern um ein koordiniertes Vorgehen, damit die Pandemie – also die weltweite Ausbreitung – rechtzeitig gestoppt wird. Die Chancen dafür sind heute ungleich größer als etwa bei der Spanischen Grippe von 1918 bis 1920, die weltweit 50 Millionen Opfer forderte.

Heute gelten beim Auftreten neuer Viren, die von Tieren auf Menschen überspringen und sich weltweit ausbreiten können, die Internationalen Gesundheitsvorschriften (IGV) der WHO, ein komplexes System von Regeln und Maßnahmen, die möglichst koordiniert in allen 190 WHO-Mitgliedsländern umgesetzt werden sollen.

Den Regeln zufolge werden zum Beispiel in Deutschland bei Verdachtsfällen ausgewählte Flughäfen angeflogen, die über Notfallpläne und ausreichend medizinisches Personal verfügen, um reagieren zu können: in Hamburg, Düsseldorf, Frankfurt am Main, München und Berlin. Mehrere Fluglinien weltweit setzten ihre Flüge nach China aus, darunter die Lufthansa, British Airways, Swiss und Austrian Airlines, Finnair und Air India. Flüge zwischen den USA und China wurden reduziert. Vietnam verhängte einen zeitweiligen Einreisestopp für chinesische Touristen. Italien rief den Notstand aus.

Weltweit wird Impfstoff gegen Coronavirus gesucht

Vor allem geht es auch darum, Länder mit weniger entwickelten Gesundheitssystemen zu unterstützen. Denn auch ein nicht ganz so gefährliches Virus kann Systeme stark belasten, wenn es sich rasant ausbreitet.

Lesen Sie auch: Das Coronavirus und wir - noch nie war die Welt so gut vorbereitet

Zugleich laufen weltweit mehrere Projekte, um einen Impfstoff gegen 2019-nCoV zu finden. Auch Forscher in Hamburg und Berlin sind daran beteiligt. Wie wichtig hier schnelle Erfolge sind, zeigte sich beim Schweinegrippevirus H1N1 von 2009. Es verbreitete sich rasant auf der ganzen Welt. 18.000 Menschen starben. Experten teilten mit, dass innerhalb des ersten Jahres ein Drittel der Weltbevölkerung infiziert gewesen sei, doch nur wenige hätten Symptome gezeigt. Einen Impfstoff gab es nach fünf Monaten. Ein wesentlich gefährlicheres Virus hätte bis dahin Millionen Menschen töten können. (mit dpa, AFP)