Das Kreuzfahrtschiff «Diamond Princess» im Hafen von Yokohama. An Bord des unter Quarantäne gestellten Kreuzfahrtschiffes in Japan sind weitere 41 Fälle des neuen Coronavirus festgestellt worden.
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TokioVon Kreuzfahrten erwarten sich Passagiere in der Regel, dass es sich auf hoher See äußerst entspannt lebt, man ruhig in die Ferne blicken kann, voller Freude über die Distanz zum Alltagsleben auf dem Festland. Den rund 3700 Personen auf der „Diamond Princess“ dürfte es derzeit ganz anders ergehen.

Mit jedem weiteren Tag an Bord steigt die Sehnsucht nach einer Rückkehr nach Hause. Und mit jedem Tag, der ohne diese Erlösung verstreicht, nimmt die Nervosität offenbar zu. Passagiere berichten teilweise von Informationsdefiziten, strengen Bewegungseinschränkungen und Unruhe.

Seit einer Woche wird die „Diamond Princess“ vor der Küste von Yokohama im Südosten Japans unter Quarantäne gehalten. Denn auf dem Schiff, das letzten Monat Yokohama verlassen und seitdem Stopps in Südjapan, Hongkong, Vietnam und Taiwan eingelegt hatte, wurden nach und nach immer mehr Symptome und dann auch Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus verzeichnet. Der erste infizierte Passagier war ein 80-Jähriger, der in Hongkong zugestiegen war.

Fast ein Drittel angesteckt

Am Montag war die Zahl der infizierten Personen an Bord schon auf 135 angestiegen, am Mittwoch dann auf 174. Damit hat sich von den 492 bisher getesteten Personen fast ein Drittel mit dem Virus angesteckt. Auch medizinisches Personal wurde infiziert. Während nach und nach Menschen für eine Behandlung ans Festland gebracht werden, wird die Quarantäne voraussichtlich noch eine Woche andauern – mindestens bis zum 19. Februar, so heißt es.

Journalisten vor der "Diamond Princess", die am Pier in Yokohama liegt.
Foto: imago images/Stanislav Kogiku

Wenn sie Krankenwagen unter den Fenstern ihrer Kabinen vorfahren sähen, fürchteten Passagiere, sie könnten die Nächsten sein, sagte ein Japaner an Bord dem örtlichen Fernsehsender Fuji TV. Deutsche Staatsangehörige befinden sich nach Erkenntnissen der Deutschen Botschaft in Tokio bislang nicht unter den positiv auf den Erreger Getesteten.

Die Passagiere sollen in ihren Kabinen bleiben. Essen wird ihnen dorthin gebracht. Im Wechsel dürfen sie rund eine Stunde am Tag an die frische Luft – mit Maske – , und müssen dabei rund zwei Meter Abstand voneinander halten.

Doppelter Stress für Crewmitglieder

Experten sorgen sich jedoch nicht nur um die Passagiere, sondern auch um die Crewmitglieder, die sich um die Gäste kümmern. Sie seien doppeltem Stress ausgesetzt – mit viel Pflichtbewusstsein absolvierter Arbeit und der Angst, sich infiziert zu haben, sagte Sho Takahashi von der Tsukuba-Universität der Japan Times. Er wies auch darauf hin, dass Passagiere dazu neigten, ihren Frust an der Crew auszulassen.

An Land macht man sich zusehends Sorgen, dass sich das Virus auch in Japan ausbreiten könnte. Von den Personen, die per Charterflug von China zurück nach Japan gebracht wurden, liegt die Zahl der Infizierten mittlerweile bei zwölf, nachdem am Dienstag zwei weitere Fälle, die zuvor keine Symptome hatten, nun doch positiv getestet wurden. Mit den Passagieren, die seit Tagen vor der japanischen Küste auf Rettung warten, während sie an Bord in Ansteckungsgefahr schweben, ist Japan außerhalb Chinas das vom Coronavirus am zweitstärksten betroffene Land.

Eine Familie winkt ihren Verwandten an Bord der „Diamond Princess“ zu.
Foto: Getty Images/Carl Court

Anfeindungen gegen Chinesen

Die zunehmende Unruhe lässt sich auch an den Reaktionen erkennen, mit denen Chinesen im Land konfrontiert werden. In der Präfektur Shizuoka, nicht weit von Tokio, wurde ein japanisch-chinesisches Kulturevent abgesagt – mit der Begründung, dass es Bedenken wegen des Virus gebe. In sozialen Medien mehren sich Berichte von Anfeindungen. Eine chinesische Frau meldete über die Plattform Weibo, dass ihr ein Kellner in der Stadt Ito in Shizuoka zugerufen habe: „Chinesen raus!“ In mehreren Gegenden des Landes melden Schulen, dass Kinder gemobbt werden.

Um für Beruhigung zu sorgen, hat die nationale Regierung in Tokio ein Krisenmanagementzentrum eingerichtet, das von Premierminister Shinzo Abe angeführt wird. Die inländische Tourismusbranche soll durch vermehrte Screenings an Flughäfen unterstützt werden sowie durch finanzielle Zuwendungen bei neu auftretenden Problemen.

Zudem unterhält die Metropolregierung Tokios eine Taskforce. Das japanische Gesundheitssystem ist besser auf Katastrophenfälle vorbereitet als das chinesische, die japanische Krankenhausdichte ist die höchste der Welt. Dennoch: Die Zahl der Infizierten nimmt derzeit nicht ab, sondern zu.

Sorgen wegen Olympia 2020

Vor diesem Hintergrund denkt man auch an die nächsten Monate: Ab Ende Juli finden in Tokio, der größten Metropolregion der Welt, für insgesamt eineinhalb Monate die Olympischen und die Paralympischen Sommerspiele statt. Vermehrt wird gefragt, ob so ein Sportevent mit Teilnehmern und Besuchern aus aller Welt überhaupt wie geplant stattfinden kann, wenn sich in der Region gerade eine Pandemie ausbreite.


Formel-1-Rennen abgesagt

  • In China hat das neuartige Coronavirus (Covid-19) innerhalb eines Tages erneut fast 100 weitere Todesopfer gefordert. Wie die Nationale Gesundheitskommission am Mittwoch in Peking mitteilte, kamen landesweit 97 Todesfälle hinzu. Die Zahl der Ansteckungen stieg um 2015 Fälle. Auf dem chinesischen Festland sind jetzt insgesamt 1113 Tote zu beklagen. Bei mehr als 44.000 Menschen ist eine Infektion mit dem Virus bestätigt.
  • Wegen der Angst vor dem Covid-19-Virus ist auch ein aus Hongkong kommendes Kreuzfahrtschiff in Schwierigkeiten – obwohl nicht einmal Fälle an Bord bekannt sind. Nach einer längeren Irrfahrt über Taiwan, Japan, die Philippinen, Guam und Thailand durfte die „Westerdam“ der Holland America Line in Kambodscha einlaufen. An Bord sind 1500 Gäste und 800 Besatzungsmitglieder – darunter einige Deutsche, hieß es aus dem Auswärtigen Amt.
  • Unter dem Eindruck der Epidemie wurde am Mittwoch das Formel-1-Rennen in China verschoben. Der für den 19. April geplante Grand Prix in Schanghai soll zu einem späteren Zeitpunkt in diesem Jahr nachgeholt werden, teilte der Weltverband FIA mit. Wegen des Coronavirus hat nach mehreren prominenten Absagen in den vergangenen Tagen auch die Telekom ihre Teilnahme am Mobile World Congress (MWC) in Barcelona abgesagt.

Das olympische Organisationskomitee aus Tokio gründete daher in der vergangenen Woche, neben den Krisenkontrollzentren der nationalen Regierung Japans und der Tokioter Metropolregierung, noch seine eigene Taskforce. Sie soll sich speziell um die Sicherheits- und Gesundheitsanforderungen für eine Sportgroßveranstaltung richten, im Zuge derer Millionen Menschen einreisen werden. „Tokio 2020 wird weiterhin mit allen relevanten Organisationen kooperieren, die aufmerksam jedes Aufkommen ansteckender Krankheiten beobachten“, heißt es auf Anfrage seitens des olympischen Organisationskomitees, was sich auch als Seitenhieb gegen die chinesische Regierung verstehen lässt.

Priorität für ältere Menschen

Dabei gibt nicht jede Nachricht, die derzeit von offizieller Seite kommt, Anlass zu Beruhigung. Yoshihide Suga, Kabinettssekretär der Nationalregierung, sagte am Montag zum Umgang mit den Passagieren an Bord der „Diamond Princess“: „Wir priorisieren Personen mit Symptomen wie starkem Fieber. Ältere Menschen erhalten Vorzug.“

Der nationale Rundfunksender NHK interpretiert diese Aussage so, dass nicht jeder Passagier eine Behandlung erhalten kann. Womöglich rührt diese Einschätzung daher, dass fast die Hälfte der Menschen an Bord 70 Jahre oder älter ist. Und gerade für die vielen Senioren wird die Isolation zunehmend zur Belastung.

Die Regierung sagte bisher nur, sie erwäge, alle Passagiere zu testen. Wer infiziert ist, so Gesundheitsminister Katsunobu Kato am Mittwoch, werde schnellstmöglich in ein Krankenhaus gebracht. Diese Unsicherheit kann in Tokio und anderen Städten weiteren Anlass zur Sorge geben, dass nach der Rückkehr der Passagiere in ihre Heimatorte womöglich in einigen Personen doch das Virus schlummert. Mehrere Medien haben durch die Blume schon auf diese Gefahr hingewiesen.