Ganz neue Herausforderungen für Hebammen: Wer setzt denn jetzt welche Maske auf? FFP 2 oder FFP3, oder eine ganz normale Maske? Und wie lange sollen wir sie überhaupt tragen?
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BerlinEs ist so weit. Wir haben eine Frau im Kreißsaal, die Covid-19-positiv ist. Ihr und ihrem ungeborenen Kind geht es gut. Seit 24 Stunden ist sie bei uns, und gerade eben kam das positive Testergebnis der Frau bei uns an. Was nun? Was machen wir jetzt?

Die kleine Versammlung im Dienstzimmer ist ratlos. Der neue Hefter mit der Aufschrift „Corona“ auf der Rückseite liegt vor uns. Seiten mit Kästchen und Pfeilen sollen uns den Weg weisen. Die Sprache darin ist kaum verständlich und in unseren praktischen Ablauf schwer umsetzbar. Schon vor ein paar Tagen haben wir einen Corona-Kreißsaal eingerichtet. Wer hatte wann und vor allem wie Kontakt zu der Frau? Die Putzfrau ist doch auch an ihr vorbei gelaufen, oder? Wir sollen klassifizieren, wer Kontaktperson 1 bis 3 ist. Eine Erklärung verweist uns auf eine Seite, die genau diese Information nicht enthält. Wen müssen wir testen, wie und vor allem wann? Wer muss in Quarantäne und wer arbeitet weiter?

Ein Anruf beim Chef der Intensivstation und der Anästhesie bringt uns nicht weiter, denn die Aussagen sind unterschiedlich. Ja, wer setzt denn jetzt welche Maske auf? FFP 2 oder FFP3, oder eine ganz normale Maske? Und wie lange sollen wir sie überhaupt tragen? Als ich die Beschreibung lese, wie wir den Kittel ausziehen sollen, fange ich an, den Text laut vorzulesen: Beugen Sie sich leicht nach vorn und ziehen Sie mit schälenden Bewegungen den Kittel nach vorn. Greifen Sie dann mit gegenüberliegenden Händen in den Kittel und streifen Sie ihn ab.

Wir fangen an zu lachen. Jetzt alle mal den Kittel überziehen, und wir probieren das einfach aus. Es klappt nicht, ohne das wir uns am Kittel außen anstecken. Ich bin kurz geneigt, eine kleine Kittel-Video-Challenge online zu stellen, denn die Videos wären bestimmt sehr lustig. In einer anderen Klinik ist das Ausziehen der Schutzkleidung und Tragen der Maske in der Reihenfolge andersherum erklärt. Alle Dinge in dem Raum, in dem die Frau war, sollen weggeworfen werden, ebenso alles, was in den Schränken ist. Auch die dortigen, doppelt eingeschweißten Einweginstrumente, einfach alles?

Alle Dinge im Raum sollen weggeworfen werden

Der Putzmann, den wir dazu fragen, weiß es auch nicht so genau, und ich stelle mir vor, wie wir die ganzen Dinge, die Tausende Euros wert sind, in den Müll werfen, einfach weil wir es nicht wissen. In einen Tropenmedizinkurs habe ich die ganze Palette der Schutzmaßnahmen wie Kittel-, Handschuhe- und Masketragen und -ausziehen erst kürzlich von den Profis gelernt, denn in den Tropen geht es um Ebola, Cholera oder die hochansteckenden Masern. Mit dem, was wir hier tun, hat das nichts zu tun.

Das Tragen einer Maske ist in unserem täglichen Leben angekommen, auch wenn wir noch vor kurzem Menschen aus Asien mit ihren Masken vor dem Gesicht im Berliner Stadtleben vielleicht etwas belächelt haben. Die Maske ist salonfähig geworden. Jeder trägt sie. Es gibt die einfache Variante und die modische selbstgenähte mit bunten Mustern. H&M wird sicher in der nächsten Kollektion mit verschiedenen Varianten aufwarten. Menschen auf Fahrrädern tragen sie, im Auto wird Maske getragen und Menschen haben sie in Supermärkten auf und warten an Absperrmarkierungen an der Kasse. Ein Mann, der alleine auf der Parkbank die Frühlingssonne genießt, trägt sie und die Frau, die ihm vom Balkon aus zuschaut, auch. Eine Frau, der ich beim Spazierengehen begegne, springt fast in den Graben, als sie mir begegnet, denn ich trage keine Maske.  

Nur mit Maske gilt man jetzt als ordentlicher Mitbürger

Nur wer Maske trägt, scheint ein ordentlicher Mitbürger zu sein. Für eine kleine Kaffeepause während der Arbeit ziehe ich meine Maske einfach runter, auch wenn ich weiß, dass das nicht richtig ist.  

Ein paar Tage später treffe ich die Kollegin, die unsere Corona-Frau während der Geburt betreut hat. Ich habe ihre Angst und Sorge gesehen, sich selbst anzustecken. Sie hat diese Frau mit großer Aufmerksamkeit und Fürsorge während der Geburt betreut. Ihr Testergebnis ist negativ, und ich sehe ihre Erleichterung. Gegen alle Vorschriften freue ich mich, sie erleichtert in den Arm nehmen zu können.