Jena - Seit Beginn der Pandemie versuchen Wissenschaftler weltweit, die verschiedenen Merkmale des Coronavirus Sars-CoV-2 zu entschlüsseln. Noch gibt es auf viele Fragen keine Antworten. Zum Beispiel ist unklar, wohin das Virus im Körper wandert und wo es den größten Schaden anrichtet.

Ein Forschungsteam aus Jena hat dazu wichtige neue Erkenntnisse gewinnen können und eine Art Covid-19-Atlas der Gewebeschäden entwickelt. Die Wissenschaftler erfassten die Viruslast in einer Vielzahl von Organen und brachten die Verteilung des Virus in Zusammenhang mit den festgestellten Gewebeschäden.

Für die Studie wurden die Körper von elf Patienten untersucht, die an Covid-19 verstorben waren. An der Studie beteiligt waren Virologen, Mikrobiologen, Rechtsmediziner und Intensivmediziner des Universitätsklinikums Jena. Die Ergebnisse wurden im Onlinejournal eLife veröffentlicht.

Gewebeschäden nur in der Lunge

Wie erwartet, fanden die Wissenschaftler Virus-RNA vor allem in der Lunge, und dort war das Gewebe auch schwer betroffen. „Interessanterweise haben wir Sars-CoV-2 auch in verschiedenen anderen Organen wie Verdauungsorganen, Nieren oder den Herzgefäßen nachgewiesen. Aber nur in der Lunge hatte das Virus das Gewebe angegriffen“, so der Rechtsmediziner und Koautor der Studie Daniel Wittschieber.

Um ein umfassendes Bild der Erkrankung bezüglich der Mikrobiologie und Histologie bei einem sehr schweren Verlauf zu erhalten, führten die Wissenschaftler jeweils nur wenige Stunden nach dem Eintreten des Todes Autopsien an den Patienten durch. So konnten Abbauprozesse an den Geweben und der Virus-RNA gering gehalten werden. Pro Patient dokumentierten sie an mehr als 60 Proben in verschiedenen Organen die Viruslast von Sars-CoV-2, Entzündungsmarker und Gewebeschäden. Mit elektronenmikroskopischen Aufnahmen konnten sie intakte Viruspartikel im Lungengewebe nachweisen.

Erkenntnisse wichtig für Medikamenten-Entwicklung

Mit ihrer Studie, die erstmals die Viruslast und Gewebeschäden bei Covid-19 umfassend kartiert, bestätigen die Jenaer Forscher den systemischen Charakter der Erkrankung. „Klinische Beobachtungen, insbesondere auch die Erfahrungen mit dem Post-Covid-Syndrom, legen nahe, dass Covid-19 eine Erkrankung ist, die den gesamten Körper betrifft“, sagt die Mikrobiologin und Autorin der Studie Stefanie Deinhardt-Emmer. „Dass nur das Lungengewebe geschädigt, aber im gesamten Körper Virus-RNA verteilt ist, stützt die Vermutung, dass unser Immunsystem nicht angemessen auf das Vorhandensein des Virus im Blut reagieren kann. Das ist das eigentliche Problem bei Covid-19.“

Die Erkenntnisse der wissenschaftlichen Untersuchung könnten nun dazu beitragen, wirksamere Medikamente gegen Covid-19 zu entwickeln, die auf die Stellen abzielen, an denen sich Sars-CoV-2 am ehesten anreichert, heißt es in der Studie. Dadurch könne man die Infektion gezielter und damit auch effektiver behandeln und schwere Verläufe im besten Fall verhindern.