Corona-Medikament Paxlovid: Wem es wirklich hilft und was zu beachten ist

Im Februar drohen 280.000 Dosen zu verfallen. Experten empfehlen das Mittel jetzt auch Geimpften – unter bestimmten Voraussetzungen. Die aktuellen Empfehlungen.

Paxlovid wird in Form von Tabletten verabreicht.
Paxlovid wird in Form von Tabletten verabreicht.dpa/Ditfurth

Karl Lauterbach hat dem Medikament zu einer gewissen Prominenz verholfen. Der Bundesgesundheitsminister und studierte Mediziner hatte berichtet, dank Paxlovid seine Corona-Infektion ohne Komplikationen überstanden zu haben. Dennoch stößt das Präparat aus dem Hause Pfizer in Deutschland bisher auf keine große Nachfrage. Im kommenden Februar drohen 280.000 Dosen zu verfallen, berichtet das Fachportal Science Media Center.

Eine Million Einheiten hatte die Bundesregierung zu Beginn dieses Jahres bestellt, kurz nachdem Paxlovid zugelassen worden war, davon gingen 460.000 zunächst an den Großhandel. Das Medikament ist vor allem für Risikopatienten interessant. Für Menschen zum Beispiel, die an Herz, Lunge oder Niere chronisch erkrankt sind oder deren Immunsystem geschwächt ist und die einen schweren Covid-Verlauf erleiden könnten.

„Bislang war es so, dass wir nur Daten zu ungeimpften Personen, die mit Paxlovid behandelt wurden, hatten“, sagt Stefan Kluge, Intensivmediziner von der Uniklinik Hamburg-Eppendorf. „Mittlerweile gibt es jedoch Studien, die zeigen, dass auch geimpfte Personen mit Risikofaktoren, insbesondere diejenigen über 65 Jahren, von einer Behandlung profitieren können.“ Für junge Patienten ohne besonderes Risiko und vollständig geimpft sei der Einsatz von Paxlovid weiterhin nicht sinnvoll, sagt der Professor.

Das Medikament wird als Tablette verabreicht und besteht aus zwei Substanzen: aus Nirmatrelvir und aus Ritonavir. Nirmatrelvir hemmt die wichtigste Protease des Virus. Diese funktioniert wie eine Schere, die eine Abschrift des viralen Erbguts nach dem Eindringen in die menschlichen Zellen in mehrere Segmente schneidet und somit vervielfältigt. Nun kann Sars-CoV-2 sich vermehren.

Wird die Protease durch Nirmatrelvir ausgebremst, dann klemmt die Schere. Die Kopierfunktion bleibt inaktiv, das Virus vermehrt sich nicht. Nirmatrelvir ist ein neuer Wirkstoff, Ritonavir dagegen wird schon lange eingesetzt, etwa in der Behandlung von HIV. Es verlangsamt den Abbau von Nirmatrelvir im Körper.

Paxlovid muss bei Symptomen frühzeitig eingenommen werden

„Paxlovid spielt vor allem im ambulanten Bereich eine Rolle, da die Behandlung spätestens fünf Tage nach Symptombeginn beginnen sollte“, sagt Kluge. Ist die Corona-Infektion so weit fortgeschritten, dass ein Patient in eine Klinik kommt, ist es für den Einsatz meist zu spät, der Kopiermechanismus des Virus zu weit fortgeschritten. „Insgesamt kann man aber sagen, dass Paxlovid in Deutschland wesentlich weniger angewendet wurde als in anderen europäischen Ländern. Das gilt sowohl für die Arztpraxen als auch für die Klinik“, sagt Kluge.

Das könnte am Aufwand liegen, mit dem eine Verschreibung verbunden ist. Denn Paxlovid verträgt sich mit einigen Medikamenten nicht, kann zu Wechselwirkungen führen. Außerdem treten bei knapp sechs Prozent der Patienten, die durch das Präparat genesen sind, danach wieder Symptome auf. Manchen Mediziner mag dieser sogenannte Rebound-Effekt davon abhalten, Paxlovid zu verabreichen. Die Nebenwirkungen sind dagegen überschaubar, sagt Intensivmediziner Kluge: Durchfall oder ein gestörter Geschmackssinn seien möglich, „allgemein ist es aber gut verträglich“.

Torsten Feldt verweist auf Listen von Medikamenten, die Wechselwirkungen und den korrekten Umgang mit Paxlovid beschreiben; der Oberarzt an der Uniklinik Düsseldorf sagt: „Trotzdem muss man sich als Hausarzt einarbeiten und lernen, mit den komplexen Wechselwirkungen umzugehen. In manchen Fällen muss man die Dosis eines Medikaments reduzieren, in anderen muss man es für einige Tage absetzen oder es durch ein anderes ersetzen.“ Manche Patienten dürften Paxlovid gar nicht bekommen. Die geeignete Medikation zu finden, sei vor allem bei älteren Menschen aufwendig, die viele Medikamente gleichzeitig nehmen müssten.

„Bei Nichtbeachtung können ernste Probleme auftreten“, sagt Feldt. „Außerdem bieten die Infektiologischen Zentren Deutschlands eine Hotline für medizinisches Fachpersonal an.“ Es gibt inzwischen auch eine App, die Ärzte über die richtige Dosierung informiert. Kluge sieht als weiteren Grund für die Zurückhaltung, dass zu Corona-Erkrankungen immer neue Informationen und Studien veröffentlicht werden. „Ähnlich wie bei den Impfempfehlungen kann das auch zu Verwirrung führen. Es gibt auch Ärzte und Patienten, die von Problemen berichteten, an das Mittel zu kommen. Apotheken hatten es nicht vorrätig oder Ärzte konnten es nicht rezeptieren.“

Paxlovid muss leichter zu verschreiben sein, ist das Fazit von Torsten Feldt: „Das ist vor allem im Hinblick auf den erwarteten Anstieg der Fallzahlen im Winter und möglicherweise gefährlichere Varianten jetzt vordringlich.“ Feldt fürchtet, dass Ärzte und Patienten oft das Risiko unterschätzten, das Sars-CoV-2 zu schweren Krankheitsverläufen führen könne. „Im Vergleich zu früheren Infektionswellen hat das Risiko für Komplikationen aufgrund der weniger gefährlichen Varianten und der breiten Bevölkerungsimmunität tatsächlich erheblich abgenommen, aber es gibt eben immer noch zu viele davon.“