Berlin - Sars-CoV-2 gilt als unberechenbar. Wie eine Erkrankung verläuft, lässt sich nicht vorhersehen. Manche bemerken gar nichts von der Infektion mit dem Coronavirus. Andere wiederum – darunter auch jüngere Patienten und Menschen ohne Vorerkrankungen – haben einen schweren Krankheitsverlauf. 

Immer wieder ist dabei von sogenannten Risikogruppen die Rede, die bei einer Infektion schwerer erkranken könnten als andere. Dazu zählen vor allem die Älteren. So waren nach Angaben des Robert-Koch-Instituts 85 Prozent der in Deutschland an Covid-19 Verstorbenen 70 Jahre alt oder älter. Doch schon mit 50 bis 60 Jahren steigt das Risiko stetig.

Grafik: BLZ/Sabine Hecher, Quelle: Bundesministerium für Gesundheit 

Auch stark adipöse Menschen gelten als besonders bedroht. Lebensstilbedingte Faktoren wie Rauchen können ebenso das Risiko erhöhen wie bestimmte Vorerkrankungen – darunter fallen Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems, chronische Lungenerkrankungen, Nieren- und Lebererkrankungen, Diabetes und ein geschwächtes Immunsystem. Auch für Schwangere mit Vorerkrankungen besteht ein erhöhtes Risiko. Laut einer im Juni veröffentlichen Studie hat somit weltweit jeder Fünfte gesundheitliche Risikofaktoren. Allein in Deutschland leiden etwa 2,5 Millionen an Herzinsuffizienz. 4,6 Millionen Menschen haben Diabetes Typ 2, ein Viertel der Erwachsenen gilt als stark übergewichtig

Was macht das Wissen, zur Risikogruppe zu gehören, mit den Menschen – und wie meistern sie den Alltag? Die Berliner Zeitung hat drei Risikopatienten gefragt, wie sie mit der Corona-Pandemie umgehen.

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Hündin Luna ist für Carola Qual eine große Stütze in dieser Zeit. „Luna hält mich auf Trab und muntert mich auf“, sagt die 57-Jährige.

Carola Qual, Dialysepatientin: „Wenn es mich treffen soll, dann ist das eben so“

Carola Qual aus Berlin-Adlershof ist kein ängstlicher Typ. Die 57-Jährige lebt mit der Niere eines Spenders. Rein statistisch betrachtet, ist sie daher durch Covid-19 stärker bedroht als andere Frauen in ihrem Alter. Aber sie geht mit diesem Risiko recht unerschrocken um. „Wenn es mich treffen soll, dann ist das eben so“, sagt sie. Allerdings hat sie ihren Alltag stark umgestellt, seit das Virus grassiert: Sie kauft nur noch alle 14 Tage ein, trägt außerhalb des Hauses Maske, trifft sich nicht mehr mit Freunden, reist nicht mehr jedes zweite Wochenende durchs Land – und verzichtet zurzeit auch auf Termine in der Hundeschule, die ihr sonst sehr wichtig sind.

Qual ist Verwaltungsleiterin in einer Dialyseeinrichtung in Berlin-Treptow. Dort hat sie täglich mit Patienten zu tun, die ebenfalls zur Risikogruppe zählen. Angst ist ein Dauerthema: „Viele unserer Patienten wagen sich seit Beginn der Pandemie überhaupt nicht mehr vor die Tür. Lediglich zur Dialyse kommen sie noch“, berichtet sie.

Als Carola Qual fünf Jahre alt war, wurde bei ihr eine Nierenkrankheit festgestellt: Schrumpfnieren. Dabei wird das Nierengewebe zu Bindegewebe umgebaut und das Organ kann seine Funktion nicht mehr erfüllen. Sie brauchte regelmäßige Dialyse – oder ein Spenderorgan. Die Niere, die ihr vor 21 Jahren übertragen wurde und bis heute gut funktioniert, ist bereits der vierte Versuch. Die anderen drei Organe – die erste Operation fand statt, als sie 16 war – versagten recht schnell wieder ihren Dienst. Damit das Transplantat nicht abgestoßen wird, nimmt sie Medikamente, die das Immunsystem dämpfen, Immunsuppressiva genannt. Und genau diese Medikamente könnten sie anfälliger für eine Infektion mit Sars-CoV-2 machen oder eine Infektion gegebenenfalls schwerer verlaufen lassen.

Angesichts der gestiegenen Zahlen registrierter Corona-Fälle in Berlin trägt Qual seit einiger Zeit FFP2-Masken, wenn sie einkaufen geht. „Gerade habe ich wieder eine Großpackung davon bestellt“, berichtet sie. Sich in ihrer Wohnung zu verschanzen, kommt nicht infrage für die Alleinlebende. „Außerdem muss ich mit meiner Hündin Luna ohnehin regelmäßig raus an die frische Luft“, berichtet sie. Trotzdem sehnt sie sich als geselliger Mensch wieder nach Treffen im Freundeskreis. Doch ihr ist klar, dass sie noch einige Monate durchhalten muss. Vor einem Weihnachtsfest in Einsamkeit fürchtet sie sich nicht: „Ich lebe allein und habe auch in den letzten Jahren die Ruhe der Feiertage lieber für die Quartalsabrechnung im Büro genutzt.“

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Michail Jurowski liebt die Musik. Der international gefragte Dirigent vermisst sein Publikum. Er hofft, dass Konzerte bald wieder möglich sind.

Michail Jurowski hatte mehrere Herzinfarkte: „Ich blicke lieber in die Zukunft“

22 Stents, vier Bypässe – Michail Jurowski blickt auf eine lange Krankengeschichte zurück. 1996 hatte der international gefragte Dirigent den ersten Herzinfarkt. Er brach während der Vorstellung an der Deutschen Oper zusammen. Für sieben Minuten galt er als klinisch tot. Seitdem achtet der heute 75-Jährige mehr auf sich: Er rauche nicht, halte sich mit Alkohol zurück und esse gesund.

Bis kurz vor Ausbruch der Corona-Pandemie hat der in Berlin lebende Musiker noch gearbeitet. „Dass ich das noch kann, habe ich den Ärzten, meiner Frau und meiner Disziplin zu verdanken“, sagt der 75-Jährige am Telefon. Neben seiner Familie ist die Arbeit seine Kraftquelle.

Durch Corona ist für ihn ein Stück Lebensqualität weggebrochen. Als er Proben für die Vorstellungsserie in der Bayerischen Staatsoper in München abbrechen musste, traf ihn das schwer: „Das war für mich ein Schock.“ Sein Gesundheitszustand verschlechterte sich. Im Juni musste er ins Krankenhaus. Fünf Wochen lag er im Vivantes Humboldt-Klinikum in Berlin. Zur Herzinsuffizienz kam eine Niereninsuffizienz hinzu.

Die Sorge, sich in seinem Zustand mit Sars-CoV-2 anzustecken, ist da. Durch die Herzerkrankung und sein Alter zählt Michail Jurowski zu den Risikogruppen. Eine Erkrankung der Lunge, wie sie durch das Coronavirus ausgelöst wird, bedeutet nach Angaben der Deutschen Herzstiftung meist eine zusätzliche Belastung für das Herz. Es müsse eine immense Mehrarbeit leisten, um die Sauerstoffversorgung des Körpers aufrechtzuerhalten.

Michail Jurowski tut daher alles, um eine Infektion zu vermeiden. „Wir haben die Kontakte sehr reduziert, lüften viel, gehen nur im Hof spazieren.“ Das Tragen der Alltagsmaske ist für den Musiker eine Selbstverständlichkeit. Sobald es eine Möglichkeit gibt und seine Ärzte ihm dazu raten, will er sich gegen Covid-19 impfen lassen.

Was er von den Corona-Maßnahmen hält, möchte er nicht sagen. „Ich blicke lieber in die Zukunft.“ Der 75-Jährige bereitet sich auf mögliche Konzerte vor, sortiert seine Notenbücher und frischt sein Repertoire auf. Langweilig ist ihm nicht. „Die Vorbereitung auf ein Konzert ist ein sehr intensiver Prozess. Ich habe immer zu tun.“ Der Dirigent blickt voller Hoffnung auf die kommenden Monate. Er freue sich auf sein Publikum und auf große Familienfeiern. „Positiv denken ist enorm wichtig. Das heilt den Körper und gibt Kraft“, sagt Jurowski. Das ist seine Art, mit der Corona-Krise und der Herzkrankheit umzugehen.

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Anuschka Kloth hat Mukoviszidose. Aufgrund ihrer Erkrankung ist sie es gewohnt, Infektionen möglichst zu vermeiden.

Anuschka Kloth lebt mit einer neuen Lunge: „Tests geben mir Sicherheit“

Anuschka Kloth wurde im Frühjahr eine neue Lunge transplantiert. Eine Erkrankung mit Sars-CoV-2 wäre nicht nur deshalb denkbar ungünstig. Aufgrund ihrer Vorerkrankung ist sie es ihr Leben lang gewohnt, Infektionen möglichst zu vermeiden. Für die 31-Jährige bedeutet der Umgang mit der Corona-Pandemie daher keine große Umstellung. 

Als Anuschka Kloth sechs Wochen alt war, wurde bei ihr Mukoviszidose diagnostiziert, eine angeborene Stoffwechselerkrankung. Durch ein verändertes Gen können die Zellen in ihrem Körper Salz und Wasser nicht richtig transportieren. Es entsteht ein zähflüssiges Sekret, das die Organe verklebt. Mukoviszidose-Patienten leiden häufig unter chronischem Husten und haben ein erhöhtes Risiko für eine Lungenentzündung.

Vor der Transplantation war jede Bewegung für Anuschka Kloth sehr anstrengend. „Ich habe nur schwer Luft bekommen.“ Spät am Abend des 21. April dieses Jahres kam der langersehnte Anruf vom Deutschen Herzzentrum Berlin: Es gab ein Spenderorgan für sie. Danach ging es Schlag auf Schlag. Zehn Minuten später stand der Krankenwagen vor der Tür. Noch in der Nacht bekam sie die neue Lunge.

Nach der Operation wurde Anuschka Kloth isoliert. „Ich durfte drei Wochen lang keinen Besuch bekommen.“ Als sie ihren Mann nach der OP wiedersehen konnte, war die Freude groß. Berührungen aber waren verboten. Zu hoch das Infektionsrisiko. „Uns wurde deutlich gesagt: Nicht kuscheln! Das war schon schwierig“, sagt die junge Frau aus Hennigsdorf am Telefon. 

Noch immer ist ihr Mann ihr gegenüber sehr vorsichtig, durch die Corona-Pandemie noch mehr als zuvor. „Er traut sich manchmal gar nicht, mich zu küssen“, sagt die junge Mutter. Ihr Körper kann die Lunge jederzeit wieder abstoßen. Aber ängstlich sei sie deshalb nicht. „Ich passe auf, wasche mir immer die Hände und desinfiziere ab und zu.“ Da sie regelmäßig zu Nachsorgeuntersuchungen ins Krankenhaus muss, wurde sie schon oft auf Sars-CoV-2 getestet. Das gebe ihr ein wenig Sicherheit. 

Ob sich Anuschka Kloth gegen Covid-19 impfen lassen würde? „Ich weiß es nicht. Ich muss dazu auch erst mal mit meinen Ärzten sprechen, weil ich nach der Transplantation und mit Mukoviszidose nicht jeden Impfstoff vertrage.“ Insgesamt sei sie von dem Thema Corona aber eher genervt. „Corona ist einfach überall. Es wäre schön, wenn das bald mal ein Ende hätte.“ Denn die durch die Transplantation neu gewonnene Bewegungsfreiheit würde die 31-Jährige gerne ausnutzen und ins Fitnessstudio gehen oder mit ihrem kleinen Sohn einen Indoorspielplatz besuchen. „Das wünscht er sich sehr.“