In manchen Cremes und Lotionen steckt Parabene als Konservierungsstoffe. Sie wirken hormonähnlich und lösen damit falsche Signale im Organismus aus. Sie werden über die Haut aufgenommen.
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Berlin/Leipzig - Schwangere sollten parabenhaltige Kosmetika meiden, berichtete die Berliner Zeitung am Montag und bezog sich auf eine Studie von Forschern um Irina Lehmann von der Berliner Charité und Tobias Polte von der Universität Leipzig. Das Team hatte im Fachblatt Nature Communications berichtet, dass Parabene, die als Konservierungsstoffe in Kosmetika verwendet werden, beim Nachwuchs nach der Geburt offenbar Übergewicht fördern können. Sie vermuten, dass epigenetische Mechanismen dahinterstecken – dass die Stoffe also die Genregulation verändern. Über die Wirkung von Chemikalien auf unseren Organismus wisse man noch viel zu wenig, sagt Irina Lehmann, die am Berliner Institut für Gesundheitsforschung und der Charité Professorin für Epigenetik und Lungenforschung ist.

Frau Professor Lehmann, wie kamen Sie auf die Idee, den Zusammenhang zwischen Kosmetikanwendung in der Schwangerschaft und einem späteren Übergewicht des Kindes zu untersuchen?

Wir haben in den letzten Jahren immer wieder beobachtet, dass Chemikalienbelastungen während der Schwangerschaft zu erhöhten Erkrankungsrisiken beim Kind führen können. Für den Weichmacher Benzylbutylphthalat haben wir zum Beispiel ein erhöhtes Asthmarisiko bei Kindern gefunden und im Mausmodell zeigen können, dass dieser Effekt bis in die zweite Generation, also die Enkelgeneration, erhalten bleibt, wobei epigenetische Veränderungen eine Rolle spielen. Für Parabene haben wir uns interessiert, weil sie als Konservierungsmittel weit verbreitet sind und so zu erwarten war, dass diese als Belastung auch bei werdenden Müttern zu finden sind.

Lassen sich die Differenzen auch durch den sozialen Status erklären? Man könnte ja auch annehmen: Wer mehr Geld hat, verwendet häufiger Naturkosmetik und ernährt sein Kinder bewusster.

Die Vermutung liegt nahe. In unserer Studie konnten wir allerdings keinen Einfluss des sozialen Status erkennen. Wir haben in unseren Modellen zur Risikoberechnung den sozialen Status berücksichtigt. Dieser hat das Ergebnis jedoch nicht beeinflusst.

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Expertin für Umwelteffekte

Irina Lehmann (56) ist Professorin für Epigenetik und Lungenforschung am Berliner Institut für Gesundheitsforschung (BIH) und der Charité. Von 2000 bis 2017 leitete sie das Department Umweltimmunologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig, 2018 wechselte sie nach Berlin. Die Biologin und promovierte Immunologin beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit der Rolle von Umwelt- und Lebensstilfaktoren bei der Prägung von Krankheitsrisiken in der frühen Kindheit und der vorgeburtlichen Phase. Der gebürtigen Leipzigerin geht es darum, Risikofaktoren für die Entstehung von Asthma und Allergien, Übergewicht oder Verhaltensauffälligkeiten zu identifizieren.

Wie erkennt man, ob ein Produkt Parabene enthält?

Was Kosmetika und insbesondere solche, die auf der Haut verbleiben – also Cremes und Lotions – betrifft, kann man sich gut informieren. Viele Kosmetika sind bereits als parabenfrei deklariert. Falls das nicht der Fall ist, kann man nach den Inhaltsstoffen auf der Verpackung schauen, ob Parabene enthalten sind. Hilfreich ist auf jeden Fall auch die ToxFox-App des BUND. Wenn man dort den Namen des Produktes eingibt, bekommt man die Inhaltsstoffe ausgewiesen. Parabene sind aber auch in Lebensmitteln zu finden – in Fleisch- und Wurstwaren, um diese haltbarer zu machen sowie in Süßigkeiten.

Ist es seriös, zu diesem Zeitpunkt bereits vor parabenhaltiger Kosmetik zu warnen?

Da nach aktuellem Wissenstand Parabene in den verwendeten Konzentrationen als Konservierungsmittel weder krebserregend noch organ-schädigend sind, ist eine Warnung vor diesen Produkten nicht seriös. Wichtig ist es zu informieren, dass Parabene, insbesondere Butylparaben, in sensiblen Entwicklungsphasen kritisch sein können und zu Gesundheitsrisiken beim Kind führen können, wenn Schwangere mit diesen belastet sind. Verbraucherinnen müssen dann selbst entscheiden, inwieweit sie auf parabenfreie Produkte zurückgreifen. Nach unseren Erfahrungen informieren sich insbesondere werdende Eltern sehr gut über mögliche Risiken für ihr Kind und ändern auch ihr Verhalten im Hinblick auf die Verwendung von Produkten. Wichtig ist, dass diese Information sachlich und seriös erfolgt und auf wissenschaftlich fundierten Ergebnissen beruht.

Sollten Parabene verboten werden?

Die Verwendung von Butylparaben in Kosmetika ist durch die EU seit 2014 geregelt und eingeschränkt, in Babykosmetik ist die Verwendung dieses Parabens verboten. Bisher gibt es keine Hinweise darauf, dass Erwachsene durch Parabene gesundheitlich beeinträchtigt werden. Ein Verbot wäre damit nicht gerechtfertigt. Bedenklich sind allerdings die insbesondere für Butylparaben gesicherten entwicklungsschädigenden Effekte. Für die hochsensible Phase der Schwangerschaft braucht es deshalb zumindest eine bessere Aufklärung und Information, dass diese Substanzen die Gesundheit des Kindes gefährden können.

Richten Parabene auch nach der Geburt Schaden an – also bei Kindern und Erwachsenen?

Parabene werden über die Haut aufgenommen. Sie gehören zu den sogenannten endokrinen Disruptoren, also Stoffen, die hormonähnlich wirken und damit falsche Signale im Organismus auslösen. Butylparaben, über das wir in unserer Studie berichten, aktiviert unter anderem den Östrogenrezeptor und vermittelt so Östrogen-artige Effekte. Wir wissen heute noch gar nicht, was alles im Organismus passiert, wenn wir derartigen Chemikalien ausgesetzt sind. Frühere Studie verweisen auf Entwicklungsstörungen durch Butylparaben-Belastungen während der Embryonalentwicklung, eine verringerte Hodengröße und Spermienproduktion zum Beispiel. Wir haben in unserer Studie eine epigenetische Veränderung im Gehirn gefunden, die zu einer veränderten Nahrungsaufnahme führt. Ganz sicher sind das aber nicht die einzigen Effekte, die durch Butylparaben und ähnliche Chemikalien ausgelöst werden. Hier braucht es weitere Forschungen.

Sie sind erst seit 2018 an der Charité, davor waren Sie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Leipzig. Fand die Forschung für die Studie auch in Berlin statt?

Wir haben die Studie zu den Paraben-Effekten am Helmholtz-Zentrum in Leipzig begonnen und nach meinem Wechsel nach Berlin gemeinsam fortgesetzt, sodass ein Teil der Arbeiten auch an der Charité und am Berliner Zentrum für Gesundheitsforschung erfolgte. Ich bin jetzt dabei, den Forschungsschwerpunkt der pränatalen Prägung für Erkrankungsrisiken durch Umweltbelastungen hier in Berlin zu etablieren. In enger Zusammenarbeit mit unseren Kollegen an der Charité beginnen wir gerade damit, Chemikalienbelastungen in mütterlichen Proben zu messen, um mögliche Gesundheitsrisiken für die Kinder zu erfassen. Das Ziel dabei ist nicht nur, Risikofaktoren zu kennen und zukünftig zu vermeiden, wir wollen auch mehr über die zugrunde liegenden, häufig epigenetischen, Mechanismen lernen, um bessere Optionen für die Diagnostik und Therapie umwelt-bedingter Erkrankungen entwickeln zu können.

Riskante Cremes und Lotionen? „Werdende Eltern informieren sich sehr gut über mögliche Risiken für ihr Kind“, sagt Charité-Professorin Irina Lehmann.
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In Experimenten mit Tieren haben Sie herausgefunden, dass Parabene zumindest den weiblichen Nachwuchs der Nager dick werden lässt. Wie hoch war die Parabendosis für die Mäuse – und wie stark das Übergewicht?

Die Parabendosis im Mausmodell war vergleichbar zu den Konzentrationen, die wir auch in unserer Humanstudie gefunden haben. Die pränatal belasteten Mäuse waren etwa 20 Prozent schwerer als die unbelasteten Kontrollen. In der Lina-Studie, einer Langzeitstudie mit Hunderten Mutter-Kind-Paaren, haben wir eine Verdopplung des Risikos für die Entstehung von Übergewicht beim Kind gefunden.

Die Mäusestudie zeigte außerdem, dass ein für die Steuerung des Hungergefühls maßgebliches Gen namens Proopiomelanocortin, kurz POMC, im Gehirn der jungen Mäuse kaum noch aktiv war – und dass das offenbar an einer veränderten Genregulation lag. Was genau macht Proopiomelanocortin?

Dieses Gen reguliert das Sättigungsgefühl. Es war im Gehirn der Mäuse, die vor der Geburt Parabenen ausgesetzt waren, schwach exprimiert, das heißt gehemmt. Hierfür war eine epigenetische Modifikation verantwortlich, die verhindert, dass das POMC-Gen abgelesen werden kann. Als Folge haben diese Mäuse mehr gefressen.

Finden epigenetische Veränderungen nur während der Embryonalentwicklung statt?

Epigenetik stellt die Brücke dar zwischen Umweltreizen und dem Genom. Umwelteinflüsse verändern zwar nicht das Genom selbst, also die Sequenz der DNA, aber sie verändern die Zugänglichkeit des Genoms. Epigenetische Mechanismen entscheiden darüber, ob Gene aktiviert oder ausgeschaltet werden – und das ist von massiver Relevanz für die Entstehung von Erkrankungen. Sie finden aber nicht nur während der Entwicklungsphase statt, sondern passieren ständig während des gesamten Lebens. Sie determinieren zum Beispiel auch Alterungsprozesse. Es wird aber schon lange diskutiert, dass Einflussfaktoren während der Schwangerschaft – wie die mütterliche Ernährung, Erkrankungen, mütterlicher Stress oder Umweltschadstoffe wie Tabakrauch – zu Veränderungen des kindlichen Epigenoms führen und langfristig das Risiko für verschiedene Erkrankungen des Kindes prägen können.

Bleiben die Veränderungen für immer?

Diese epigenetischen Modifikationen können sehr stabil sein und bis in die Enkelgeneration weitergegeben werden. Studien aus der Stressforschung verweisen auch auf eine mögliche Vererbbarkeit dieser epigenetischen Veränderungen.

Welche anderen Stoffe könnten ähnlich wie Parabene wirken?

Es gibt viele Umweltchemikalien, die hormonähnliche Effekte aufweisen und somit falsche Signale im Organismus auslösen. Diese Chemikalien werden als endokrine Disruptoren bezeichnet. Weichmacher, wie Bisphenol A und Phthalate gehören zum Beispiel auch dazu.