Hersteller bewerben die E-Zigarette als schadstoffärmere Alternative zu Tabak. Doch Experten warnen: Schadstoffärmer ist nicht schadstofffrei.
Foto:  Fabian Strauch/dpa

Heidelberg/BerlinUm die E-Zigarette und ihre eventuellen Gefahren gibt es jede Menge Streit. Und doch gibt es einen Satz, den wohl fast alle Beteiligten unterschreiben würden, vom Arzt bis zum Hersteller: Die E-Zigarette ist die weniger schädliche Alternative zur herkömmlichen Zigarette. Die Frage ist, was das „weniger“ bedeutet - und da gehen die Meinungen teils heftig auseinander.

Das beginnt schon bei Kleinigkeiten: Spricht man hier von „dampfen“ oder englisch „vaping“, wie es die Hersteller gerne hätten - weil eben nichts verbrannt und damit auch nicht geraucht wird? Oder ist das eine unzulässige Verharmlosung? Fest steht nur: Vieles ist unklar.

Gleichzeitig erscheinen immer neue Studien, die ein teils dramatisches Bild der Gesundheitsgefahren zeichnen, etwa in Bezug auf Bronchitis oder die Lungenkrankheit COPD. Hinzu kommen mysteriöse Lungenerkrankungen in den USA, mit mehr als 50 Todesfällen. Als Ursache wird dabei aber ein spezielles Öl mit Vitamin E vermutet, nicht die E-Zigarette an sich. In Deutschland gibt es derartige Fälle bisher nicht, teilte das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) Anfang Dezember mit.

Schadstoffärmer - aber nicht schadstofffrei

„Man muss die E-Zigarette differenziert betrachten – auch daher kommt die Verwirrung in der Öffentlichkeit“, erklärt Katrin Schaller vom Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ). Klar ist: Regulärer Zigarettenrauch enthalte Tausende Substanzen, und an die Hundert davon seien krebserzeugend. „Im Vergleich dazu enthält das Aerosol aus der E-Zigarette deutlich weniger Schadstoffe. Es ist aber bei weitem nicht schadstofffrei.“

Wie hoch die Belastung ist, hänge von verschiedenen Faktoren ab: welche sogenannten Liquide jemand verwendet, wie leistungsstark die E-Zigarette ist. Schadstofffrei sei der elektronische Glimmstängel aber eben nie, so Schaller - nur schadstoffärmer als die klassische Zigarette. „Wir müssen die Schadstoffbelastung aber natürlich auch mit dem Nichtrauchen vergleichen. Und verglichen damit ist es eben eine deutliche und vermeidbare Belastung, gerade bei Jugendlichen.“

Der Forschung fehlen Daten

Doch wie groß ist diese Belastung? Die Hersteller im Bündnis für Tabakfreien Genuss (BfTG) verweisen auf Studien, die das „Weniger“ an Risiko zählbar machen: 95 Prozent weniger Risiko sollen es demnach zum Beispiel sein, die Krebsgefahr soll sogar um 99,5 Prozent sinken.

Doch für solche konkreten Angaben ist es noch viel zu früh, sagen Experten. „Bei Zigaretten hat es Jahrzehnte gedauert, bis wir die Gesundheitsgefährdung richtig einschätzen können“ sagt Wulf Pankow von der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP). „E-Zigaretten gibt es dafür einfach noch nicht lang genug, insofern fehlen uns da die Daten.“

„Zahlreiche Hinweise“ auf Gefahren

Wie groß das Problem ist, zeigt die Frage nach dem Krebsrisiko am deutlichsten: Die ersten Studien zur E-Zigarette, die auf einen etwas längeren Zeitraum blicken, werden jetzt veröffentlicht. Beobachtungszeitraum: zwei, manchmal drei Jahre. Um das Krebsrisiko richtig einschätzen zu können, müsste man aber eher 10 bis 20 Jahre anschauen, wie Katrin Schaller erklärt.

Und auch bei anderen Krankheiten lichtet sich der Nebel nur langsam: „Welche Gesundheitsschäden und sonstige Langzeitfolgen der Konsum von E-Zigaretten hat, wissen wir noch nicht“, sagt Pankow. „Gerade mit Blick auf die Lunge und die Gefäße gibt es aber zahlreiche Hinweise, dass der Konsum zumindest nicht harmlos ist.“

Wie süchtig machen E-Zigaretten?

Fest steht auf jeden Fall, dass es sogenannte Akut-Effekte gibt, wie der Pneumologe erklärt, „also eine Belastung der Lunge, die zum Beispiel für Menschen mit chronischen Atemwegskrankheiten ungünstig sind“. Für Asthmatiker ist die E-Zigarette also definitiv nichts.

Hinzu kommt die Suchtgefahr. Auch da gibt es zumindest Hinweise auf ein Problem, wie Pankow erklärt. „E-Zigaretten enthalten auch Nikotin“, sagt er. „Nikotin ist der Stoff, der bei herkömmlichen Zigaretten süchtig macht – deshalb ist davon auszugehen, dass es auch bei E-Zigaretten eine Suchtgefahr gibt.“

Ein Passivrauch-Effekt ist bei der E-Zigarette definitiv ebenfalls vorhanden: Fest steht zum Beispiel, dass die Dämpfe bei Nicht-Konsumenten die Augen reizen können. „Die langfristigen Gesundheitsgefahren sind aber noch vollkommen unbekannt“, sagt Schaller.

Jugendschutz im Mittelpunkt

Aus diesen Gründen kämpfen Fachgesellschaften wie die DGP schon länger darum, E-Zigaretten ähnlich streng zu behandeln wie herkömmliche Zigaretten - hohe Steuern also, Werbeverbote und andere politische Maßnahmen. Wichtigstes Ziel dabei: Jugendliche sollen mit dem Dampfen gar nicht erst anfangen.

Doch die sind gar nicht die Zielgruppe, sagen die Hersteller. „Die E-Zigarette ist kein Produkt für Nichtraucher oder Nichtdampfer“, erklärt Dustin Dahlmann, Vorsitzender des BfTG. „Die einzige Zielgruppe sind erwachsene Raucher, die mit dem Umstieg auf die E-Zigarette das Schadenspotenzial deutlich reduzieren können. Für diese Zielgruppe ist es ein Genussmittel - genauso wie die Tabak-Zigarette eben auch.“

Doppelnutzung ohne Nutzen

Die E-Zigarette als Beitrag zur Entwöhnung? Auch das ist in der Forschung noch umstritten, sagt DGP-Experte Pankow. „Insofern empfehlen wir E-Zigaretten zur Entwöhnung nicht, das kann höchstens bei einzelnen Hochrisiko-Patienten sinnvoll sein, die sonst gar nicht vom Rauchen loskommen.“ Und auch Schaller vom DKFZ hält die E-Zigarette nur dann für eine Alternative, wenn andere Therapieformen oder Nikotin-Ersatzprodukte bei Rauchern gar nicht anschlagen.

„Allerdings müssen sie dann auch vollständig umsteigen“, sagt Schaller - und das ist das nächste Problem. Denn viele tun genau das nicht und nutzen E-Zigarette und herkömmliche Zigarette parallel, wie Studien zeigen. Pankow spricht vom Dual-Use-Problem: „Das hat dann keinerlei gesundheitliche Vorteile im Vergleich zum reinen Tabakkonsum.“