Das ist mal eine delikate Frage: Sind die in den Zoos gleichermaßen zu Unterhaltungs- und Arterhaltungszwecken versammelten Tiere eigentlich nur Nutztiere oder doch noch etwas anderes? Eben diese Frage erhitzt gerade in Nürnberg die Gemüter: Im Tiergarten dort könnte der Löwe Subali getötet werden, weil er unfruchtbar ist. Subali ist also nur ein Kostgänger, der für das Geld, das er kostet, keine Reproduktionsleistung erbringt. So in etwa sieht es Zoodirektor Dag Encke, der sein auf den ersten Blick kaltherziges Nutzenkalkül damit rechtfertigt, dass über einen Löwen nicht anders diskutiert werden dürfe als über jedes andere Nutztier – zum Beispiel eine Kuh, die keine Milch gibt.

Encke neigt da zu einer gewissen Drastik: „Ich kann darin keinen ethisch-moralischen Unterschied gegenüber anderen Gründen, die wir sonst für das Töten von Tieren heranziehen, sehen. Wir essen ausschließlich junge und kerngesunde Tiere, die wir millionenfach für uns schlachten lassen. Ich sehe keinen qualitativen Unterschied, was das Leben von einem Schwein und das Leben von einem Löwen betrifft.“ Encke sagt also, dass sich der moralische Stellenwert eines Löwen im Zoo nicht von dem eines Schweins im Stall unterscheidet – wenn es einen übergeordneten Zweck gibt, sei es die Nahrungsbeschaffung oder die Erhaltung der Art, ist die Tötung eines Lebewesens erlaubt.

Aus der Verantwortung stehlen

In Hinblick auf Letzteres macht der Zoodirektor darauf aufmerksam, dass es in Nürnberg nur Platz für zwei Löwen gebe, die sich dort vermehren sollen, „damit wir immer einen reproduktiven Stamm an jungen Löwen aufrechterhalten“. Die junge Löwin im Zoo stehe fürs Zuchtprogramm bereit. Nun müsse untersucht werden, ob der 14 Jahre alte Subali unfruchtbar sei. „Gesetzt den Fall wir stellen fest, Subali ist steril, so stellt sich die Frage, wo er hinkommt. Findet sich kein Platz, stellt sich die Frage wie bei jedem Kaffernbüffel: Müssen wir das Tier töten? Oder ziehen wir uns aus der Verantwortung und warten einfach, bis das Tier aus Altersgründen stirbt?“

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Guten Morgen aus dem Tiergarten Nürnberg. Da wir täglich weitere Zuschriften zu unserem Löwen Subali erhalten (via PN oder über Kommentare), möchten wir uns hier auch noch ausführlich äußern: In der am Mittwoch, 28. Oktober 2020, online gegangenen Ausgabe des Podcasts „Horch amol“ der Nürnberger Nachrichten spricht der Direktor des Tiergartens der Stadt Nürnberg, Dr. Dag Encke, über die Notwendigkeit des Populationsmanagements. Im Gespräch mit dem NN Chefredakteur erläutert Encke die Herausforderungen eines konsequenten Artenschutzes. Vor dem Hintergrund, dass immer weniger Platz für bedrohte Tierarten zur Verfügung steht, nimmt die Zahl der in ihrem Bestand bedrohten Tierarten zu. Dieses zunehmende Dilemma könnte in Zukunft dazu führen kann, dass in Artenschutzeinrichtungen wie Zoos oder Nationalparks auch Tiere bedrohter, prominenter Tierarten zugunsten des Artenschutzes getötet werden müssten. Als Beispiel für dieses hypothetische Gedankenexperiment bezog sich Encke auf das im Tiergarten Nürnberg gehaltene, möglicherweise unfruchtbare Löwen-Männchen Subali. In der Öffentlichkeit wurde die Aussage des 45minütigen Podcasts darauf reduziert, dass der Tiergarten Nürnberg einen männlichen Löwen töten werde, da er keine Nachkommen züchten könne. Aufgrund dieser sinnverfälschenden Verkürzung des Podcast-Gesprächs, erhielt der Tiergarten Nürnberg viele Zuschriften, die sich gegen die vermeintliche Tötung aussprechen. Darin waren auch sich häufig ähnelnde Fragen und Anschuldigungen enthalten. Wir beantworten deshalb folgende Fragen bzw. gehen auf folgende Vorwürfe genauer ein: 1. Warum wird der Löwe nicht einfach ausgewildert? 2. Warum gibt es für den Löwen keinen Platz? 3. Warum bringt man Subali nicht einfach zurück nach Afrika? 4. Man darf doch kein gesundes Tier töten! 5. Es geht doch eh nur im die süßen Tierbabys, um noch mehr Geld zu verdienen! Den Link findet ihr in unserer Story und in den Kommentaren. Ihr könnt auch gern direkt über unser Profil auf die Website. 📸@stefan_bethmann_photography #meintiergarten - #tiergartennürnberg #tiergarten #nuernberg_de #nürnberg #nuremberg #nurembergzoo #löwe #raubtierportrait

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Was der Zoodirektor möglicherweise übersieht, ist das Affektpotential, wenn es um die Tötung von Tieren im Allgemeinen und vor allem die Tötung von Zootieren im Besonderen geht. Erinnert sei nur an die riesige weltweite Empörung 2014, als der junge Giraffenbulle Marius im Kopenhagener Zoo getötet, vor Publikum zerlegt und dann an die Löwen verfüttert wurde – obwohl er gesund war. Tierschützer rügten das als „unnötige und brutale Inszenierung“ und die übrigen, mehrheitlich wohl Fleisch konsumierenden Menschen wollten vom Tod des Tieres ohnehin nichts wissen. In der Folge der Diskussion verzichten Zoos heute auf die öffentliche Tötung und Verfütterung ihrer Tiere.

Und so gibt sich auch Zoodirektor Encke versöhnlich: „Ich glaube übrigens auch bei Subali nicht, dass wir am Ende in die Bredouille kommen würden, das Tier wirklich töten zu müssen.“ Die Debatte sei aber wichtig. „Es macht offenkundig für Menschen einen Riesenunterschied, ob wir einen Kaffernbüffel töten oder einen Löwen.“ So ist es.