Die Studie konte den Einfluss eines bestimmten Bakteriums, namentlich pks+E. coli, auf den Darm nachweisen. 
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Ein verbreitetes Darmbakterium trägt in einigen Fällen offenbar zur Entstehung von Darmkrebs bei. Bestimmte Varianten von Escherichia coli bilden einen Colibaktin genannten Giftstoff, der das Erbgut schädigt. Das spezifische Muster an Mutationen, die das Bakteriengift in der DNA erzeugt, fanden Forscher um Hans Clevers von der Königlich Niederländischen Akademie der Wissenschaften in Utrecht auch in Tumorproben von Menschen. Die Wissenschaftler stellen ihre Ergebnisse im Fachmagazin Nature vor.

Ergebnisse weisen direkten krebserregenden Effekt nach

„Die Studienergebnisse sind neu, weil sie erstmals einen direkten krebserregenden Effekt durch Bakterien auf das Darmepithel nachweisen“, sagt Erik Thile Orberg vom Klinikum rechts der Isar der TU München, der nicht an der Studie beteiligt war. Die Untersuchung zeige, dass – zumindest in Zellkulturen – eine alleinige Besiedlung mit den Keimen ausreiche, um Mutationen und Krebs auszulösen. Die Bakterienvariante – pks+E. coli genannt – findet sich den Wissenschaftlern zufolge im Darm von etwa 20 Prozent der gesunden Menschen und bei rund 40 Prozent jener Menschen, die eine chronisch entzündliche Darmerkrankung haben.

Bei Menschen mit familiärer adenomatöser Polyposis, bei der der Dickdarm massiv von Polypen befallen ist, sowie bei Darmkrebs-Patienten lässt sie sich in etwa 60 Prozent nachweisen. Das Team um Clevers untersuchte ihre Wirkung an sogenannten Darm-Organoiden. Das sind Zellkulturen, die eine Art Miniaturversion des Darms darstellen.

„Die Studie liefert klare Belege für eine ursächliche Rolle von pks+ E. coli-Bakterien bei der Entstehung mancher Darmkrebsformen und legt so zusammen mit vielen früheren Studien nahe, dass ein besseres Verständnis bakterieller Prozesse bei der Krebsentstehung auch neue Möglichkeiten für Prävention und Therapie eröffnen wird“, kommentiert Georg Zeller vom European Molecular Biology Laboratory in Heidelberg die Ergebnisse.

Impfstoff gegen Colibaktin denkbar

Noch gebe es aber keine Behandlungsmöglichkeiten. Es sei derzeit nicht möglich, mit Antibiotika einzelne Arten aus der komplexen Bakteriengemeinschaft im Darm zu entfernen. Die Studie bekräftige die Idee, in Risikopopulationen im Rahmen eines Screenings gezielt nach den Keimen zu suchen, etwa bei erblichem Darmkrebs, sagt Orberg. Zur Prävention wäre möglicherweise ein Impfstoff gegen Colibaktin oder Colibaktin-produzierende E. coli denkbar.

Die Autoren der Studie weisen darauf hin, dass ihre Ergebnisse auch bei der Bewertung probiotischer Lebensmittel berücksichtigt werden sollten. Das sind etwa Joghurt oder Drinks mit Bakterienkulturen, die eine gesunde Darmflora fördern sollen. „Es gibt Probiotika auf dem Markt, die gentoxische E. coli-Stämme enthalten. Einige werden sogar in klinischen Studien eingesetzt“, sagt Clevers. Diese Stämme sollten kritisch neu bewertet werden.

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) lassen sich 15,4 Prozent aller Tumore auf Infektionen mit Bakterien, Viren und Würmern zurückführen.