„Bitte, können Sie endlich die Hebamme holen“, fleht mich die Frau im Kreißsaal an. Ich bin gerade zwanzig Jahre alt. Und ich bin Hebamme. Vor einem Monat habe ich mein Examen bestanden und kann nun meine ersten Dienste alleine machen, ohne Mentorin oder Ausbilderin. Zu jedem Dienst komme ich viel früher als notwendig, bin aufgeregt und nervös. Aber ich bin auch stolz, dass meine Kolleginnen im Kreißsaal mich als vollwertige Hebamme wahrnehmen und einteilen.

Nach den Diensten falle ich todmüde in mein Bett und kann trotzdem nur schlecht schlafen, weil die Gedanken um die Zeit im Kreißsaal kreisen. Die Frauen, die ich während der Geburt betreue, sind deutlich älter als ich. Sie nehmen mich nicht als vollwertige Hebamme wahr, so jung und unerfahren wirke ich. Es ist nicht immer einfach, sie zu überzeugen, sich trotzdem vertrauensvoll in meine Hände zu begeben. Manche von ihnen weigern sich sogar, sich von mir betreuen zu lassen. So jung kann man doch noch keine Hebamme sein!

Eine Hebamme sollte schon selbst Kinder haben, um den Beruf richtig verstehen zu können. Dass Hebammen selbst ein Kind geboren haben müssen, war im 18. und 19. Jahrhundert noch eine Voraussetzung, diesen Beruf erlernen zu dürfen. Heute ist das keine Bedingung mehr und auch immer mehr Männer arbeiten in diesem alten Traditionsberuf. Viele meiner Kolleginnen haben keine Kinder, und sie sind gute Hebammen, auch ohne die Erfahrung der eigenen Schwangerschaft und Geburt. In den ersten Jahren in meinem Berufsleben waren die Frauen deutlich älter als ich, dann im gleichen Alter und Lebensabschnitt und heute bin ich die mit mehr Lebensjahren und Erfahrung. Die Hebamme und Mama, die das Elternsein in allen Phasen schon hinter sich hat und nun eher der Phase als Oma entgegensieht.

In der Zusammenarbeit mit den jungen Hebammen werde ich oft an diese erste Zeit erinnert. Langsam kommt nun aber auch die Zeit, in der die Babys, die ich begleitet habe, selbst in dem Alter sind, in dem sie Kinder bekommen können. Für mich ein komisches Gefühl im Prozess des Älterwerdens. In 30 Jahren kommen über 3000 Geburten zusammen, die ich in einem Buch aufschreibe. Mein eigenes Geburtenbuch.

Bei einem Hausbesuch eines noch sehr jungen Mädchens, die aus meiner Heimatstadt Dresden kommt, ist auch ihre Mutter, die frischgebackene Oma, zu Besuch. Sie bleibt ein paar Wochen, um ihre Tochter zu unterstützen. Drei Generationen Frauen zusammen am Wochenbett. Ein schöner Rückblick auf die Zeit und wie sich die Kultur der Geburt, des Wochenbettes und der Elternrollen verändert hat. Die junge Frau hat ihr Kind in einer Klinik geboren und dort ist sie von einer jungen männlichen Hebamme betreut worden. Für sie hat das keinen Unterschied gemacht, ob die Hebamme sehr jung ist oder eine Frau oder ein Mann. Ihre Mutter erzählt von der Geburt ihrer Tochter, bei der eine sehr junge Hebamme anwesend war, die sie nicht als voll ausgebildete Hebamme wahrgenommen hat. Sie fragte immer wieder nach der richtigen Hebamme, die nie kam.

Ein Mann als Hebamme wäre für sie damals unvorstellbar gewesen. Sie erzählt, dass sie irgendwann verstanden hatte, dass diese junge Frau, die wirkte, als ob sie 16 Jahre alt wäre, hier im Kreißsaal ihre Hebamme sein würde. Ich musste an meine Erfahrungen der ersten Jahre im Krankenhaus denken und erzählte ihr von meiner damaligen Sicht als junge Hebamme auf die Situation im Kreißsaal. Ich erzählte von meinen Reisen und dem ersten Kontakt mit Männern im Beruf der Hebamme.

In vielen Kulturen der Welt sind Männer als Krankenschwestern und Hebammen selbstverständlich. Beim nächsten Besuch zeigte die Frau mir ihren alten Mutterpass. Die Schrift im Mutterpass erkenne ich und ich kann es kaum glauben, denn sie war eine der Frauen, die ich in den ersten Wochen als examinierte Hebamme betreut habe. Ich werde also ein neue Spalte in meinem Geburtenbuch brauchen für die nachfolgende Generation von Frauen.