In Venedig wurde der Karneval abgebrochen, in Mailand sagten namhafte Label die Fashion Week ab: Szene vor dem Mailänder Dom am Sonntag. 
Foto: dpa/Luca Bruno

Berlin/VenedigDas neue Coronavirus namens Sars-CoV-2 breitet sich global weiter aus. Zum ersten Mal gibt es auch in Europa einen großen Ausbruch. In Italien wurden bis zum Sonntagnachmittag bereits mehr als 130 Infektionsfälle bestätigt. Vor allem die Lombardei und Venetien sind betroffen. Berichten zufolge gibt es bisher zwei Todesopfer.

Ministerpräsident Giuseppe Conte hat die Abriegelung von elf Städten mit etwa 53.000 Einwohnern angekündigt – notfalls auch mithilfe der Streitkräfte. Eine Zeitung sprach von Sperrungen nach dem „Wuhan-Modell“. Betroffen sind die Provinz Lodi, rund 60 Kilometer von Mailand entfernt, und die Stadt Vo in der Provinz Padua. Die Maßnahmen sollen für 14 Tage gelten. „Unsere Botschaft und die deutschen Konsulate in Italien stehen mit den italienischen Behörden in Kontakt für den Fall, dass die italienischen Maßnahmen Deutsche betreffen“, hieß es aus dem Auswärtigen Amt in Berlin.

Die Ausbreitung des Coronavirus in Italien.
Grafik: BLZ/Galanty, Quelle: dpa

Unzählige Schulen und Geschäfte in Italien sind geschlossen. Gottesdienste, Konzerte und Sportveranstaltungen wurden abgesagt, darunter vier Erstliga-Fußballspiele. Auch der berühmte Karneval in Venedig, der noch bis Dienstag laufen sollte, wurde abgebrochen. Einige Modehäuser wie etwa Laura Biagiotti sagten bei der Mailänder Fashion Week ihre Schauen ab, Giorgio Armani zeigte am Sonntag seine Kollektion ohne Publikum.

Österreich stellt Zugverkehr nach Italien ein

Aus Furcht vor Coronavirus-Infektionen hat Österreich den Zugverkehr mit Italien komplett eingestellt. Die staatliche österreichische Eisenbahngesellschaft ÖBB teilte am Sonntagabend mit, alle Zugverbindungen mit dem Nachbarland seien ausgesetzt, weil bei zwei aus Italien kommenden Bahn-Passagieren der Verdacht auf eine Infektion mit dem Coronavirus bestehe.

Schutz gegen Corona- und andere Viren

Hände waschen: Eine wichtige Maßnahme, um Virusinfektionen zu vermeiden, ist es, die Hände regelmäßig und gründlich mit Seife zu waschen. Gründliches Händewaschen dauert 20 bis 30 Sekunden. In öffentlichen Toiletten ist es ratsam, den Wasserhahn mit einem Einweghandtuch oder dem Ellenbogen zu schließen.

Hygiene: Mit ungewaschenen Händen sollte man sich nicht an Mund, Augen oder Nase fassen. Wer krank ist, sollte Abstand zu anderen halten, sich zu Hause auskurieren und enge Körperkontakte zu seinen Mitmenschen vermeiden. Geschlossene Räume sollten mehrmals täglich für einige Minuten gelüftet werden.

Husten und Niesen: Dabei wird geraten, Abstand von anderen zu halten und sich wegzudrehen. Am besten ist es, ein Taschentuch zu benutzen oder sich die Armbeuge vor Mund und Nase halten. All diese Hygieneregeln sind nach Angaben des Robert-Koch-Instituts zurzeit in Anbetracht der Grippewelle ohnehin angeraten.

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Unterdessen wächst bei Experten die Sorge, dass sich die Pandemie nicht mehr aufhalten lässt. „Eine Eindämmung in letzter Sekunde ist wohl auch mit allen verfügbaren Kräften nicht mehr erreichbar“, sagte der Berliner Virologe Christian Drosten am Sonntag. Der Grund: Seine Eigenschaften ermöglichten Sars-CoV-2 eine unbemerkte Übertragung. Wer nur milde Symptome habe, gehe nicht zum Arzt und werde nicht getestet. Einer Modellrechnung des Imperial College London zufolge würde nur ein Drittel der aus China exportierten Fälle überhaupt wahrgenommen. Im Gegensatz zu einer regional begrenzten Epidemie bedeutet eine Pandemie eine länder- und kontinentübergreifende Ausbreitung.

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Laut WHO gab es bis Sonntagmittag weltweit 78.810 registrierte Fälle, die meisten davon in China. Experten vermuten jedoch, dass es weitaus mehr Erkrankte geben könnte. Nach WHO-Angaben waren bis Sonntag 29 Länder und das Kreuzfahrtschiff „Diamond Princess“ betroffen. Insgesamt sollen an Covid-19 mehr als 2460 Menschen gestorben sein. Außerhalb Chinas sind es noch unter 20. Südkorea hat am Sonntag die höchste Warnstufe ausgerufen. Die Türkei und andere Länder schränkten ihren Austausch mit dem Iran ein.

Das größte Problem für eine Eindämmung der Pandemie ist zurzeit, die Ausbreitungswege nachzuverfolgen und Verdachtsfälle zu isolieren, damit sich das offenbar hochansteckende Virus nicht unkontrolliert weiter verbreiten kann und dann zu einer echten Pandemie wird.

Höchste Alarmstufe in Israel

In Israel zum Beispiel herrscht seit dem Wochenende höchste Alarmstufe. Südkoreanische Touristen hatten vom 8. bis 15. Februar eine Pilgerreise durch mehrere Stätten unternommen. Bei ihrer Rückkehr wurde bei 18 von ihnen das Coronavirus festgestellt.

Am Sonntag forderte das israelische Gesundheitsministerium alle Menschen, die mit den Koreanern in Kontakt gekommen sein könnten, auf, sich freiwillig in Quarantäne zu begeben. Diese begann am Sonntag bereits für 180 Schulkinder und 19 Lehrkräfte. Schon am Freitag hatte Israel den ersten Fall im eigenen Lande gemeldet. Es war eine zurückgekehrte Passagierin der „Diamond Princess“, die in Japan bereits zwei Wochen unter Quarantäne gestanden hatte. Sie wurde positiv auf Sars-CoV-2 getestet, was die Frage aufwirft, ob die Quarantänezeit nicht zu kurz ist.

Hinauszögern heißt die Strategie

Zur Frage, ob die derzeitigen Berichte und Maßnahmen nicht übertrieben seien, sagte der Braunschweiger Epidemiologe Gérard Krause, dass es auch in Deutschland bereits weitere Infektions-Cluster über die bisher bestätigten 16 Fälle hinaus geben könnte. Es sei nicht genau abzuschätzen, wie die Schwere, Sterblichkeit und die Risiko-Gruppen aussähen, wenn Covid-19 größere Bevölkerungsteile erfasse. Anders als bei Influenza gebe es gegen Covid-19 bisher keinen Impfstoff oder andere Medikamente.

Was eine mögliche Pandemie betrifft, sagte der Berliner Virologe Christian Drosten jüngst, dass die Sterberate bei Covid-19 vermutlich 0,3 Prozent betrage. Dies liege im Bereich der Grippepandemien von 1957 und 1968. Je nachdem, wie sich das Virus verbreite, könnten sehr viele Menschen sterben. Bei der Hongkong-Grippe 1968 gab es weltweit eine Million Tote.

„Deutschland ist bestmöglich vorbereitet“, heißt es auf der Internetseite des Bundesgesundheitsministeriums. Es verweist auf das Netzwerk von Kompetenzzentren und Spezialkliniken, das gute Warn- und Meldesystem sowie die Pandemiepläne. Koordinator ist das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI). Dessen Strategie ist es, eine Erkrankungswelle möglichst lange hinauszuzögern, um zu verhindern, dass Covid-19 mit der Grippewelle zusammenfällt.

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Ein Sprecher des Gesundheitsministeriums sagte, man stehe im Austausch mit den europäischen Nachbarn und den Bundesländern. Man wolle mit allen Beteiligten an diesem Montag eine Lagebewertung vornehmen und geeignete Maßnahmen prüfen. Am Vormittag werde es eine Schaltkonferenz der EU-Gesundheitsbehörden geben. (mit dpa)