Endlose Weiten: Das Untere Odertal ganz im Nordosten der Uckermark ist einer der heute bundesweit 16 Nationalparks und der einzige im Land Brandenburg.
Foto: imago images

UckermarkEs gibt Orte, die glücklich machen. Und es gibt Menschen, die dafür leben, dass diese Orte erhalten werden. Einer von diesen Menschen ist Michael Succow. Ein Mann, ohne den die Bundesrepublik heute um sehr viele dieser Glücksorte ärmer wäre.

Man kann sich kaum einen glücklicheren Menschen vorstellen als Michael Succow, wenn er am Rande dieses Dünen-Kiefernwaldes namens Lanken steht – eines Waldes, der unter Naturschutz steht. Succow sagt, dass dieser Wald „sich selbst leben darf“.

Der 78-Jährige steht am Ufer der Ostsee und schaut auf die sanft wogenden Wellen des Greifswalder Boddens, eine Brise zaust an seinem weißen Haar. Er ist umringt von etwa 20 Studentinnen und Studenten aus ganz Deutschland. Sie lauschen, was Succow zu erzählen hat, was er weiß über den Seeadler und die hiesigen Heringsbrutgewässer, über die Veränderung der Vegetation seit jener Zeit vor 300 Jahren, da der heutige Nordosten Deutschlands noch schwedisch war. Und natürlich: über die alten Bäume, von denen Succow fast ehrfürchtig spricht: „Jeder Baum hier ist ein Individuum. Jeder Baum hat seine eigene Entfaltung. Also, ein Wald, der eine unheimliche Schönheit …“ Nicht immer führt er seine Sätze zu Ende.

Michael Succow

Herkunft: Succow wird am 21. April 1941 als Sohn eines Landwirts in Lüdersdorf bei Bad Freienwalde im heutigen brandenburgischen Landkreis Märkisch-Oderland geboren. Er ist seit 1965 verheiratet und Vater zweier Töchter.
Studium: Er studiert bis 1965 an der Uni Greifswald, dann arbeitet der Diplom-Biologe als wissenschaftlicher Assistent an der Uni, muss sie allerdings verlassen, wegen seiner Verweigerungshaltung im Zusammenhang mit dem „Prager Frühling“ im Jahr 1968.
Tätigkeit: Danach ist er   Standorterkunder, promoviert mit „summa cum laude“, ist Bodenkundler in der Mongolei, arbeitet als Wissenschaftler und wird 1987 zum Professor ernannt. Vom 15. Januar bis 15. Mai 1990 ist er Vize-Umweltminister der DDR. Danach berät er Nationalparkprojekte. Von 1992 bis 2006 – Professur für Geobotanik und Direktor des Botanischen Institutes und Gartens der Uni Greifswald.

Michael Succow ist einer der bedeutendsten Umweltschützer in Deutschland, ein Moorexperte von Weltrang, ein emeritierter Professor für Geobotanik und Landschaftsökologie – und auch ein ausschweifender Erzähler. Er springt von Thema zu Thema, eines geht ins andere über, alles hängt ja mit allem zusammen. Succow nimmt sich die Zeit dafür. Ist die Zeit aber wirklich mal knapp, weiß er sie zu nutzen. So, wie damals am Ende der DDR, zur „Wendezeit“ 1989/90, als sich der Arbeiter- und Bauernstaat auflöste.

„Tafelsilber der Deutschen Einheit“

Der letzte Beschluss in der letzten Sitzung der letzten DDR-Regierung lautete: 4882 Quadratkilometer des untergehenden Landes werden unter Naturschutz gestellt – das sind knapp 4,5 Prozent des Staatsgebietes. Es sind 14 Großgebiete, darunter fünf Nationalparks, sechs Biosphärenreservate, drei Naturparks.

Michael Succow, der damalige Vize-Umweltminister der DDR, gilt als Vater dieses Nationalparkprogramms. Klaus Töpfer, der damalige Umweltminister der Bundesrepublik, nannte diese Naturschutzgebiete das „Tafelsilber der deutschen Einheit“.

Das DDR-Nationalparkprogramm gilt als ein Coup, den sich selbst die kühnsten grünen Träumer nicht besser hätten ausdenken können – und dann noch mit Happy End. „Ein Jahrhundertwerk, geschaffen in weniger als einem Jahr“, sagt Olaf Tschimpke, der bis Ende 2019 Präsident des Naturschutzbundes (Nabu) in Deutschland war.

Fünf Prozent der Fläche – das scheint für Laien nicht so viel zu sein. Aber die Fläche ist fast 4,5 Mal größer als Berlin. Um die Wirkung dieses Coups zu verdeutlichen, reicht das Beispiel des Landes Brandenburg. Dort sorgte Succows Gruppe dafür, dass erst einmal vier riesige Regionen wie die Schorfheide im Norden und der Spreewald im Süden von nun an geschützte Biotope waren. Dieser Schritt gilt als Initialzündung für weitere Unter-Schutz-Stellungen in den Jahren danach. Sie führten dazu, dass bis heute 42 Prozent des Landes Brandenburg als Naturschutzgebiete gesichert sind: Es gibt elf Naturparks, drei Biosphärenreservate und ein Nationalpark. Ein Vergleich: Im flächenmäßig größten Bundesland Bayern sind 165000 Hektar Naturschutzflächen ausgewiesen, in Brandenburg hingegen 237000. Das bedeutet, dass im halb so großen Brandenburg 40 Prozent mehr Flächen unter Schutz stehen.

Am Zeitgeist vorbei

Dazu kommt ein anderer Punkt. Im Herbst 1990 war für viele die ganz große Euphorie nach dem Mauerfall bereits etwas eingetrübt, politisch standen nun die Mühen der Ebene an. 1990 war eine äußerst wechselvolles Jahr. Einerseits brachte es den DDR-Bürgern das von vielen erhoffte Westgeld und später auch die Deutsche Einheit. Aber es begann auch eine beispiellose Deindustrialisierung. Die frisch gegründete Treuhand-Anstalt sollte die desolate DDR-Wirtschaft  entflechten und in die Marktwirtschaft überführen. Es ging um Millionen Arbeitsplätze. Massenhaft Betriebe sollten verkauft werden, wurden oft zusammengeschrumpft und in vielen Fällen dicht gemacht. Für viele ging es – auch privat – um die nackte wirtschaftliche Existenz. Arbeitslosigkeit hatte es in der DDR offiziell nicht gegeben, nun aber summierte sich der Beschäftigungsabbau allein 1990 auf knapp 850.000 Stellen.

In den Debatten zur anstehenden Vereinigung ging es vor allem um soziale und weniger um ökologische Fragen. Doch in diesen Zeiten der aufkommenden Massenarbeitslosigkeit verfolgten Leute wie Succow ihre Idee vom großangelegten Naturschutz. Das ging am Zeitgeist vorbei und orientierte sich an anderen Dimensionen. Nicht nur am Hier und Jetzt, sondern am ganz großen Ganzen.

Bei Michael Succow, dem Ideengeber, begann die enge Beziehung zur Natur früh. Wer ihn im Wald erlebt, kann sich gut vorstellen, wie er als Junge, der auf einem Bauernhof in Ostbrandenburg aufwuchs, nach der Schule die Schafherde hütete. Stundenlang. Schweigend. Schauend. Lauschend.

DDR-Nationalparkprogramm

Das Programm: Der Arbeitsgruppe um Michael Succow gelang es, innerhalb weniger Monate 14 Großgebiete dauerhaft zu sichern.
Nationalparks: Dazu gehörten fünf Nationalparks – die Vorpommersche Boddenlandschaft, der Jasmund und die Müritz im heutigen Mecklenburg-Vorpommern, die Sächsische Schweiz (Sachsen) und der Hochharz (Sachsen-Anhalt).
Reservate: Zu diesen Nationalparks kamen noch sechs Biosphärenreservaten, zuerst Südost-Rügen in Mecklenburg-Vorpommern sowie Schorfheide-Chorin und Spreewald im Land Brandenburg.
Mittlere Elbe: Zum Programm gehörte auch das sehr langgezogene Reservat Mittlere Elbe, das vor allem in Sachsen-Anhalt liegt, aber auch Flächen in Brandenburg, Niedersachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein einschließt. Außerdem gehörten dazu die Reservate Rhön und Vessertal in Thüringen.
Das Tal: Das Vessertal wurde bereits 1979 unter dem Namen Biosphärenreservat Vessertal mit einer Fläche von 1384 Hektar zum ersten deutschen Unesco-Biosphärenreservat erklärt. Seit 2016 heißt dieses Areal nun Biosphärenreservat Thüringer Wald.
Naturparks: Zum Programm gehörten drei Naturparks. Etwa die Märkische Schweiz bei Buckow, 50 Kilometer östlich des Berliner Alexanderplatzes. Die Märkische Schweiz ist heute das kleinste der 14 Großschutzgebiete in Brandenburg.
Weitere Naturparks: Zum Schutzprogramm gehörte auch die Region Schaalsee in Mecklenburg-Vorpommern, eine 162 Hektar große Naturschutzfläche, die jahrzehntelang gesperrtes Grenzgebiet zu Schleswig-Holstein war – seit 2000 ein Biosphärenreservat. Ein weiterer Naturpark war der Drömling (Sachsen-Anhalt), seit 2019 ebenfalls ein Reservat.

Succow studierte Biologe, musste die Uni Greifswald aber wegen seiner Kritik am DDR-System   verlassen, er konnte zwar später promovieren, doch erst als der Staat implodierte, machte er eine Blitzkarriere: Ende November 1989 wurde er zu einer Umweltgesprächsrunde eingeladen, die im DDR-Fernsehen übertragen wurde – live und unzensiert. Er sprach offen über Umweltschäden, die es in der DDR offiziell gar nicht gab. Anfang Dezember rief Umweltminister Hans Reichelt von der Bauernpartei an und bat Succow darum, sein Stellvertreter zu werden. Reichelt hatte seit 1972 in der DDR das Amt des Ministers für Umweltschutz und Wasserwirtschaft inne. Er soll zu Succow gesagt haben: „Ich habe an das System geglaubt, wurde missbraucht. Sie sind glaubwürdig. Sie müssen es besser machen. Sie haben alle Freiheiten.“

So wurde Succow – der Outlaw – auf der Zielgeraden der DDR kurzzeitig zum Vize-Umweltminister. Er holte seine Weggefährten Hans Dieter Knapp und Lebrecht Jeschke ins Ministerium und ernannt die beiden zuvor vom System Verstoßenen zu den Hauptverantwortlichen für die geplanten Nationalparks sowie für das „Grüne Band“ – zu dem der Todesstreifen entlang der deutsch-deutschen Grenze umgewandelt werden sollte.

Klaus Töpfer schickte den Juristen Arnulf Müller-Helmbrecht aus dem Bonner Umweltministerium nach Ost-Berlin, um Succows Truppe zu helfen, das Programm so zu gestalten, dass es auch zu den neuen gesamtdeutschen Umweltgesetzen passt, die größtenteils am 1. Juli 1990 in Kraft traten – zeitgleich mit der Währungsunion.

Die Leute um Succow dachten anfangs auch nicht, dass übergroße Eile nötig sein würde. Für das Nationalparkprogramm war zunächst ein Zeitplan von zwei bis drei Jahren veranschlagt. Als im August überraschend verkündet wurde, dass die Wiedervereinigung bereits am 3. Oktober vollzogen wird, hätte man dieses bürokratische Mammutprojekt beerdigen müssen – nüchtern betrachtet. „In Bonn war ich inzwischen als Fantast abgestempelt worden“, schreibt Müller-Helmbrecht in einem Buch, „weil ich meine Ostkollegen nicht davon abhielt, an den Verordnungen zu arbeiten.“

Es war keine nüchterne Zeit. Die Menschen hatten die Mauer zum Einsturz gebracht und auch in den Behörden waren Mauern gefallen. „Die Wendezeit“, sagt Michael Succow, „war eine kurze Phase, in der die Menschen beseelt waren. In der auf einmal sehr, sehr viel möglich war.“

Der Alternative Nobelpreis

Der 12. September 1990 war der Tag, an dem sich das Zeitfenster schloss: In Moskau unterzeichneten die Außenminister der Sowjetunion, der USA, Großbritanniens und Frankreichs sowie der beiden deutschen Staaten den „Zwei-plus-vier-Vertrag“, also die Grundlage der deutschen Einheit. In Berlin traf sich der letzte DDR-Ministerrat ein letztes Mal – und verabschiedete das Nationalparkprogramm. Die Schutzgebietsverordnungen wurden Teil des Einigungsvertrages und traten am 3. Oktober 1990 in Kraft.

Dazu gehörten auch die Biosphärenreservate der Unesco, traditionelle Kulturlandschaften mit nachhaltiger Landnutzung verbinden. Die ersten wurden bereits 1979 in der DDR eingeführt, in der Bundesrepublik gab es das Konzept bis zur Einheit nicht. „Es schwappte noch im selben Jahr nach Westdeutschland über“, sagt Succow. Heute gibt es im Osten neun solcher Reservate, im Westen acht – von Rügen bis zur Rhön, vom Schwarzwald bis zum Wattenmeer.

Für seine Lebensleistung erhielt   Succow 1997 den „Alternativen Nobelpreis“. Es wäre ein schönes Ende der Geschichte, aber es wurde der Anfang des nächsten Kapitels. Mit dem Preisgeld legte er den Grundstein für die Michael-Succow-Stiftung, die sich seit 1999 für das Naturerbe in Deutschland einsetzt sowie für Umwelt- und Klimaschutzprojekte etwa in Aserbaidschan und Weißrussland, China, Iran und Äthiopien.

Succow kann davon ausführlich erzählen, von den großen Zusammenhängen und von der konkreten Natur dort am Ufer des Greifswalder Boddens. Manchmal kommt ihm, während er den einen Gedanken ausspricht, schon der nächste in den Sinn – er hat so viele. Er ist ein nachdenklicher Mensch.

Der letzte Beschluss der DDR-Regierung:

  • 4882 Quadratkilometer der Fläche der DDR werden unter Naturschutz gestellt.
  • Das entspricht 4,5 Prozent des damaligen Staastsgebietes.
  • 4 Nationalparks gab es gerade einmal in der Bundesrepublik vor der Deutschen Einheit. Heute sind es 16.

Manche Sätze beendet er dann einfach, indem er den nächsten beginnt. Manchmal schreit oder gurrt oder zwitschert auch ein Vogel dazwischen. „Die Ringeltaube!“ oder „Der große Buntspecht!“ schiebt Succow dann mitten in den Satz, den er anschließend fortführt, als sei dies nur eine kurze Werbeeinblendung für die Wunder des Waldes gewesen. Manchmal, wenn Succow merkt, wie viel er schon wieder geredet hat, wie sehr es aus ihm heraussprudelt, schiebt er ein „So“ ein – wie einen Stöpsel. „So“, sagt er dann. „Ich darf nicht zu viel erzählen.“ Und dann erzählt er meistens weiter.

Wie man scheinbar Unmögliches in Staaten mit scheinbar unmöglichen politischen Rahmenbedingungen schafft – wer wüsste das besser als er? Succow denkt groß, größtmöglich. Succow denkt global. Er erlaubt sich deshalb, obwohl er selbst einst unter der Willkür eines autoritären Staates litt, keine Berührungsängste gegenüber Diktaturen.

Dem weißrussischen Dauerherrscher Aljaksandr Lukaschenko, erzählt Succow, schrieb er mit seinem Freund Michael Otto vom gleichnamigen Versand einen Brief. „Nun darf in den Pripyat-Auen keine Eiche mehr zu Parkett verarbeitet werden.“ Die Volksrepublik China beriet er bei der Wiedervernässung von Mooren – einer wichtigen Klimaschutzmaßnahme – in Osttibet. „Innerhalb kürzester Frist, man glaubt es kaum, wurde alles umgesetzt.“

Sein Blick gilt dem ökologischen System. Politische Systeme sieht er als Instrumente, die sich für oder gegen eine intakte Natur, für oder gegen Glücksorte, einsetzen lassen. Die pragmatische Perspektive öffnet ihm Türen, die politisch positionierten Umweltschützern verschlossen bleiben.

An der Demokratie, sagt Succow, verzweifle er manchmal. Daran, dass sie so langsam und kleinteilig ist, wo doch angesichts des Klimawandels schnelle und große Veränderungen nötig wären. Er kann sich in Rage reden, wenn er über die deutsche Wohlstandsgesellschaft spricht. Dabei ist Succow ein stiller, herzlicher Mensch.

Exkursion zum Thema „Mensch und Natur in Partnerschaft“

Seine Stiftung ist recht klein, denn trotz der inzwischen etwa 30 Mitarbeiter verfügt sie über keinen großen Kapitalstock, was sie zu einer „Bettelstiftung“ macht – wie Succow es nennt. Wirklich betteln muss Succow aber nicht. Wie schon am Ende der DDR kann er sich auf ein großes Netzwerk an Freunden und Unterstützern verlassen: Klaus Töpfer, Michael Otto, aber auch der langjährige Co-Vorsitzende des Club of Rome Ernst Ulrich von Weizsäcker. Oder Dieter Mennekes, ein Unternehmer aus dem Sauerland. Inspiriert von Succow erklärte er vor fünf Jahren, dass er seinen 340 Hektar großen Heiligenborner Wald fortan zur Wildnis werden lässt. Er hat auch das fünftägige Seminar gesponsert, das die 20 Studenten, Umweltwissenschaftler, Landschaftsökologen, Land- und Forstwirtschaftler an die Ostsee geführt hat. Eine Exkursion zum Thema „Mensch und Natur in Partnerschaft“. Mennekes hat die Teilnehmer „Succownauten“ getauft, in der Hoffnung, dass auch sie sich für einen enkeltauglichen Umgang mit der Natur einsetzen.

Succow sagt, er wolle den Studenten etwas vermitteln, das an den Unis oft zu kurz komme. „Eine Erdverbundenheit, eine Ehrfurcht – ja, ich will mal sagen, eine Liebesbeziehung zur Natur.“ Das könnte kitschig klingen, wäre es so dahingesagt. Aber Succow füllt die Worte mit Leben. Als alle am Ende des Seminars auf seiner Streuobstwiese stehen, sagt ein Student: „Wenn man dich von der Natur reden hört, Michel, mit Emotionen, dann ist das etwas, wogegen man sich nicht wehren kann.“ Eine Teilnehmerin will etwas sagen, kann aber nicht. Sie muss weinen. „Vor Glück“, sagt sie. Succow schweigt. Mit rotem Kopf und feuchten Augen.

Auch der alte Wald am Greifswalder Bodden, diese Naturschutzfläche, ist im Besitz seiner Stiftung. Nun, zum 20-jährigen Jubiläum, zieht sie Bilanz: 100 Projekte in 15 Ländern, 20 ausgewiesene Schutzgebiete, 20000 Hektar wiedervernässte Moorflächen, 1400 Hektar eigene Flächen. Für eine kleine Stiftung sind das erstaunliche Erfolge.

Wenn Succow von den Glücksorten erzählt, schwingt überraschend wenig Stolz mit, dafür viel Melancholie. Er erzählt, dass es zuletzt vieles gab, das ihn hat schwermütig werden lassen. Seit er als 13-jähriger Schüler sein Glück beim Schafehüten fand, notiert er seine Naturbeobachtungen in Tagebüchern. Sie dokumentieren den Artenschwund, den Klimawandel, den ökologischen Niedergang durch die industrialisierte Landwirtschaft. Er fragte sich: Was sind da ein paar Naturschutzgebiete wert, wenn ringsum die Welt verspielt und verhökert wird?

Wieder ganz viel Hoffnung

Doch im Vorjahr habe sich die Sicht geändert. Da geschah etwas, das ihn an die Zeit des Mauerfalls erinnerte, in der plötzlich so viel möglich war. Nun gingen Schüler auf die Straße – für eine Wende beim Klimaschutz. Erst ein paar, dann immer mehr. „Völlig unerwartet. Eine Bewegung der Jungen, denen man das überhaupt nicht zutraute. Die mit einer Klarheit, mit einer Konsequenz auftraten, die viele Alte zum Nachdenken brachten. Es gibt manchmal Wunder, die keiner kommen sieht. Das ist etwas, was mir wieder ganz viel Hoffnung gibt.“

Succow steht unter den alten Bäumen, erzählt und erzählt, bis er sich selbst mit einem „So, ich darf jetzt nicht zu viel erzählen“ vergeblich zu bremsen versucht. Man würde sich nicht wundern, wenn er gleich eine dieser bis zu 500 Jahre alten Eichen umarmt oder eine Rotbuche. Macht er nicht. Machen aber drei Succownauten, die Hand in Hand gerade so um den mächtigen Stamm herumreichen. Succow schaut zu, lächelt.

Später, an der Ostsee, zitiert er Antoine de Saint-Exupéry: „Wenn du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer zusammen, um Holz zu beschaffen, sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten, endlosen Meer.“ Ein Satz, der den Geist des Seminars gut einfängt. Ein Satz, der auch für Succows Lebensleistung steht: Auf der ganzen Welt Glücksorte schaffen und schützen, die die Sehnsucht nach intakter Natur wecken.