Ein ruhig schlafendes Kind? Davon können viele Eltern nur träumen.
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Eine meiner liebsten Traditionen ist es, Freunde zum Neujahrsessen einzuladen. Mit allem, was dazugehört. Um 20 Uhr soll es losgehen. Eine Freundin hat drei Kinder, das kleinste ist ein Junge, der mit erstaunlicher Konsequenz ein Mädchen sein mag. Seine Geschwister sind deutlich älter und aus dem Gröbsten raus.

Ich gehe davon aus, dass meine Freundin erst später kommen wird, da der Babysitter sicher beim Zubettgehen Hilfe braucht. Babysitter? Nein, die Großen passen auf den Kleinen auf, das klappt gut. Einen Heidenspaß werden sie haben, denke ich.

Sie schickt eine kurze Nachricht, die Kinder seien noch nicht im Bett und versieht sie mit einem verärgerten Emoji. Ich schaue auf die Uhr: Es ist 19.25 Uhr. Sportlich. 

Ein Gespräch über Schlaf und Erziehung

Wie macht sie das bloß, frage ich die anderen aus unserer Runde, die schon zum Apéro in der Küche sitzen. Es ist bei ihr immer schon so, dass die Kinder pünktlich ins Bett gehen. An dieser Elternzeit ist nicht zu rütteln, die Kinder müssen dann schlafen.

Wir beginnen ein Gespräch über Schlaf und Erziehung. Auf einmal kommen wir auf Ost- und West-Muttis zu sprechen. Meine Erziehungssozialisierung hat im Osten stattgefunden. Ich war mit 26 Jahren eine junge Mutter, damals fast schon zu alt.

Ich habe weder Schlafbuch noch Erziehungsratgeber gelesen, noch habe ich eine bestimmte Philosophie der Erziehung verfolgt. Rückblickend habe ich fast ein schlechtes Gewissen, ganz ohne Literatur ausgekommen zu sein. Das Familienbett war Mitte der 90er-Jahre noch kein Thema. Meine Tochter hat einfach immer in meinem Bett geschlafen.

Gut gemeinte Ratschläge von allen Seiten

Ich fand es absurd, alleine in meinem großen Bett zu liegen und sie in ihrem Schlafzimmer bei geschlossener Tür. Es gibt Bilder, auf denen meine Tochter neben mir unter der dicken Daunendecke schläft. Öffentlich auf Facebook gepostet, würde das eine gut gemeinte Diskussion auslösen.

Heute bersten die Bücherregale in der Baby-und-Kleinkindabteilung auseinander und das Netz ist voller Webseiten, die uns sagen was richtig und was falsch ist. Das Schlafen und das Familienbett sind zur Religion geworden, wie Stillen, Geburt, Wochenbett und Beikost auch. Mütter starten eigene Blogs zum Thema Schlafen und Erziehung, selten mit ermutigenden Zeilen, seinen eigenen Weg zu finden.

Mangel an Schlaf, der Beziehungskiller Nummer eins

Zu jedem Thema gibt es Beratungen und Coaching. Wird uns abgenommen, selbst zu erfühlen, was für uns stimmig ist? Werden wir zu einer Beratungsgeneration?

Der Schlafmangel, den Frauen schon in der Zeit der Schwangerschaft ansammeln, steigert sich bis zum dritten Lebensjahr des Kindes zu ganzen sechs Jahren. Ein Schlafforscher stellte in einer Untersuchung fest, dass dieser Mangel an Schlaf der Beziehungskiller Nummer eins ist. Jede Mama weiß, wie schnell man lernt, in Nullkommanix einzuschlafen, denn man ist so unglaublich müde, dass jede Minute zählt.

Der Tag wird streng in Schlafeinheiten eingeteilt. Während die letzten Partygänger mit Glitzer im Gesicht den Weg nach Hause finden, schieben müde Väter Kinderwagen durch die Stadt, auf der Suche nach einem Bäcker. Geschlafen wird nämlich in Etappen. Sind wir heute müder, als unsere Eltern es waren?

Macht es einfach, wie ihr euch wohlfühlt!

Es ist gut, dass wir informierter sind, uns austauschen, Dinge infrage stellen und die Bedürfnisse unserer Kinder anders wahrnehmen. Wir wollen es besser machen. Haben das unsere Eltern nicht auch gesagt?

Ich bekomme häufig Fragen zum Schlafen und zum Verwöhnen der müden Eltern. Ich möchte dann am liebsten antworten: „Macht es einfach, wie ihr euch wohlfühlt! Was richtig und was falsch ist, weiß ich auch nicht – aber stell dir vor, du stehst in der Küche und möchtest umarmt werden, weil es gerade anstrengend ist, und dein Mann sagt Nein, heute gibt es keine Umarmung, sonst würde ich dich ja verwöhnen.“

Die Freundin kommt etwas zu spät zum Essen. Auf meine Frage, ob alle Kinder schlafen, schaut sie mich schmunzelnd an und fragt: „Gibt es einen Aperitif?“ Richtig, denke ich, mach es, wie du es magst.