Berlin - Der 12. Mai ist der Internationale Tag der Pflege. In Deutschland droht er zum Tag der Sonntagsreden zu verkommen. Es werden Pflegerinnen und Pfleger des Jahres gekürt. Es wird die Arbeit in Kliniken und Senioreneinrichtungen als systemrelevant eingestuft. Es wird gelobt, was das Zeug hält, wird gefordert, was zu fordern ist. Das Problem mit Gedenktagen besteht allerdings darin, dass sie rasch vorübergehen und der Mensch zur Vergesslichkeit neigt. Auch nach der Corona-Pandemie wird das nicht anders sein. Erste Tendenzen sind bereits zu erkennen. In Berlin zum Beispiel.

Die Investitionen in Kliniken drohen künftig wieder zusammengestrichen zu werden. Die Berliner Krankenhausgesellschaft (BKG) nimmt in Person ihres Geschäftsführers Marc Schreiner vorsichtshalber die Politik in die Pflicht. In den zu verhandelnden Doppelhaushalt 2022/2023 müssen massiv finanzielle Mittel eingestellt werden, um bessere Arbeitsbedingungen zu gewährleisten. Das ist nicht nur die Ansicht der BKG. Das ist die Lehre, die Corona das Management und die Politik im Gesundheitssektor gelehrt hat.

Der allseits beklagte Fachkräftemangel ist nämlich eine Fachkräfteflucht. Nur 7,5 Jahre bleibt eine Pflegefachkraft in ihrem Beruf, dann steigt sie aus. Die Arbeit ist physisch und psychisch hart, sie wird nicht der Belastung entsprechend entlohnt, sie wird mancherorts immer noch von starren Dienstplänen bestimmt. Wie unter diesen Umständen jene 10.000 zusätzlichen Mitarbeiter in Alten- und Krankenpflege für Berlin gewonnen werden sollen, die laut einer Studie des Deutschen Krankenhausinstituts (DKI) bis 2030 benötigt werden, ist rätselhaft.

Investitionen in Kliniken sind Sache der Bundesländer, manche haben sich ganz davon verabschiedet, überall wird zumindest daran gespart. Vor allem deswegen fahren rund ein Drittel bis die Hälfte aller Krankenhäuser in Deutschland seit mehr als zehn Jahren Verluste. Auch das hat das DKI berechnet, im Sommer 2020, und es hat einen jährlichen Investitionsstau von insgesamt 4,3 Milliarden Euro bundesweit ermittelt. Sieben Milliarden beträgt der Bedarf, 2,7 Milliarden schießen die Länder zu.

Um die nötigsten Ausgaben bestreiten zu können, zweigen Häuser Geld ab, das eigentlich für Behandlungen vorgesehen ist und von den Krankenkassen, dem Beitragszahler also bereitgestellt wird. Fallpauschalen regeln die Preise für jene Behandlungen, wobei sich private Anbieter eher auf lukrative Bereiche wie Gelenkprothetik konzentrieren können. Mit den Privaten stehen die kommunalen Alleskönner wie etwa der Berliner Vivantes-Konzern in einem Wettlauf. Die einen laufen mit Spikes, die anderen mit Gummistiefeln.

Der angeblich freie Wettbewerb ist ohnehin alles andere als das: frei und ohne Reglement. Bei den Ausgleichszahlungen für die Versorgung von Corona-Patienten wurde das besonders deutlich. Kliniken der Grund- und Regelversorgung hatten das Nachsehen. Das strategische Ziel dahinter ist, die Zahl der Krankenhäuser in Deutschland von derzeit 1900 auf rund 600 zu reduzieren. Dadurch werde die Qualität der Versorgung gesteigert, sagen Gesundheitsökonomen. Eine Konzentration auf große Standorte verbessert demnach das Verhältnis von Pflegekräften zu Patienten. Interessante Rechnung.

Pflege-Krise: Beitragszahler trifft auf Aktionär

Ebenso unauflösbar erscheint der Interessenskonflikt zwischen einer Solidargemeinschaft mit ihren Beitragszahlern und Klinikkonzernen, die ihren Aktionären in Form von Dividenden verpflichtet sind. Daseinsvorsorge und Gewinnausschüttung passen nicht zusammen, Gesundheit ist kein Wirtschaftsfaktor. Und doch wird er so behandelt. Die Folge ist Kostendruck. Der wird an die Pflegekräfte weitergereicht.

Was letztere von dem System halten, zeigt sich klar und deutlich: Es ist eine Abstimmung mit den Füßen. Geschätzt mehr als 120.000 Pflegekräfte haben sich in Deutschland von ihrem Beruf abgewandt. Viele bleiben bei ihrer Berufung, wechseln aber in die Leiharbeit, weil diese höhere Flexibilität und Löhne garantiert. Das geht zulasten der Qualität, bedroht den sozialen Frieden in den Kliniken. Einerseits, andererseits müssten etliche Stationen ohne die Springer Betten abmelden, den Betrieb einstellen.

Das System ist krank und macht krank – diejenigen, die andere gesund machen. Klingt nach einer Sonntagsrede. Ist aber eine Aufforderung an die Politik. Sie gilt ganzjährig, nicht nur zum 12. Mai.