Berlin/Halberstadt - In jeder Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ zählt die Folge des großen Umstylings, in der die Kandidatinnen neue Frisuren verpasst bekommen, zu den Highlights. Auch spätere Gewinnerinnen wie Lena Gercke mussten viele Haare lassen, aus langmähnigen Brünetten wurden plötzlich raspelschnittige Platinblondinen, andere erhielten Extensions oder einen strengen Pony. Die ein oder andere Träne fließt verlässlich, Proteste allerdings helfen wenig – wenn Modelmama Heidi ihr Stylistenteam entsprechend befehligt, dann kommt die Wolle ab.

Insofern kann man durchaus gewisse Parallelen ziehen zu einem coiffeuristischen Event, der sich im Tiergarten von Halberstadt in Sachsen-Anhalt ebenfalls alljährlich ereignet. Denn auch beim öffentlichen Schaufrisieren der Alpakas gibt es kein Pardon: Einmal im Jahr müssen die Tiere geschoren werden, frei nach dem Motto: Flausch weg, Luft ran.

In diesem Jahr war Schafschererin Stefanie Kauschus verantwortlich fürs Herrichten der Sommerfrisuren. Bei den hohen Temperaturen der letzten Tage höchste Zeit: Mit zu viel Wolle am Körper können die Tiere einen Hitzschlag bekommen. David Neubert, der Leiter des Tiergartens berichtet, ein Alpaka sei bei der Hitze fast jeden Tag mit dem Wasserschlauch abgespritzt worden. Die anderen mussten sich schattige Plätze suchen.

dpa/Matthias Bein
Friseurtermin: Stefanie Kauschus (r.) setzte bei den Alpakas die Schermaschine an.

Mit Stefanie Kauschus haben sich die Halberstädter jedenfalls einen Vollprofi an die Seite geholt. Kauschus hat in Halle an der Saale und in Wien Agrarwissenschaften studiert und ist seit vielen Jahren weltweit als professionelle Schafschererin unterwegs, hauptsächlich in Neuseeland und Australien. Sie nimmt an Meisterschaften teil und hat über ihre Passion ein Buch geschrieben, darin beschreibt sie alle relevanten Techniken der Boden- und Bankschur und stellt erfolgreiche Schafscherer in Porträts vor.

Nicht alle Schafscherer haben Lust auf Alpakas

Die sieben Alpakas in ihrer Heimat Sachsen-Anhalt haben am Mittwoch jedenfalls ordentlich Fell gelassen. Um jeweils rund drei Kilo Haar hat Kauschus die Paarhufer erleichtert, dafür benötigte sie durchschnittlich 20 Minuten pro Tier. Damit die flauschige Wolle weiterverwendet werden kann, werden die gesammelten Säcke an Spinnereien weitergegeben. „Die machen da Garn draus. Und wenn ich Glück habe, bekomme ich ein Wollknäuel zurück“, so Kauschus.

Schließlich wird Vicugna pacos, eine aus den südamerikanischen Anden stammende, domestizierte Kamelform, vorwiegend wegen ihrer Wolle gezüchtet. Auch in Europa werden immer mehr Alpakas gehalten, teils als Hobby, teils zur Züchtung. Hierzulande gab es 2018 etwa 20.000 Tiere, die wegen ihres ruhigen und friedlichen Charakters auch in der tiergestützten Therapie eingesetzt werden.

Und so zählt auch Stefanie Kauschus Alpakas immer häufiger zu ihren Kunden. „Nicht alle Schafscherer haben da Lust drauf“, sagt sie. Ihr gefallen aber die Wolle und die Tiere – eine willkommene Abwechslung. Auch wenn Schafe scheren aus ihrer Sicht einfacher ist: „Beim Alpaka brauche ich mindestens eine weitere Person, wenn nicht sogar drei.“ Wenn allerdings zu viele Menschen anwesend seien, löse das bei dem Tier Stress aus. Eine heikle Sache, die viel Fingerspitzengefühl und Erfahrung erfordert.

Denn die Tiere sind wehrhaft und nicht jedes will bei der Aussicht auf einen neuen Haarschnitt stillhalten. Aber am Ende kann sich der Vorher-nachher-Effekt sehen lassen – und in Anbetracht der frisch geschorenen Tiere kann nun wirklich niemand sagen: „Ich habe heute leider kein Foto für dich.“ (mit Material von dpa)