Berlin - Sie haben gleich die Hand gehoben. So drückt es Reiner Kern von der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) aus, als es um den digitalen Ausweis für vollständig gegen das Coronavirus Geimpfte geht. Der soll von Montag an nachträglich erhältlich sein. Dann wird die Funktion auf dem Internetportal mein-apothekenmanager.de für Kunden freigeschaltet. Die technischen und logistischen Voraussetzungen bestehen schon. Die Branche ist bereit.

An diesem Mittwoch begannen die Apotheken, sich für die Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums zu registrieren. „Nach den bisherigen Erfahrungen während der Pandemie gehen wir davon aus, dass die Beteiligung nach dem Start bundesweit rasch eine vierstellige Höhe erreichen wird“, sagt Kern. Das Interesse ist jedenfalls groß bei den potenziellen Anbietern des neuartigen Services. „Es gibt derzeit extrem viele Nachfragen von Apotheken bei unserer Support-Hotline“, sagt Kern. „Es dürfte so sein, dass jeder interessierte Kunde eine Apotheke in seiner Nähe finden wird, die seinen Impfausweis digitalisiert.“ In Deutschland gibt es rund 20.000, in Berlin mehr als 770 öffentliche Apotheken, wie viele davon an der Kampagne teilnehmen, kann die ABDA allerdings nur schwer schätzen.

Als Grundlage der digitalen Version dient der analoge Impfpass, das gelbe Dokument, das die abgezeichneten und abgestempelten Belege eines Impfzentrums oder einer Praxis enthält. Der Kunde wird registriert und erhält einen QR-Code fürs Smartphone, mit dem er sich bei Bedarf ausweisen kann. „Der Vorteil ist: Anders als die analoge Variante kann man den digitalen Impfnachweis nicht verlieren“, sagt Kern. Trotz der Vorzüge wagen sie bei der ABDA keine Prognosen, wie hoch die Nachfrage sein wird. Die Urlaubssaison steht bevor, einerseits. Andererseits sind erst 20 Prozent der Erwachsenen hierzulande vollständig geimpft. „Außerdem wird ja auch der gelbe Ausweis bei Auslandsreisen akzeptiert“, sagt Kern.

Die Echtheit des gelben Passes prüfen die Apotheker nicht gesondert in etwaigen Datenbanken, technisch ist ihnen dies nicht möglich. Die Anbieter dagegen sind über eine sogenannte Telematik-ID registriert, mit deren Hilfe sich jede Apotheke in Deutschland identifizieren lässt. „Unbefugte können sich nicht in das System einschleichen“, sagt Kern.

Die Kosten von voraussichtlich 18 Euro pro digitalisiertem Impfpass muss nicht der Kunde direkt begleichen. Unklar war zunächst allerdings der Abrechnungsweg, die Frage, ob die Krankenkassen oder die öffentliche Hand aufkommen. Das Bundesgesundheitsministerium verwies lediglich auf eine Pressekonferenz an diesem Donnerstag.

Apotheken gehen an ihr Limit

Die Apotheken wurden kurzfristig in die Kampagne einbezogen. In den Fokus der Verantwortlichen beim Bundesgesundheitsministerium rückten auch Arztpraxen. Allerdings kritisierten etliche niedergelassene Mediziner, schon jetzt durch die Impfungen an ihre Grenzen und darüber hinaus gelangt zu sein und weitere Aufgaben nicht übernehmen zu wollen.

Die ABDA ist zuversichtlich, dass sich am Ende viele Apotheken beteiligen werden, weiß allerdings auch um die schwierigen Begleitumstände, denn: „Viele“, sagt Kern, „sind personell schon jetzt am Limit, weil sie in der Pandemie zusätzliche Aufgaben übernommen haben.“ Das allerdings sei auch eine Stärke. „Apotheken sind durch die Pandemie auf ein hohes Tempo trainiert.“ Sie fungieren als Teststelle, sind in die Verteilung von Impfstoff an Praxen eingebunden, arbeiten vor allem digital, sind digital stark vernetzt: Warenbestände, Bestellungen, Datenbanken über Wirkungen und Nebenwirkungen von Präparaten – nichts läuft mehr analog „im Backoffice“, sagt Kern, „schon seit vielen, vielen Jahren“.

Deshalb auch die schnell gehobene Hand, als die ABDA beim Thema Impfpass unlängst ins Blickfeld der politisch Verantwortlichen rückte. Technisch sieht die Interessenvertretung ihre Mitglieder für die kommende Aufgabe gut gerüstet. Auch wenn die Entwicklung „auf Projektebene ein Sprint ist“, wie Kern sagt. Die Software für den digitalen Ausweis dockt an das bestehende System der Apotheken an. 

Es ist ein Anfang. Den digitalen Nachweis soll man sich künftig direkt in Praxen oder Impfzentren erstellen lassen und dann per Smartphone nutzen können. Insgesamt rechnet das Bundesgesundheitsministerium mit Entwicklungskosten von rund 2,7 Millionen Euro. Die EU-Länder und das EU-Parlament hatten sich kürzlich auf Details eines europaweiten Zertifikats geeinigt, mit dem man Impfungen, Tests und überstandene Covid-19-Erkrankungen belegen kann. In Berlin läuft bereits ein Test unter Federführung der Senatsverwaltung für Gesundheit. Er ist Teil eines bundesweiten Pilotprojekts. Rund 30 vollständig geimpfte Berliner pro Tag erhalten dafür einen Nachweis per QR-Code.