Berlin - Virologe mit sieben Buchstaben – vor einem Jahr hätte man da passen müssen, jetzt ist es eigentlich zu einfach. Christian Drosten ist der Aufsteiger des Jahres, und in seinem Gefolge viele andere Virologinnen und Virologen. Melanie Brinkmann, Hendrik Streeck, Jonas Schmidt-Chanasit zum Beispiel. Ihre Prominenz kommt so unvorhergesehen wie die ganze Pandemie. In der Corona-Krise sind sie die Superhelden, die das Monster niederringen müssen: In dem Video der Berliner Punkband ZSK zu ihrem Song „Ich habe Besseres zu tun“ tötet Christian Drosten Corona-Erreger nur mit seinen Blicken.

Auch bei Twitter wurde Drosten im Corona-Jahr zum Star. Der Virologe hat in dem sozialen Netzwerk 2020 deutschlandweit das größte Wachstum an Followern verzeichnet, wie der Jahresrückblick des US-Unternehmens für Deutschland gerade erst zeigte. Und der Hashtag #corona belegte Platz eins der Liste am häufigsten verwendeter Schlagwörter bei Twitter.

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Christian Drosten,  Chefvirologe der Berliner Charité.

Zuweilen wird gar von einer Herrschaft der Virologen gesprochen - schließlich behaupten Politiker mitunter, sie würden nur ausführen, was die Experten ihnen vorgäben. Der Soziologe Armin Nassehi von der Universität München - der selbst immer wieder von Bundespolitikern um Rat gefragt wird - glaubt das allerdings nicht: „Es gibt keine Herrschaft von Wissenschaftlern. Wissenschaftler stellen Forschungsergebnisse zur Verfügung, aber die Politik muss das in Entscheidungen umsetzen.“

DFG-Präsidentin Becker: Virologen sollten mit einer Stimme sprechen

Das geschehe nie eins zu eins, schon deshalb nicht, weil die Erkenntnisse und Empfehlungen der Wissenschaftler selten eindeutig seien. „Schon die einzelnen Virologen ziehen ja oft sehr unterschiedliche Schlüsse“, sagt Nassehi. „Und dann werden ja nicht nur sie gefragt, sondern auch Psychologen, Pädagogen, Juristen, Sozialwissenschaftler...“

Die Präsidentin der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG), Katja Becker, würde sich wünschen, dass zumindest die Virologen öfter mit einer Stimme sprächen. „Wenn Sie zehn Virologen eine Frage stellen, erhalten Sie unter Umständen mehrere verschiedene Antworten.“ Das sei einerseits zwar verständlich, denn jeder habe seinen eigenen Erfahrungshorizont. Zielführender wäre aber gerade in der aktuellen Pandemiesituation, wenn die Wissenschaftler zunächst untereinander diskutieren und sich dann möglichst auf eine gemeinsame Linie einigen würden. „Das wird aktuell leider zu selten getan“, bedauert Becker.

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Melanie Brinkmann, Arbeitsgruppenleiterin des Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung in Braunschweig. 

Christian Drosten hält schon seit Anfang des Jahres die Pole-Position unter den Pandemie-Erklärern. Sein „Coronavirus-Update“ hatte allein bis zur Sommerpause mehr als 60 Millionen Abrufe und wurde mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. Daraus dürfe man allerdings nicht schlussfolgern, dass Millionen Drosten-Hörer den Ehrgeiz hätten, das Corona-Thema wirklich zu durchdringen, schränkt der Medienpsychologe Frank Schwab von der Universität Würzburg ein.

Christian Drosten hat „Funktion eines Flugkapitäns“

„Aus der Nachrichtenforschung wissen wir, dass die Leute die Tagesschau nicht unbedingt einschalten, um sich zu informieren. Die meisten können kurz nach dem Ende der Sendung weniger als 20 Prozent der Meldungen wiedergeben.“ Das Nachrichtenschauen habe eher die Funktion eines Screenings: Ist noch alles in Ordnung? Viele Menschen mögen es auch, den Abend mit Marietta Slomka oder Ingo Zamperoni abzuschließen - sie sind für sie wie gute Nachbarn, die man zu kennen glaubt. Die Medienforschung bezeichnet das als „parasoziale Beziehung“. „Und das ist bei Herrn Drosten vermutlich ähnlich“, sagt Schwab.

Eine Kölner Medizinerin - die lieber nicht namentlich genannt werden will - ist wochenlang mit dem Drosten-Podcast eingeschlafen, weil sie seine Stimme so angenehm und beruhigend findet. Der Wissenschaftsjournalist und Fernsehmoderator Ranga Yogeshwar ist überzeugt: „Christian macht das super, aber er ist absolut nicht verständlich. Ich glaube eher, dass er für die meisten Menschen die Funktion eines Flugkapitäns hat: Der klingt auch bei Turbulenzen noch so, als ob er alles im Griff hat.“

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Jonas Schmidt-Chanasit, Leiter der Arbovirologie am Bernhard-Nocht-Institut in Hamburg.

Kann man aber zumindest davon ausgehen, dass die Wissenschaft im Corona-Jahr 2020 einen Ansehenszuwachs verbucht hat? „Auf der einen Seite gibt es schon eine große Achtung vor der unfassbaren Leistung, in so kurzer Zeit Impfstoffe zu entwickeln“, bestätigt der Soziologe Nassehi. „Auf der anderen Seite erleben wir aber auch Wut und Unverständnis, etwa darüber, dass sich die Wissenschaft permanent selbst korrigiert.“

Wollen kleine Kinder jetzt Virologen werden?

Manche Virologen, die heute die Maskenpflicht verteidigen, äußerten sich vor einem halben Jahr noch skeptisch dazu. „Was aber eben daran liegt, dass sie heute mehr wissen als damals. Aber für die Öffentlichkeit ist das unheimlich schwer. Das Publikum denkt: „Was sollen wir damit anfangen? Einmal sagen sie dies, einmal jenes.““ So kommen in diesem Jahr Hochachtung und Enttäuschung zusammen. Aber das sei unvermeidbar, meint Nassehi, „denn das gehört zur Arbeitsweise von Wissenschaft: permanente Selbstkorrektur und Weiterentwicklung.“

Wollen kleine Kinder jetzt Virologen werden? DFG-Präsidentin Becker kann sich das durchaus vorstellen. „Das wäre ein schöner Effekt. Ich glaube, dass gerade von der biomedizinischen Forschung eine enorme Faszination ausgeht.“

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Hendrik Streeck, Direktor des Institut für Virologie an der Uniklinik in Bonn. 

Ranga Yogeshwar schränkt allerdings ein, dass es immer wieder Phasen gegeben habe, in denen die Wissenschaft besonders gefragt gewesen sei - ein Beispiel dafür sei die Atomkatastrophe von Fukushima vor fast zehn Jahren. Damals wurde auch er als Experte durch die Talkshows gereicht: „Heute erinnert sich niemand mehr daran.“

Yogeshwar rechnet damit, dass die Menschen die Pandemie möglichst schnell verdrängen werden, wenn sie erst einmal überstanden ist. „Dann wird man bestimmte Namen und Gesichter mit dieser schlimmen Zeit assoziieren, und schlechte Zeiten will man vergessen.“ Der Medienprofi Yogeshwar hat Christian Drosten deshalb schon im Frühjahr vorgewarnt. „Ich habe zu Christian gesagt: Jetzt wirst du gefeiert, am Ende wirst du verbrannt.“ Dieser habe ihn daraufhin ein bisschen verdutzt angesehen. „Aber ich glaube, inzwischen weiß er genau, was ich gemeint habe.“